Schatzkammer früher islamischer Kunst

Ein Besuch der Bumiller Collection in Bamberg

Schatzkammer früher islamischer Kunst

 Dergleichen ist tatsächlich kaum zu glauben: Da darf Bamberg mit der sogenannten Bumiller Collection eine weltweit zumindest in Teilen wahrhaft einmalige Sammlung ihr Eigen nennen, und doch wissen die wenigstens Einheimischen von dem Schatz, den die Weltkulturerbestadt da bewahrt. Zugegeben, der Eingang zu dem Universitätsmuseum für Islamische Kunst liegt etwas versteckt, in der Hasengasse nämlich, zwischen Au-straße und Kapuzinerstraße. Der Weg dorthin aber lohnt sich allemal, denn in dem vielstöckigen historischen Haus (im Erdgeschoss hat Gregor Trautmanns Modernes Antiquariat Fundevogel Einzug gehalten) in der Austraße 29 befinden sich inzwischen weit über siebentausend Exponate, die überwiegend aus der Zeit vom 7. bis zum 13. Jahrhundert stammen.

Das Museum verdankt sich dem bis heute ungebrochenen Engagement und Enthusiasmus von Manfred Bumiller, der sich bei unserem Besuch – an einem siedend heißen Augusttag – zweieinhalb Stunden Zeit nahm, um uns durch seine Schatzkammer zu führen, obgleich er zumeist auf einen Gehstock angewiesen ist und auch die Hitze nicht mehr wirklich verträgt. Die Begeisterung für die islamische Kunst ist ihm aber genauso wenig abhandengekommen wie sein niederrheinischer Schalk, sein bisweilen durchaus skurriler Humor. Geboren ist Bumiller 1928 (am Bloomsday, dem Tag, an dem der Jahrhundertroman „Ulysses“ spielt) in Neuss. An der Universität zu Köln hat er Wirtschaftswissenschaften studiert und war von 1958 an als Steuerberater tätig, mit großem Erfolg. Zur Koryphäe für die aus dem zumeist aus dem heutigen Iran und Afghanistan stammende Kunst wurde er per Zufall.

Es muss, erzählt Bumiller, ungefähr im Herbst 1980 gewesen sein, als er für seine Lebensgefährtin ein Gemälde von Eduard Schleich dem Älteren, der der Münchner Schule zuzurechnen ist, hatte erstehen wollen. So kam es zu der Begegnung mit dem im vergangenen Mai verstorbenen Kunsthistoriker Siegfried Wichmann, der ihm, Bumiller, freilich auf den Kopf zusagte, dass er keine Ahnung von Malerei habe und es auf diesem Gebiet zu nichts bringen werde. Stattdessen solle er sich doch dem Sammeln von islamischen Metallgegenständen verschreiben, denn er, Wichmann, der selbst islamische Keramik sammelte, habe in Europa bislang noch niemanden gefunden, der sich darum bemühe. Und er versprach, Bumiller in die islamische Kunst einzuführen.

Im darauffolgenden Sommer konnte der Noch-Novize Bumiller die ersten islamischen Metallobjekte erstehen, darunter eine Messing- und eine Stahlschale sowie ein Räuchergefäß in Form einer Löwenfigurine, das
12 000 DM wert war. Peu à peu und mit dem ihm eigenen unermüdlichen Eifer (auch an den Wochenenden, auch an Feiertagen) arbeitete sich der Kaufmann und Steuerberater in die für ihn gänzlich neue Materie ein. Er studierte Fachliteratur, besuchte Museen, ging auf die großen Auktionen in London, lernte aus anfänglichen Fehlern – und hat so eine Kollektion zusammengebracht, die längst ihresgleichen sucht. Und die seit Mitte Januar 1995, als das Museum offiziell mit einem Festakt eröffnet wurde, in Bamberg ihr Zuhause hat. (Seit diesem Juni, dazu später mehr, unterhält die Bumiller Collection eine Dependance in Berlin-Kreuzberg.)

Der Standort Bamberg ist, mehr oder weniger, dem Zufall, oder vielleicht doch dem Schicksal, zu verdanken. Seine Lebensgefährtin stammt aus der Domstadt, und 1992 hatte Bumiller in Bamberg an einem islamwissenschaftlichen Symposion unter Leitung von Klaus Kreiser und Bert Fragner teilgenommen. Hatte die Sammlung zunächst noch in Bumillers Münchner Büroräumen Platz gefunden, wuchs die Zahl der Exponate durch fortlaufende Neuerwerbungen derart an, dass 1986 die Weiß-Ferdl-Villa in München-Solln erworben und in deren Parterre zwei Schauräume eingerichtet wurden. „Doch“, schreibt der „leicht skurrile, nicht immer seriöse Herr Manfred P. F. Bumiller“ in einer kleinen Festschrift, die er sich selbst zum Fünfundsiebzigsten zugedachte, doch „wie es bei einem leicht Irrsinnigen kommen musste, wuchs die Sammlung ungehemmt weiter, und zwar bis Ende: 1987 auf 941 Objekte, 1988 auf 1277 Objekte, 1989 auf 1536 Objekte, 1990 auf 1733 Objekte, 1991 auf 2028 Objekte“. Mit dem Jahresabschluss 1992 hatte Bumiller es auf 2267 Gegenstände gebracht. Freilich auch deshalb, wie der Sammler einräumt, weil es ihm, anders als dies in den großen Museen gehandhabt wird, nicht um den Erwerb von in höchstem Grade exzeptionellen Einzelstücken, von veritablen Rarissima, geht, sondern weil er ganze Entwicklungsreihen möglichst vollständig aufzeigen möchte. Der inzwischen Siebenundachtzigjährige spricht vom „Briefmarken-Sammler-Prinzip”. Der aktuelle Bestand umfasst rund 7000 Exponate, wobei der Scherpunkt auf Bronze- und Metallgegenständen liegt, und zwar vor allem solchen des täglichen Gebrauchs im Haushalt.

Freilich finden sich auch Objekte aus Keramik und Glas, aus Stein, aus Elfenbein und Hanfpapier. Das Gros stammt aus der Zeit vom 7. Jahrhundert bis ins 13. Jahrhundert hinein. Ohne Beispiel dürfte die Sammlung von Öllampen sein. Auch Kannen sind zu entdecken, Münzen, vielerlei Anhänger, Schmuck, Flakons, Flügelschalen und Kosmetikgefäße, (Koran-)Handschriften und Schreib-utensilien, medizinische Instrumente, Laborgeräte, Vorhängeschlösser und Beschlagteile. Baderaspeln gibt es und Messbecher, Eichmarken und Plomben, Streitkolben, Kacheln und Türbeschläge, sogar Grabsteine, Gebetssiegel, einige wenige Teppiche. Gefunden wurden die Ausstellungsstücke zumeist entlang der Seidenstraße, vom Mittelmeerraum über den Irak und den Iran, Afghanistan und Usbekistan, Tadschikistan bis hin nach China.

Und die benötigen selbstverständlich Platz. Das denkmalgeschützte Gebäude in der Austraße 29 (das genaue Baudatum ist unbekannt; die erste urkundliche Erwähnung geht auf 1321 zurück; sehenswert sind beispielsweise die Stuckarbeiten von Johann Jacob Vogel) wurde von Bumiller erworben und in den Jahren 1992 bis 1995 aufwendig saniert und restauriert, eine nicht ganz billige Angelegenheit. Dieses Engagement brachte Manfred Bumiller die Denkmalschutzmedaille des Freistaates ein, die ihm 1998 der damalige Kultusminister Hans Zehetmair überreichte, und die Universität sollte ihn einige Jahre hernach zu ihrem Ehrensenator machen. Später wurden die Dachgeschosse in der fünften und sechsten Etage des Anwesens in der Austraße 27 hinzugekauft, die heute zu großen Teilen als Museumsdepot dienen und durch eine Tür im zweiten Obergeschoss mit der Austraße 29 verbunden sind. Seit 2008 ist die Sammlung als „Universitätsmuseum Islamische Kunst“ ganz offiziell der Otto-Friedrich-Universität angegliedert.

Lorenz Korn, der seit 1993 an der Otto-Friedrich-Universität den Lehrstuhl für Islamische Kunstgeschichte und Archäologie innehat und unter anderem mit einer „Geschichte der Islamischen Kunst“ in der feinen „Wissen“-Reihe des Münchner C.H. Beck Verlages hervorgetreten ist, führt immer wieder gern Kollegen und Gäste durch die Bumiller Collection. Manch einem bliebe da angesichts der Schätze, erzählt Korn, der Mund offen stehen. Auch ist er froh darüber, dass seine Studenten in der und über die Sammlung arbeiten und forschen können. Sie klären Fragen der Herkunft und Datierung und setzten sich mit dem Stellenwert der einzelnen Objekte auseinander.

Im sogenannten Berliner „Studio“ der Bumiller Collection, angesiedelt im vorwiegend muslimisch geprägten Kreuzberg in der Naunynstraße und in der Obhut von Manfred Bumillers Tochter Jill, widmet sich aktuell eine Sonderausstellung bronzenen Tierkreiszeichen. Untergebracht ist das Studio in einem Loft hinter ehemaligen Fabrikmauern. Teil des Konzeptes sind fünf Säulen, die die „Fünf Säulen des Islam“ darstellen. Shahadah (das Bekenntnis): Es gibt keinen Gott außer Allah und Mohammed ist sein Prophet. Salat (das Gebet): Das Ritualgebet; es wird fünfmal am Tag gesprochen. Sodann Zakat (das Almosen): 2,5% des verfügbaren Vermögens, welches den Armen und Bedürftigen zu Gute kommt. Als dritte Säule Sawm (das Fasten): Das Fasten im Monat Ramadan ist für alle erwachsenen und gesunden Muslime grundsätzlich verpflichtend. Und schließlich noch Hajj (die Pilgerreise): Die Pilgerfahrt nach Mekka ist einmaliger Pflichtritus für jeden Muslim, sofern er dazu in der Lage ist. Ein mehr als einmaliger Besuch der Bumiller Collection in der Austraße (der Zugang erfolgt über die Hasengasse) sollte für alle Bamberger zur Pflicht gehören. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Geöffnet aber ist lediglich nach vorheriger Vereinbarung.

Das ist ein wenig schade, zumal der schön gestaltete Internetauftritt der Bumiller Collection verlauten lässt, dass „das Rezipieren am Objekt selbst […] uns ein wichtiges Anliegen“ ist. Denn nur dann, heißt es weiter, sei es „der Kunst möglich, ihre wahre Kraft und Schönheit dem Besucher zu offenbaren“. Ergo wolle man die Sammlung einem „möglichst breiten Publikum in Deutschland wie auch weltweit zugänglich“ machen. Immerhin haben Galerien, haben Museen, haben Kulturveranstalter die Möglichkeit, innerhalb eines sogenannten „Art Rental“-Programmes die Objekte der Kollektion zu buchen.

 

Copiright Fotos:

Uni-Museum, Interieur, Foto © A. Heidenreich

Bumiller, Foto © Bumiller Collection

Bumiller, Foto © Bumiller Collection

Jürgen Gräßer
09.10.2015

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