Michael Wollny im Erlanger E-Werk

„Nachtfahrten“ und anderes

Michael Wollny im Erlanger E-Werk

 Kein geringeres Blatt als die Frankfurter Allgemeine Zeitung kürte den Jazzpianisten und Komponisten Michael Wollny zu „einem vollkommenen Klaviermeister“ und das Hamburger Abendblatt feiert ihn gar als „stärkste (Jazz-)Musikerpersönlichkeit, die Deutschland seit Albert Mangelsdorff hervorgebracht hat“. Seit einem guten Jahrzehnt schon sorgt Wollny, im Mai 1978 in Schweinfurt geboren, international für Furore. Erfolge erlangte er schon in jungen Jahren bei „Jugend musiziert“. Er entschied sich für ein Studium an der Musikhochschule Würzburg, wo er 2004 das Meisterklassendiplom ablegte und musizierte im Bundesjazzorchester. Eine enge Zusammenarbeit verbindet Wollny mit dem Saxophonisten Heinz Sauer. Derer beider Album „Melancholia“ von 2004 brachte ihnen den Preis der Deutschen Schallplattenkritik ein. Auch mit dem schwedischen Posaunisten Nils Landgren hat Wollny in diesem Sommer musiziert.

 

Mit seinem aktuellen Projekt „Nachtfahrten“, das in eine CD münden wird, wird Wollny am 11. November im Erlanger E-Werk zu Gast sein. Mal ist er solo zu hören, dann wiederum im Duo mit dem aus Frankfurt am Main gebürtigen Schlagzeuger Eric Schaefer, oder auch im Trio: Michael Wollny, Eric Schaefer und der Zürcher Kontrabassist Christian Weber musizieren gemeinsam. Das letzte Album des Michael Wollny Trios, „Weltentraum“ (erschienen bei Act music) ist im Übrigen in England zum Album des Jahres auserkoren worden, und Wollny selbst ist von der französischen Académie du Jazz im Januar zum besten europäischen Jazzmusiker 2014 gewählt worden.

 

Jetzt also, der genaue Erscheinungstermin ist der 9. Oktober, „Nachtfahrten“ (übrigens auch auf Vinyl erhältlich). Die vierzehn Stücke wurden inspiriert von einem Buch über die sogenannte Schwarze Romantik, auch Schauerromantik genannt oder, im Englischen, „Gothic fiction“ (man denke an etwa an Mary Shelleys „Frankenstein“ von 1818 oder an „The Monk“ aus dem Jahre 1796 von Matthew Gregory Lewis). Zu den zentralen Motiven der Schwarzen Romantik zählt das des Wanderns, und so darf es nicht wundernehmen, wenn Wollny ein Stück „Der Wanderer“ betitelt hat. Und da auch der Mond in der romantischen Tradition eine nicht unbedeutende Rolle spielt, findet sich ein „White Moon“ ebenso wie das traditionelle „Au claire de la lune“ auf der Silberscheibe. Zur Eröffnung werden „Questions in a World of Blue“ musikalisch verhandelt, aus dem Film „Twin Peaks“ von David Lynch, für den Angelo Badalamenti die Musik geschrieben hat.

 

„Wenn man improvisiert, geht man in seiner Klangbibliothek spazieren“, sagt Michael Wollny über seine Art zu musizieren. Er meint damit, dass man sich als Musiker eine „innere Klangbibliothek“ einrichtet, die „immerzu mit neuen Schätzen, mit allen möglichen Archivalien und wertvollen Exponaten bestückt wird“. Man nehme sich also „hier einen Ton aus dem Regal, dort eine rhythmische Figur, und im Raum nebenan eine Harmoniefolge“. Ganz alleine am Flügel zu sitzen, hat für Michael Wollny eine beinahe schon mystische Dimension: „Wenn einem nichts mehr einfällt, ist Ruhe.“

 

Im vergangenen Herbst erschienen ist die CD „Weltentraum“ des Michael Wollny Trios. Es wurde von „Jazzwise“, dem wichtigsten Jazzmagazin Großbritanniens, zum Album des Jahres gewählt. Hierzulande bekam es den Preis der deutschen Schallplattenkritik und erwies sich als am besten verkauftes Album des Münchner Labels ACT. Außerdem ist Wollny für die Einspielung vom Bundesverband Musikindustrie mit dem German Jazz Award in Gold bedacht worden. Es lassen sich Einflüsse der Filmmusik (abermals: David Lynch) heraushören, außerdem bedient sich Wollny bei der Musikgeschichte. Von Guillaume de Machaud, also vom Mittelalter, über Gustav Mahler, den Wollny in seinem Stück „Engel“ zitiert („Nun will die Sonn’ so hell aufgeh’n“ aus den Kindertotenliedern nach Texten des wie Wollny aus Schweinfurt gebürtigen Friedrich Rückert), bis hin zu Paul Hindemith („Rufe in der horchenden Nacht“) reicht die Palette. Aufgenommen wurde die CD im Übrigen im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie. Ein überaus gelungener, ein wahrer Ohrenschmaus, der es sogar in die deutschen Pop-Albumcharts geschafft hat. Den Auftritt im Erlanger E-Wert am 11. November sollte man sich unbedingt vormerken. Bereits zwei Tage zuvor gastieren Wollny und Kollegen in der Alten Oper in Frankfurt.

 

Copyright Fotos:

Wollny-Trio, Foto © Joerg Steinmetz

Foto Michael Wollny, © Joerg Steinmetz

Jürgen Gräßer
09.10.2015

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