Anhang II:

zwischen Weltall, Welthumor und Bayern

Anhang II:

 Kulturbeflissene, denen man dringend was über Jean Paul erzählen möchte, fragen irritiert zurück: „Sartre“? Störfaktor Jean Paul muß im Google erstmal aus übergewichtigem Belmondo-Gewimmel homöopathisch herbeigefuzzelt werden.

 

Vor 250 Jahren war Goethe vierzehn Jahre alt, während Jean Pauls Mutter just mit dem künftigen Jean Paul schwanger ging. Dank seines bevorstehenden Jubelfestes fiel vielen nochmal ein, daß er im weitesten Sinn im Freistaat Bayern lebte und daß es zu wenige und zu dünne Biographien über ihn gibt, und etlichen Bambergern könnte ja mal einfallen, daß er mindestens dreimal in Bamberg auftauchte, 1804, 1810 (wo er sich mit E..T.A. Hoffmann in die Haare geriet) und 1821.

 

Faustdichter Goethe, der wie überall auch mal in Bamberg übernachtete, in Sichtweite eines heutigen Lichtspielhauses, wurde zum Universalgenie, Titan, Geistesmonarch, Nationalheros, Menschheitsrepräsentant gepusht, thronend neben Homer, Dante und Shakespeare; problemlos zum größten deutschen Dichter vergrößert – und Jean Paul zum größten Bayern verkleinert. Ein Oberfranke im Krähwinkel des Fichtelgebirges rückte wegen angeblicher Schwerverständlichkeit und Provinzialität nicht mal auf zum Autor europäischen Ranges. Tatsächlich: Wer von normalen Schriftstellern mutig zu Jean Paul überwechselt, dem kann dieser allzu überdreht, verkopft, schwerverständlich vorkommen. Aber wer von Jean Paul erholungsbedürftig zu normalen Büchern zurückkehrt, dem genügen diese nicht mehr; dem könnten Eichendorffs ‚Dichter und ihre Gesellen’ unbedarft erscheinen, allzu naiv, unberedt, wenn nicht gar unintelligent bis minderbemittelt.

 

So landete er in der Rubrik untergebutterter Übermenschen, eingedampft zum Idylliker, kleingehalten als Heimatdichter, Trunkenbold, zum Kauz vom Lande, der in einer Gartenlaube zentnerweise bildungstriefende Heiterkeit raushängen läßt, breitärschig und trinkfreudig, nippifiziert zu einer putzigen Vignette der Goethezeit. Aber dauernd merken wieder welche, daß er die Pranke des Löwen zeigt und daß er ganz anders tönt und leuchtet, als es seine Schublade erlaubt.

 

Allenfalls darf Jean Paul – unweit von Wilhelm Busch – als größter Humorist der Deutschen rangieren, wohlmeinender Germanistik zufolge, obwohl eigentlich bereits Loriot diesen Platz einnimmt, keuchend gefolgt von Heinz Ehrhart, wohlmeinden Massenmedien zufolge – tja, wer isses denn nun? Auch in Bayreuth hat er, neben Richard Wagner, bloß die zweite Geige zu streichen.

 

Im Freihandbestand der Bamberger Germanistik, Telbereich 4, sieht Jean Paul neben dem opulent präsenten Hölderlin, Herder, Wieland, merkwürdig dünn und unterbelichtet aus, aber seine Originalbriefe an Emanuel Osmund, angekauft von der Staatsbibliothek Bamberg, erzielten einen Kaufpreis, der gern geheimgehalten wird und ziemlich hoch sein soll; und ab 28.4.2013 werden diese Stücke in einer hiesigen Ausstellung zu sehen sein.

 

Überhaupt regt sich im Vorfeld des Jubiläums nun viel. Obwohl im Romanwerk Worte wie „Baiern“ oder „Bayern“ bloß fünfmal betont beiläufig vorkommen, also viel weniger als Indien, Morgenland oder Ota-Heiti, beteuert jedes Faltblättchen, daß Jean Paul Oberfranke durch und durch gewesen sei. In Jean Pauls angeblichem Bierbauch erkennt Bayern sich wieder. Bayern tut was für ihn. Bayern hat Bierdeckel hergestellt; nun kann jede Seppelhose ihren Humpen auf dem Anlitz Jean Pauls abstellen. Bayerischer Nachwuchs bekommt zu seinem 250. Geburtstag im März 2013 schulfrei. Doch die Deutsche Bundespost konnte sich nicht entschließen, auf einer Briefmarke Jean Paul abzubilden. Ein ARTE-Themenabend kam nicht zustande, weil Jean Paul mal wieder nicht Goethe oder Sartre hieß. Gelder für die Litfaßsäulenaktion wurden gestrichen, sodaß in ganz Berlin bloß lediglich eine Litfaßsäule mit Jean-Paul-Infos stehn wird, statt sechs Stücker – in Bamberg auch eine.

 

Auch buchmäßig steht einiges im Startloch. Für Februar hat der Hanser Verlag in München eine neue JP-Biographie vom Experten Helmut Pfotenhauer angekündigt, der seit 50 Jahren um JP kreist, 500 Seiten, und der C.H. Beck Verlag eine Biographie von Beatrix Langner, die ganz neue philosophische Werkexegesen verspricht, gleichfalls 500 Seiten. Zugleich rückt die Würzburger Forschungsstelle mit neuen Teilbänden der Historisch-kritischen Ausgabe vorwärts und bietet neues, niegedrucktes Notizmaterial von Jean Paul, aus dem noch nie zitiert wurde, d.h. 200 Jahre lag dieses Material unter Verschluß -- und warum? Jean Paul schrieb ohne Qualitätsgefälle derart viel, daß bis heute noch nicht alles veröffentlicht werden konnte. Obwohl er aus biologischen Gründen zwanzig Lebensjahre weniger zur Verfügung hatte als Goethe und Thomas Mann, produzierte er in 47 Schaffensjahren das gleiche Quantum an Druckseiten Werk wie Goethe und Thomas Mann in jeweils 60 Schaffensjahren.

 

Und siehe: in jedem Nebenbei-Eintrag in seine Sudelbücher ringen mehr Geistesblitze und wahnwitzige Formulierungen hervor als aus den bejubelten Gesamtwerken so machner Nobelpreisträger. Sein Wortschatz blüht siebenmal reicher als der eines heutigen Germanistikprofessors oder Poetikdozenten, seine Themenfülle unendlich bunter und vielfältiger. Tabuthemen, von allen sonstigen Klassikern und Romantikern unter den Bodenbelag gekehrt, walzte Jean Paul unersättlich aus, Rattenplagen, Leichenberge, Rentnerberge, Verstädterung, Alzheimer, Völkerrecht, Staatsverschuldung. Zudem kann man ihm zugutehalten, daß er die simsenden, facebookenden, porntubenden Iphone-Schüler nicht mit unverständlicher Pflichtlektüre nervt. Wer irgendwie mitkriegt, daß Jean Paul in seinem Albtraum, worin Jesus entdeckt, daß sich im kalten Weltall kein Gott vorfindet, den europäischen Nihilismus des 20. Jahrhundert vorwegnimmt, könnte Jean Paul verdammt cool finden.

 

J.S. Bach (falls den jemand kennt) sprengte mit seiner Musik die Barockzeit; Jean Paul sprengte als Weltgeist und Weltseele jede Biedermeierzeit (obwohl diese erst zehn Jahre vor Jean Pauls Tod losging). Die Naturwissenschaft wußte lang nicht, ob sie Pilze bei Pflanze, Tieren oder als eigene Sparte im System unterbringen soll; Jean Paul blieb der uneinsortierbare Pilz der Germanistik. Weimar-Klassizismus verspottette er als infantile Gräcomania; teilte auch nicht die Ideale und Mittelaltersehnsucht der Romantiker, durchschaute und zerdachte genau wie Lichtenberg zudem die Kopfgeburten und Gedankengebäude der damaligen Systemphilosophen, las und demontierte sogar die in Bamberg entstandende ‚Phänomenologie des Geistes‘, aber sein Extrem-Humor verhinderte, daß er in die Philosophiegeschichte hineindurfte und begrenzte auch seine Tauglichkeit, als Nationalheros aufgebaut zu werden.

 

Sodann: Der Nimbus Verlag in Zürich bereitet soeben eine opulente, erweiterte und bebilderte Neuausgabe der Lebenszeugnisse über Jean Paul vor. Ulrich Holbein hingegen hat die Rivalitäts-Relation Jean Paul-Goethe genauer unter die Lupe genommen, 400 Seiten, im Haffmans-Tolkemitt-Verlag Berlin, kommt zu erfrischend abweichenden Forschungsergebnissen und wird das Thema Ende April 2013 sowohl in Bayreuth wie auch in Bamberg vorstellen.

 

Informationen:

 

 

Aktuelle Literatur- empfehlungen: 

Dieter Richter: ‚Jean Paul. Eine Reise-Biographie‘, 144 Seiten mit Abbildungen, Transit Verlag Berlin 2012

Jean Paul: ‚Bausteine, Erfindungen. Das grüne Buch, Thorheiten‘, Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe, zweite Abteilung, Neunter Band, Teil 2, herausgegeben von Petra Zaus, 397 Seiten, Böhlau Verlag Weimar, 2012

Michael Zaremba: ‚Jean Paul, Dichter und Philosoph‘, Eine Biografie, 335 Seiten, Böhlau Verlag, 2012

‚Jean Paul in Oberfranken zwischen Joditz und Sanspareil, und: Jean Paul in und um Bayreuth. Der Jean-Paul-Weg zwischen Eremitage & Fantasie‘, Bayreuth Marketing & Tourismus GmbH, zwei dicke, reichbebilderte Katalogbände

Jean Paul: ‚Das Leben und Sterben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz‘, mit Nachwort von Beatrix Langner, 98 Seiten, Klappenbroschur, C.H. Beck Verlag 2012, auch als E-Book erhältlich

 

Ulrich Holbein
11.01.2013

Eure Meinung? Leserbrief verfassen