Was Theater alles kann!

Eine musikalische Komödie, ein Klassiker und neue Dramatik am ETA Hoffmann Theater.

Was Theater alles kann!

 Die ganze Bandbreite der Theaterkunst wird im Dezember und Januar im ETA Hoffmann Theater auf die Bühne gebracht. Am 4. Dezember wird „Krähwinkel“ Premiere haben, eine turbulente Komödie mit Schlagermusik nach August von Kotzebue über einen Großstädter, der ein Kleinstadtwesen in Aufregung bringt. Am 22. Januar 2016 folgt eine zeitgenössische Bearbeitung des Klassikers „Die Elixiere des Teufels“ vom Namenspatron des Theaters E.T.A. Hoffmann. Und am 29. Januar 2016 wird es eine Begegnung mit dem wohl erfolgreichsten deutschen Gegenwartsdramatiker geben, mit Roland Schimmelpfennigs Stück „Das schwarze Wasser“. In diesem poetischen und berührenden Werk schildert er eine magische Sommernacht und ihre Folgen für eine Gruppe Jugendlicher mit türkischer und deutscher Herkunft.

Musik auf der großen Bühne.


„Die deutschen Kleinstädter“ heißt die bekannteste Komödie von August von Kotzebue. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms im 19. Jahrhundert war August von Kotzebue einer der erfolgreichsten Autoren auf deutschsprachigen und europäischen Bühnen, auch in dem Bamberger Theater zu Zeiten E.T.A. Hoffmanns. Wegen seiner zahlreichen wirkungssicheren Komödien wurde er gar als deutscher Molière bezeichnet. In „Die deutschen Kleinstädter“ hat er den Ort Krähwinkel für die Theaterliteratur erfunden. Kotzebues Krähwinkel mit seinen kleinkarierten, titelsüchtigen, tratschenden Bewohnern hat das Deutschlandbild lange Zeit im Ausland mitgeprägt. Isabel Osthues inszeniert die Komödie mit bekannten deutschen Schlagern der 50er bis 70er Jahre, die von den Schauspielerinnen und Schauspielern auf der Bühne live gesungen werden.

In dem Lustspiel gerät die Kleinstadt durch die Ankunft des Großstädters Olmers in helle Aufregung. Bitter enttäuscht sind alle von dem unkonventionellen Benehmen des Fremden, nichts, was den Krähwinklern wichtig ist, scheint er zu achten. Ausgerechnet die Tochter des Bürgermeisters will er heiraten. Aber einem Mann, dem ihre gutbürgerlichen Gepflogenheiten gleichgültig sind, der mit großstädtischer Arroganz auf alles reagiert, was ihnen wichtig ist, den wollen sie nicht in ihrem Städtchen. Mit List und Hartnäckigkeit muss das Liebespaar die Verwandtschaft von der Anpassungsfähigkeit des Großstädters überzeugen. „Wie erobert man mit Charme eine Stadtgemeinschaft?“, ist die Frage die sich der Bräutigam aus der großen Stadt stellen muss. Das Stück nimmt den Klein- und Spießbürger aufs Korn und schafft es dennoch, liebevoll mit seinen Figuren zu verfahren. Es arbeitet mit Übertreibung und mit Wiedererkennungseffekten und hält dem Zuschauer den Spiegel vor. Über nichts lacht man lieber, als über alltäglich Bekanntes, das durch Überhöhung, Zuspitzung in kuriose Zusammenhänge gestellt wird. Es sind typisch deutsche Tugenden, die die Bewohner von Krähwinkel verteidigen: Pflichtbewusstsein, Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit. Und Obrigkeitshörigkeit. Kotzebue übertreibt das auf urkomische Weise! Die Komödie zeigt dadurch, dass sie im Alltäglichen plötzlich Unangemessenes geschehen lässt, welche Spielarten des Lebens es jenseits des Gewohnten noch gibt. Auch der Schlager hat die Funktion, das sonst im bürgerlichen Leben Undenkbare durchzuspielen und Sehnsuchtsräume zu öffnen. Schlager sind kollektive Wachträume, Schlupflöcher auch für erotisch gewagte Abenteuer. Und sie machen Spaß!

Eine zeitgenössische Klassikeraneigung mit E.T.A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“.

„Da du, günstiger Leser! soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Mönche geschaut hast, so darf ich kaum hinzufügen, dass es der herrliche Garten des Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich geführt hatte“, heiß es im Vorwort von „Die Elixiere des Teufels“. Tatsächlich schrieb E.T.A. Hoffmann seinen ersten Schauerroman unter den Eindrücken eines Besuches des Bamberger Klosters der Kapuziner-Mönche am 9. Februar 1812. Bereits beim Betreten des Klosters war er von diesem geheimnisvollen Ort fasziniert. Einerseits kann man davon ausgehen, dass die barocke Atmosphäre in der katholischen Bischofsstadt zweifelsfrei den aus dem protestantischen Königsberg kommenden Schriftsteller grundsätzlich beeindruckte. Andererseits zogen ihn die Erzählungen von Pater Cyrillus über das Leben hinter den Klostermauern in seinen Bann. Insbesondere die Besichtigung der Kirche und der Gruft hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei Hoffmann, den er zwischen 1814 und 1816 in seinem Roman verarbeitete.

Im Mittelpunkt steht der Mönch Medardus, der seine Autobiografie erzählt, wodurch peu à peu die Geheimnisse um einen über vier Generationen gehenden Fluch erkennbar werden. Medardus wurde im Kloster geboren und wuchs abgeschottet vom Rest der Welt in nahezu paradiesischem Glück auf. Mit sechzehn Jahren trat er in das Kapuzinerkloster in der benachbarten Stadt B. ein. Medardus steht an der Schwelle des Erwachsenseins und befindet sich mitten in einem Identitätsfindungsprozess. Die Unvereinbarkeit seiner inneren Sehnsüchte mit den gesellschaftlichen Regeln und Erwartungen wird schließlich offenbar, als er in der Reliquienkammer heimlich von einem teuflischen Elixier des heiligen Antonius trinkt. Hochmut und Wollust ergreifen von ihm Besitz. Als zudem die junge Aurelie ihm ihre Liebe beichtet, kann er seine Leidenschaft kaum noch zähmen. Medardus wird zum Liebhaber seiner Halbschwester und zum Mörder seines Doppelgängers, dessen Identität er fortan annimmt. Mit dem Motiv des Doppelgängers und der Ich-Spaltung fügte Hoffmann dabei den typischen Gattungselementen des Schauerromans, wie beispielsweise überraschende Wendungen, extreme Gefühlsäußerungen oder auch grausame Verbrechen, eine weitere Nachtseite des Menschen hinzu. Die Phänomene des Wahnsinns beschäftigten den Dichter intensiv während seiner Bamberger Zeit. Er war mit dem Direktor der Nervenheilanstalt St. Getreu befreundet und konnte sich hier ausgiebig informieren. Am ETA Hoffmann Theater wird Medardus´ ausufernde Geschichte nun in einer Inszenierung von Hannes Weiler von fünf jungen Schauspielerinnen und Schauspieler zum Leben erweckt.

Die Utopie einer Sommernacht.

Die Intendantin des ETA Hoffmann Theaters, Sibylle Broll-Pape, hat viel Erfahrung mit der Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs Stücken. Sie wird „Das schwarze Wasser“ mit sechs Schauspielern, einem Videokünstler und einem Musiker auf der großen Bühne inszenieren. In dem Stück klettert eine Gruppe junger Menschen nachts heimlich über den Zaun des Freibads. Frank und Olli, Cynthia und die anderen treffen auf Murat und Karim und Leyla und Aishe. „Wer war zuerst hier?“, steht als Frage im Raum, und „Kommt es zu Feindseligkeit und Kampf?“ Aber anstatt aufeinander loszugehen, nähern sich die jungen Menschen an, sie schwimmen, lachen und flirten. Und sie ziehen zusammen weiter, in die Roxy-Bar, Tequila-Pop, zum Döner-Laden von Murats Vater in einen anderen, den „benachteiligten“ Teil der Stadt. Spielend leicht überwinden sie soziale und kulturelle Unterschiede. Sie sind neugierig aufeinander, sie diskutieren. Chimaira mit dem zwiegesichtigen Januskopf sei die Gesellschaft, schreibt Schimmelpfennig, denn wie die zwei Köpfe der mythischen Chimaira können die unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft nicht zueinander kommen, weil sie nie in dieselbe Richtung schauen. Bis zum Morgengrauen ergeben sich vor allem Leyla und Frank der Poesie dieser Nacht. Einer Nacht, die auch 20 Jahre später noch Sehnsuchtspunkt für alle sein wird. Immer wieder verwebt das Stück Momente dieser Nacht mit der Lebenswirklichkeit zwanzig Jahre später. Aus den „Gastarbeiterkindern“ von einst sind inzwischen Menschen mit „Migrationshintergrund“ geworden. Die Bezeichnung hat sich geändert, aber die sozialen Sphären sind deutlicher getrennt denn je. Die Jugendlichen aus den besseren Vierteln und ohne Migrationshintergrund sind Rechtsanwalt, Lehrerin, Politiker, die anderen sind Kassiererin im Supermarkt, Döner-Verkäufer. Manchmal läuft man sich über den Weg. Das schwarze Wasser ist jetzt der Regen im Rinnstein oder der Fluss, der nach Herkunft trennt. Was ist aus Leyla geworden?

 

Information:

August von Kotzebue
„Krähwinkel“

Eine Komödie mit Schlagermusik

Regie: Isabel Osthues
Musikalische Leitung: Timo Willecke

Premiere am 4.Dezember 2015,
Große Bühne

E.T.A. Hoffmann
„Die Elixiere des Teufels“

Regie: Hannes Weiler

Premiere am 22. Januar 2016,
Studio

Roland Schimmelpfennig
„Das schwarze Wasser“

Regie: Sibylle Broll-Pape

Premiere am 29. Januar 2016,
Große Bühne

 

Copyright Foto:

Krähwinkel, Foto © Kaufhold, NP
 

Remsi Al Khalisi, Olivier Garofalo
27.11.2015

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