Tick, Trick und Erika, ...die mit den Enten tanzte

Das Erika-Fuchs-Haus - Museum für Comic und Sprachkunst

Tick, Trick und Erika, ...die mit den Enten tanzte

 Schwarzenbach a. d. Saale, über viele Jahre hinweg Heimat und Lebensmittelpunkt der Übersetzerin und Chefredakteurin der deutschsprachigen Micky Mouse, Dr. Johanna Theodolinde Erika Fuchs, lädt seit August dieses Jahres in das der bekannten Tochter der Stadt gewidmete Erika-Fuchs-Haus, das Museum für Comic und Sprachkunst. In erster Linie geht es um das Werk von Erika Fuchs selbst, doch auch die Besonderheiten und Eigenarten ihrer langjährigen Übersetzertätigkeit für die Walt Disney Kult-Comics werden im musealen Konzept eingefangen, reflektiert und interpretiert. Die Dauerausstellung auf 600 m² präsentiert Leben und Werk von Erika Fuchs im Kontext der allgemeinen Comicgeschichte und führt durch sieben Räume. Der Museumsrundgang beginnt mit einer Einführung in die Geschichte des Comics. Ein animierter Kurzfilm erläutert die Entwicklung der Kunstform und stellt Meilensteine und wichtige Werke vor. Anschließend geht es direkt in die Welt von Donald, Tick, Trick und Track: 130 m² begehbares Entenhausen. Daniel Düsentrieb lädt in seine Erfinderwerkstatt, Oma Duck zum Urlaub auf dem Bauernhof und Dagobert zum Talerbad in seinem Geldspeicher. Ein interaktiver Stadtplan weist auf interessante Gebäude hin und zeigt Parallelen zwischen Entenhausen und der realen Umgebung von Schwarzenbach. Und auch die Biografie von Erika Fuchs wird als Comic vermittelt. Raumhohe Illustrationen zeigen Episoden aus dem langen Leben der Museumsprotagonistin, gezeichnet von Simon Schwartz, einem großen Namen der Zeichner-Szene, der für viele große Zeitungen, Verlage und Magazine arbeitet. Der größte Raum ist der Sprachkunst von Erika Fuchs gewidmet. Interaktive Stationen laden dazu ein, Sprache spielerisch zu erkunden. Was sind Alliteration, Onomatopoesie und Erikativ? Welche Geräusche machen Flöten, elektrische Entladungen oder Explosionen? Von wem stammt welches Zitat? Interaktive Sprechblasen ergänzen Originalobjekte wie ihre Schreibmaschine, Manuskripte, die Leselupe und die Grüne Kladde, das Notizbuch für Ideen und Merkwürdigkeiten. Als Hommage an die promovierte Kunsthistorikerin folgen Geschichten, die von namhaften deutschsprachigen Comickünstlern wie Ulli Lust, Ralf König, Flix, Reinhard Kleist, Sarah Burrini, Nicolas Mahler, Aisha Franz und Martina Peters auf Basis eines Originalsatzes entwickelt wurden. Abschließend findet sich der Besucher im Comic-Lesesaal des Museums, der zum Blättern und Querlesen ebenso einlädt wie zum ernsthaften Studium.

Grundstock des Museums bildet die Sammlung Severin, die noch im Eingangsbereich in einer großen Vitrine die Figurenwelt von Entenhausen zur Schau stellt. Ihr ist der Impuls für die Einrichtung des Museums generell zu verdanken. Der Ingolstädter Richter Gerhard Severin, der seine mehrere tausend Enten-Figuren der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte, fand in Schwarzenbach den geeigneten Ort und auch die geeigneten Fürsprecher. Die Stadt war von der Idee überzeugt, bzw. wurde von Severin überzeugt, nachdem er sich 2008 nach Hof versetzen ließ, um den Donaldismus in Schwarzenbach zu verbreiten. Schließlich übernahm Schwarzenbach die Trägerschaft für das Comicmuseum und finanzierte das rund fünf Millionen teure Projekt, bei einem sehr hohen Anteil an Fördermitteln durch Bund, Land, Unternehmen und Stiftungen. So holte Schwarzenbach a.d. Saale sich das Entenhausen, in das Erika Fuchs die Stadt, ihre Gewerbe (Bäckerei Köppel) und ihre Umgebung (Schnarchenreuth, Oberkotzau, Ochsenkopf, Fichtelsee, Kleinschloppen) zahlreich hineingeschrieben hat, nun umgekehrt in den eigenen Stadtplan hinein und platziert sich auf der musealen Landkarte Europas mit einer prominenten Facette der Comicgeschichte. Porzellanstadt, Arbeiterstadt und jetzt Comicstadt, das Entenhausen in Franken. Erika Fuchs wurde ein Denkmal gesetzt, das weit über Schwarzenbach hinaus strahlt.

In 1906 in Rostock geboren, wuchs Erika Fuchs in Belgard an der Persante, in Hinterpommern, im heutigen Polen auf. Als erstes Mädchen am dortigen Knabengymnasium machte sie ihr Abitur und studierte anschließend Kunstgeschichte, Archäologie und mittelalterliche Geschichte in Lausanne, München und London. 1931 beendete sie ihre akademische Laufbahn mit einer Dissertation über den Rokokobildhauer Johann Michael Feichtmayr. Ein Jahr darauf heiratete sie Günter Fuchs, den Geschäftsführer und späteren Inhaber der SUMMA-Feuerungen und zog mit ihm in seine Heimatstadt Schwarzenbach. Ihre Leidenschaft für englischsprachige Literatur entwickelte sie zur professionellen Übersetzertätigkeit, unter anderem für Reader`s Digest. Schließlich bekam sie ein Übersetzungsangebot vom Ehapa-Verlag und wurde nach anfänglichem Zögern Chefredakteurin der Micky Mouse in Deutschland. Von 1951, in dem das erste deutschsprachige Micky-Maus-Magazin, erschien, bis 1988 übersetzte sie Geschichten aus Entenhausen. Zunächst ausschließlich Geschichten des Micky-Maus-Magazins. Später, ab Mitte der 70er Jahre, konzen-trierte sie ihre Arbeit von Carl Barks, dem Zeichner der Entenhausen-Geschichten. Ihre Übersetzungsarbeit gilt dabei als außergewöhnlich. Sehr frei, mit eigenen Akzenten und viel sprachlichem Genie transferierte sie die amerikanischen Originale ins Deutschsprachige. Sie betonte den Charakter jeder Ente mit dem ihr eigenwilligen Sprachstil. Dagobert beispielsweise spricht stets grammatikalisch korrekt, setzt stilsicher Genitive und Konjunktive. Den Launen von Donald verleiht sie große Spannbreite von poetischen Phrasen bis zu heftigen, wütigen Kraftausdrücken. Die innovationsscheue Oma Duck spricht entsprechend altmodisch. Die Panzerknacker nutzen Ganovensprache. Tick, Trick und Track sprechen durchweg jugendlich. Den Gebrauch des Inflektivs – ihr zu Ehren auch Erikativ genannt – verleiht sie eine neue, auffällige Dimension. Verkürzungen von Verben auf ihren Wortstamm kommen regelmäßig vor („Grübel“, „Schreib“). Gleichfalls ausgeprägt fällt die Lautmalerei („Schnarch“, „Peng“, „Krawumm“) in ihren Übersetzungen aus. So trug sie zur Entwicklung und Akzeptanz des Comics maßgeblich bei, der in den 50er und 60er Jahren noch vergleichsweise unbekannt und unbeachtet war. 1988, nach dem Tod ihres Mannes, zog sie nach München, wo sie 2005 im Alter von 98 Jahren starb. Sie ist in Schwarzenbach an der Saale neben ihrem Mann beigesetzt.

 

Information:


14. Nov 2015 - 29. Mai 2016

 

Sonderausstellung: „Die besten deutschen Comiczeichner“
Die Gewinner des Max-und-Moritzpreises 2014 – der wichtigsten Auszeichnung für Comiczeichner im deutschsprachigen Raum.

Zum 150. Geburtstag des Vaters der Bildergeschichte hatte das Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl bei Hannover eine Ausstellung der aktuellen deutschen Preisträger des Max-und-Moritzpreises zusammengestellt. Die Ausstellung war ein halbes Jahr lang unter dem Titel „Endlich Comic“ zu sehen und wurde vom Kurator Darjush Davar gemeinsam mit Museumsleiterin Dr. Alexandra Hentschel nun auf das Erika-Fuchs-Haus zugeschnitten.

Alle zwei Jahre verleiht der internationale Comicsalon Erlangen die Max-und-Moritz-Preise an die besten deutschen und internationalen Comickünstler. Die Ausstellung umfasst Werke, Skizzenbücher, Fotografien, Originalzeichnungen und Interviews der Preisträger: Ulli Lust als beste deutschsprachige Comiczeichnerin, Mawil für sein Werk „Kinderland“ als bester deutschsprachiger Comic, Marvin Clifford für seinen Webcomic „Schisslaweng“ und die Gestaltungsklasse der Hochschule Kassel für die beste studentische Publikation. Zusätzlich ging der Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk zum ersten Mal an einen deutschen Künstler: Ralf König.

 

Öffnungszeiten:

 

Erika-Fuchs-Haus
Museum für Comic und Sprachkunst
Bahnhofstraße 12
95126 Schwarzenbach a. d. Saale

Dienstag - Sonntag 10 - 18 Uhr
(geschlossen 1.1., Faschingsdienstag, Karfreitag, 24.12., 25.12., 31.12.)


Copyright Fotos:

Erika Fuchs Haus, Fotos © Stefan Meyer

Oliver Will
02.12.2015

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