Literatur darf auch mal krachen!

ART. 5|III im Gespräch mit den Machern des Bamberger Literaturfestivals 2016

Literatur darf auch mal krachen!

 17 Tage, 21 Autoren und 30 Lesungen. Als wären diese Zahlen nicht schon beeindruckend genug, so liest sich das Line-Up dieses Newcomers unter den deutschen Literaturfestivals wie ein Who-is-Who der, sieht man einmal von der in den USA geborenen und in Venedig lebenden Donna Leon ab, deutschsprachigen Autorenszene. Martin Walser, Doris Dörrie, Wladimir Kaminer, Tanja Kinkel, die Literaturnobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller und Konstantin Wecker sind vielleicht die bekanntesten Namen aus der Riege der Schriftsteller, die den Weg zum Bamberger Literaturfestival 2016 finden werden.

„Die Region Bamberg bekommt ein internationales Literaturfestival. Und wird damit als Region der Literatur sichtbar werden. Das Festival wird auf vielstimmige Weise das Spektrum der zeitgenössischen Literatur in den Blick nehmen und damit ein breites Publikum ansprechen.“ So lautet nach eigenem Bekunden der Veranstalter die Idee, die zum Entstehen dieses Großevents geführt hat. Unter der Schirmherrschaft des Bamberger Eigengewächses Tanja Kinkel, dem gebürtigen Schweinfurter und „Erfinder des Sams“, Paul Maar, sowie dem Bamberger Landrat Johann Kalb, lassen die Verantwortlichen etwas entstehen, das eventuell das Potential für etwas ganz Großes haben könnte.

Oftmals, wenn etwas Neues entsteht, trifft man nicht nur auf ungeteilte Begeisterung. So war es auch in diesem Fall, als sich die Initiatoren mit dem bereits etablierten Literaturfestival „Bamberg liest“ konfrontiert sahen und es auch noch terminliche Überschneidungen mit den überregional bekannten und seit mehr als einem Vierteljahrhundert stattfindenden Bamberger Kurzfilmtagen gab, die anfänglich zu Irritationen führten. Probleme sind da, um gelöst zu werden und so gibt es zwischenzeitlich eine Verständigung mit dem Trägerverein der Bamberger Kurzfilmtage, die wohl beide Seiten zufrieden stellen konnte. Es liegt schon in der Natur der Sache, dass eine wie auch immer geartete Verständigung mit „Bamberg liest“ sicherlich schwieriger zustanden kommen wird, zumal beide Festivals das gleiche Urthema, nämlich die Literatur als solche, beackern, wie wohl die Detailausprägungen sicherlich völlig unterschiedlich sind.

Um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen, haben wir die Verantwortlichen des Bamberger Literaturfestivals 2016 um ein Interview gebeten. Den Fragen unserer Redaktion stellten sich Wolfgang Heyder, Klaus Stieringer und Michael Genniges (alle Gesellschafter der Bamberger Literaturfestival UG (haftungsbeschränkt)) sowie Asli Heinzel, Geschäftsführerin der Trägergesellschaft.

 

Herzlichen Dank für Ihren Besuch und die Bereitschaft zu diesem Interview. Aufgrund der „Turbulenzen“ in der letzten Zeit eine vielleicht etwas provokante Frage vorweg. Findet das Bamberger Literaturfestival statt?

BAMLIT: Wir wüssten zwar nicht, dass das überhaupt zur Diskussion steht, aber selbstverständlich findet das Festival statt.

 

 

Gibt es schon ein endgültiges Line-Up für das Festival?

BAMLIT: Das endgültige Programm kann man unserer Webseite www.bamlit.de entnehmen und Änderungen würden jetzt, da der Kartenvorverkauf schon sehr ordentlich läuft, keinen Sinn mehr machen.

 

 

Wer zeichnet denn für die Auswahl der lesenden Autoren verantwortlich?

BAMLIT: Wir wollten einfach eine schöne Mischung und haben gemeinsam mit Thomas Kraft (Anm. d. Red.: Dr. Thomas Kraft ist Inhaber einer Beratungsagentur für „Veranstaltungen rund ums Buch“) überlegt, welche Autoren uns gefallen würden. Danach haben wir Kontakt mit den Autoren aufgenommen und entsprechende Übereinkünfte getroffen. Wichtig war uns, dass wir eine möglichst breite Leserschicht mit unserer Auswahl ansprechen würden. Wir wollten kein Spezialfestival, nichts besonders pädagogisches, nichts elitäres, einfach etwas für die breite Masse. Deshalb finden sich unter unseren Autoren auch Reiseschriftsteller, Fantasy- und Sachbuchautoren, Kinderbuchverfasser und und und…. Die Freude am Lesen wollen wir in Bamberg etablieren.

 

 

Haben Sie ein bestimmtes Thema festgelegt unter dem die Schriftsteller auftreten, ein Motto sozusagen und tragen Sie damit den aktuellen Entwicklungen wie zum Beispiel die Entwicklung der Flüchtlingssituation Rechnung?

BAMLIT: Nein, wir haben unseren Autoren kein Motto vorgegeben und auf aktuelle Entwicklungen einzugehen ist in der Tat sehr schwierig, liegen doch zwischen den Engagements und dem Auftritt mitunter mehrere Monate. Toll finden wir dass wir, zum Beispiel Ralf Rothmann (Anm. d. Red.: Rothmanns aktuelles Buch heißt „Im Frühling sterben“) für das Festival gewinnen konnten, der sich in diesem Jahr der Nominierung zum Deutschen Buchpreis verweigert hat. Tagespolitik bei solch einem Festival ist schon sehr schwierig.

 

 

Wird es während des Festivals bei reinen Lesungen durch die Autoren bleiben oder sind Aktionen darüber hinaus geplant, bei denen sich Schriftsteller und Leser näher kommen können.

BAMLIT: Geplant sind auf jeden Fall Signierstunden nach den Lesungen und unser Ziel ist, die Autoren möglichst lange an den Signiertischen zu halten. Ob uns das gelingt ist natürlich auch ein Stück weit der Stimmung des Gastes geschuldet. Außerdem geht es uns natürlich auch darum, den Schriftstellern Bamberg ein wenig näher zu bringen, denn dies sind alles Multiplikatoren und können dabei helfen ein positives Bild von Bamberg zu entwickeln.

 

 

Das klingt verdächtig (im positiven Sinne) nach Stadtmarketing. Wo wir schon beim Thema Marketing sind. Wie hoch ist eigentlich der Gesamtetat des Festivals?

BAMLIT: Die Autoren leben leider nicht, wie das zum Beispiel bei „Bamberg zaubert“ der Fall ist, aus dem Hut. Es fallen Honorare, Übernachtungs- und Reisekosten an und Asli Heinzel und Dr. Thomas Kraft arbeiten auch nicht umsonst. Das ist es dann aber, abgesehen von Raummieten und Marketing, auch schon. Nicht alles ist zum jetzigen Zeitpunkt schon genau festgezurrt, deshalb können wir heute keine genaue Zahl nennen. Erfahrungswerte von anderen Veranstaltungen helfen uns dabei leider auch nicht, weil ein Literaturfestival schon etwas besonders ist. Gerade versuchen wir, durch strategische Partnerschaften und deren Beteiligung den Kostenblock zu senken, zumal unser Festival ja auch nicht eine einmalige Sache bleiben soll.

 

 

Welche Rolle spielen die Eintrittsgelder in dem Finanzierungsportfolio? Uns ist aufgefallen, dass sich die Vorverkaufspreise mitunter deutlich von Veranstaltung zu Veranstaltung unterscheiden.

BAMLIT: Diese Einnahmen sind die größte Unbekannte, weil wir nicht wissen, wie viele Leute nun wirklich kommen. Außerdem sind die Eintrittspreise bei Literaturfestivals nicht unbedingt mit anderen Veranstaltungen wie Konzerten vergleichbar. Die Unterschiede bei den Eintrittspreisen selbst ergeben sich ganz einfach aus der Art der Lesung (so tritt Dirk Rohrbach zum Beispiel mit seiner Band auf oder Herta Müller hat einen Moderator an ihrer Seite) und auch aus dem Veranstaltungsort selbst, für den höhere oder geringere Mieten zu zahlen sind. Wir haben versucht, uns zwischen zehn und fünfzehn Euro zu bewegen und das ist uns auch größtenteils gelungen. Dieses Jahr wird es uns wohl nicht gelingen, das Festival über Eintrittsgelder zu finanzieren, aber zukünftig soll das, gemeinsam mit Sponsoringeinnahmen, schon möglich sein. Als Veranstalter empfinden wir schon eine Verpflichtung, dass solch ein Event langfristig auf eigenen Beinen stehen muss. Staatliche Förderungen dienen allermeistens nur zur einmaligen Anschubfinanzierung. Nach der Veranstaltung sind wir sicherlich schlauer.

 

 

Die Frage sei erlaubt…. wenn die Unsicherheiten so groß sind, warum denn gleich so groß und nicht ein wenig kleiner?

BAMLIT: Wir wollen so starten, dass wir gesehen und bemerkt werden, weit über Bamberg hinaus und eine Chance haben, dieses Festival zu etablieren, auch bei den Autoren. Außerdem finden wir es schwierig zu definieren, wann ein Festival groß ist und wann klein oder auch angemessen. Wir hatten uns auf einen Zeitraum festgelegt und wollten diesen füllen und glauben, dass wir jetzt den richtigen Umfang haben, zumal für uns als Organisationsteam der Aufwand nicht kleiner wäre, wenn wir nur acht Lesungen veranstalten würden. Darüber hinaus wollten wir auch unbedingt das Kinderthema integrieren und schon dies ist sehr umfangreich. Ganz nebenbei bemerkt hat dies unsere Kalkulation sehr stark beeinflusst, denn alle Kinderlesungen sind kostenfrei und müssen von den anderen Veranstaltungen mitgetragen werden.

 

 

Finden diese Lesungen für Kinder ausschließlich in den Büchereien des St. Michaelsbundes statt?

BAMLIT: Bis auf eine Ausnahme, die im Hallstadter Kulturboden stattfindet, spielt sich das fast ausschließlich in den Büchereien des St. Michaelsbundes ab. Zwei Büchereien gehören wohl nicht dem St. Michaelsbund an, aber der ist schon ein zentraler Bestandteil, zumal diese Lesungen auch direkt von dort organisiert werden. Die Lesungen für Kinder waren übrigens eine zentrale Anforderung von Paul Maar an uns und dieser Anforderung haben wir uns gerne gestellt.

 

 

Wie hoch wird denn die staatliche Förderquote für das Bamberger Literaturfestival ausfallen?

BAMLIT: Momentan gibt es noch keine Entscheidung über ob und wie hoch, wir hoffen aber sehr darauf, weil es schwierig ist, aus der Privatwirtschaft bei der ersten Veranstaltung passende Partner zu gewinnen. Das war bei „Bamberg zaubert“ und beim „Blues- und Jazzfestival“ übrigens auch so. Beim zweiten Mal wird es sicherlich leichter, weil dann schon eine gewisse Akzeptanz da ist, wenn die Reibereien, die typischerweise bei allen Veranstaltungen im Vorfeld stattfinden, sich beruhigt haben, wenn man festgestellt hat, dass man nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeitet, wenn man feststellt, dass man nicht gegenseitig in Konkurrenz steht, sondern sicher eher befruchtet, wenn man sich ohne die Störfeuer, die nach wie vor ununterbrochen erfolgen, auf das Festival konzentrieren kann.

 

 

Störfeuer… ein gutes Stichwort. Warum überhaupt Störfeuer?

BAMLIT: Die Berichterstattung scheint schon sehr einseitig zu sein, wir wissen noch nicht einmal, warum es überhaupt zu diesen Unstimmigkeiten mit Bamberg liest gekommen ist, zumal gerade das Stadtmarketing Bamberg liest schon unterstützt hat, als Lukas Wehner noch mit im Boot saß.

 

 

Aber es gab oder gibt ja nicht nur Unstimmigkeiten mit Bamberg liest, auch mit den Bamberger Kurzfilmtagen war der Anfang nicht wirklich reibungslos, oder?

BAMLIT: Wir hatten unter uns festgelegt, dass wir mit unserer Öffentlichkeitsarbeit gerade nicht im Vorfeld von Bamberg liest an die Öffentlichkeit gehen wollen, um uns bewusst nicht als Konkurrenz von Bamberg liest darzustellen. Wir finden es schade dass dieser Verzicht auf frühe Öffentlichkeitsarbeit letztlich in einer aggressiven Berichterstattung über uns gemündet ist. Das Festival sollte von Anfang an eine Bereicherung für die bestehende Kulturlandschaft sein, umso mehr hat es uns überrascht, wie über uns geschrieben wurde. Insbesondere weil nach unserer Feststellung die breite öffentliche Meinung das eher positiv zu sehen scheint. Die Menschen freuen sich unisono darauf, dass solche tollen Autoren nach Bamberg kommen.

 

 

Kann es nicht sein, dass ihre verzögerte Informationspolitik einfach zu einer Unsicherheit bei bestimmten Interessengruppen geführt und damit diese Missstimmungen begünstigt hat?

BAMLIT: Wären wir mit unseren Plänen früher an die Öffentlichkeit gegangen, hätte man uns sicherlich, und dann vielleicht auch zu Recht, unterstellt, dass wir eine Konkurrenzveranstaltung zu Bamberg liest aufziehen. Wir denken es ist eine kleine Gruppe die unser Festival nicht gutfindet, warum auch immer. Insbesondere Vorwürfe hinsichtlich unserer beantragten staatlichen Förderquote verstehen wir nicht. Finanzieren wir eine Großveranstaltung über Sponsoring- und Werbeeinnahmen, dann kritisiert man uns genau deswegen, weil Kultur ja unabhängig sein muss und nicht dem Kommerz dienen soll, beantragen wir Fördergelder dann sagt man uns, dass wir doch gefälligst versuchen sollen, uns über Fundraising zu finanzieren. Für uns ist wichtig, dass die Leute begeistert auf unsere Pläne reagiert haben. Unser Festival wird eine totale Bereicherung der Kulturlandschaft sein und das ist uns wichtig.

 

 

Schauen wir nach vorne. Wie ist denn das Verhältnis zu den Beteiligten in diesem Spannungsfeld und wird es zukünftig weitere Gespräche geben?

BAMLIT: Wir finden erst einmal alles toll was mit Büchern zu tun hat und letztlich der Leseförderung dient. Jetzt müssen wir aber erst einmal unser Festival schultern, die Aufgabe, die da vor uns liegt, meistern. Und im Februar setzen wir uns dann zusammen und reflektieren dahingehend, wie wir es hinbekommen haben und was man in der Zukunft eventuell anders machen muss oder wen man einbeziehen sollte. Es wird sicherlich weiteren Austausch geben und auch Kooperationen wollen wir nicht ausschließen. Das Eigenständige bewahren und trotzdem zusammenarbeiten, das wird die Kunst sein. Auf keinen Fall sehen wir einen Bruch zwischen Bamberg liest und unserem Festival.

 

 

ART. 5|III bedankt sich für das Interview und wünscht viel Erfolg in den kommenden Wochen!

 

Copyright Fotos:

Herta Müller, Foto © Paul Esser

Ralf Rothmann, Foto © Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag bzw. © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Doris Dörrie, Foto © 2012 Constantin Film Verleih GmbH/Dieter Mayr

Wladimir Kaminer, Foto © Jan Kopetzky


02.12.2015

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