Die Macht der Bilder

Vom Nutzen und Nachteil der Vergangenheitsbewältigung

Die Macht der Bilder

 Mein Titel, eine berühmte Schrift von Friedrich Nietzsche aufnehmend, gilt Fragen nach der deutschen Geschichte, aus Anlaß der jüngst in Bamberg geführten Debatte um den Maler Fritz Bayerlein. Dessen Werk, trotz seiner fortdauernden Beliebtheit bei vielen Bamberger Kunstfreunden, wird seit langem auch kritisch beurteilt. Einige seiner Bilder erscheinen manchem suspekt, wegen des Kontextes ihrer Entstehung und wegen nachweislich kritisch zu bewertender früherer Verhaltensweisen und schriftlicher Einlassungen des Künstlers. Der 1872 geborene Bayerlein dachte, liest man seine 1955 verfaßten Lebenserinnerungen, schon seit Ende des Ersten Weltkrieges streng deutsch national. Sein Stil hatte sich lange vor 1933 gefestigt und war Kennern vertraut: Landschaften, Stadtbilder, Schlösser und Parks, in perfekter Komposition und hervorragend akademisch geschulter Technik der Darbietung, bisweilen mit innovativen Perspektiven gewählt, waren vielen Käufern ein vertrautes Stück süddeutschen Wohlempfindens. Nach 1933 steigerte sich seine Beliebtheit, fiel er doch mit dieser Kunst nie unter das Verdikt der neuen Machthaber. Ihnen diente er sich zügig an, stellte insgesamt 24 Bilder im ,,Haus der Deutschen Kunst‘‘ in München aus, war also angepasst, sicher ein profitierender Mitläufer. Er war, wie jüngst Hans Mommsen formulierte, Teil der ,,kumulativen Radikalisierung‘‘.

Im Bamberger Kontext gab es freilich schlimmere als ihn, denen heute sogar noch Straßennamen gewidmet sind, etwa beim ehem. Oberbaurat Friedrich Harth (1880 - 1936) sogar noch mit vertuschender Erklärung (,,Pionier der deutschen Luftfahrt‘‘). Harth war wohl ein strammer Nazi, er schwadronierte öffentlich über das ,,Führerprinzip‘‘ im barocken Bauwesen und würzte seine Baubeschreibungen mit Hitlerzitaten, trat auch in Parteiuniform auf. Solche Produkte der Anpassung an das System können wir aber nie ganz beseitigen, man müsste denn auch in Bamberg unsere ganze historische Umwelt umkrempeln. Als Hülle für Bayerleins von der Stadt bestellte und heute so inkriminierte Stadtbilder diente das Rathaus, dessen Erweiterung damals gerade fertig wurde, in noch sichtbaren zeitbedingten Formen, an denen sich aber heute niemand stört.

Der ,,Mantel der Betretenheit‘‘, wie es 1993 Peter Adam in der FAZ formulierte, sollte vielmehr der ,,Kunst des Dritten Reiches‘‘ gelten, erst dann der ,,Kunst im Dritten Reich‘‘.

Nicht alles kann Objekt belehrender Vorwürfe sein, sonst würde man nie aufhören zu finden. Wären nur solche Orte kontaminiert, an denen Böses getan wurde oder auch die der schlimmen Gedanken und Lehren? Eine mögliche Antwort kann dann auch gleichsam ein Exorzismus sein, also die Beseitigung der bösen Erinnerung durch ein reinigendes Neues, wie man es z.B. in Weimar am Hotel Elephant sehen kann, dessen für Hitler gebauten Balkon jüngst eine Figur des berühmten Pädagogen Johannes Falk schmückte. Das am 10. 11. 2015 eröffnete neue Generalkonsulat Israels mitten im einstigen Zentrum nationalsozialistischer Macht ist auch ein solcher mutiger Schritt zu neuen Inhalten, in Kenntnis und als Antwort auf die Vergangenheit.

Der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, lgnatz Bubis, hat einmal betont, dass die Auseinandersetzung mit der Kunst der NS-Zeit sinnvoll und notwendig sei, dabei pädagogische Gesichtspunkte besonders berücksichtigend. Der Umgang mit Kunstwerken aus dem Nationalsozialismus sei Teil der Auseinandersetzung mit der Geschichte. Man muß sich erinnen, aber nicht, um nur anzuklagen, sondern um zu lernen, sonst sonnt man sich nur in seiner vermeintlichen Vorbildlichkeit. Nicht das Wegsehen, sondern das Hinsehen macht uns frei.

Man soll also die Kunst der NS-Zeit nicht verdrängen oder schamhaft entsorgen.

Solche ängstlichen Überreaktionen, solcher Rückzug in moralisierende Tabuzonen kommt ja meist nur ganz zufällig und punktuell. Wäre er Teil eines klaren Systems, dann müsste man konsequenterweise auch die Musik eines Richard Strauß, gar eines Hans Pfitzner, eines Interpreten wie Walter Gieseking, eines Baumeisters wie German Bestelmeyer oder des Dichters Waldemar Bonseis mit seiner ,,Biene Maja‘‘ entsorgen. Wer meidet gar heute bestimmte Autobahnstrecken, nur weil sie unter Hitler fertiggestellt worden waren? Scham sollte man schon empfinden, vor allem auch erkennen, dass man sich immer fragen muß, wie man sich selbst in einer solchen Situation verhielte, bevor man den Splitter im Auge des Gegenüber findet. Um es noch einmal mit Friedrich Nietzsche zu sagen: ,,Wir sind nun einmal die Resultate früherer Geschlechter, auch die Resultate ihrer Verirrungen, Leidenschaften und Irrtümer, ja Verbrechen. Es ist nicht möglich, sich ganz von dieser Kette zu lösen. Wenn wir jene Verirrungen verurteilen und uns ihrer für enthoben erachten, so ist die Tatsache nicht beseitigt, dass wir aus ihnen herstammen“‘. Aber wie jüngst ein bekannter neuerer Historiker sagte: ,,Die Geschichtsschreibung muß den Menschen der Vergangenheit in seine Zeit stellen und ihn aus den Horizonten einer vergangenen Gegenwart interpretieren, ihn also nicht an unseren Maßstäben allein messen. Der Historiker ist nicht das Weltgericht, sondern der Chronist vielfältiger lebensgeschichtlicher Möglichkeiten, Entwicklungen und Verstrickungen‘‘.

 

 

Zum Autor:

Prof. Dr. Manfred F. Fischer, geboren 1936 in Ohrdruf/Gotha, studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in Erlangen und Göttingen. Nach der Promotion 1962 in Göttingen arbeitete er im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München, später an der Bibliotheca Hertziana (Max­ Planck-Institut) in Rom. 1970 wurde er Konservator an der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen in München. Von 1973 bis 1998 leitete er das Denkmalschutzamt der Freien und Hansestadt Hamburg. Von 1991 bis 1995 war er Vorsitzender der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland. Seit 1974 lehrte er an der Universität Hamburg Kunstgeschichte und Denkmalpflege. Seit 1998 lebt er als freier Autor in Bamberg.

Mitglied der Fritz-Schumacher-Gesellschaft in Hamburg, Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg, Vorsitzender des sachverständigen Beirates der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, Vorstandsvorsitzender des Vereins zur Förderung der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland e.V., bis 2013.

Seit Herbst 2001 Ehrenkurator der Stiftung Frauenkirche Dresden

Prof. Dr. Manfred F. Fischer
27.01.2016

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