Urbanes Bauen in Franken – Im Fokus: Würzburg

Ein Rückblick auf 70 Jahre Architektur in fränkischen Städten

Urbanes Bauen in Franken – Im Fokus: Würzburg

 ART.5|III setzt in dieser Ausgabe eine Artikelserie fort, die sich mit der architektonischen Entwicklung fränkischer Städte nach dem II. Weltkrieg befasst. Neben einer bilanzierenden Rückschau, die auf die Bewertung der baulichen, ästhetischen und stadträumlichen Qualitäten der Architektur dieser Zeit zielt, sollen auch Fragen nach den Optionen für die Zukunft gestellt werden. Zu Wort kommen Fachleute wie z.B. Architekten, Baureferenten, Hochschullehrer und Städteplaner, aber auch Politiker.

Nachdem der Schwerpunkt zunächst auf Oberfranken lag (mit den Beispielen Bamberg, Hof und Bayreuth), geht es jetzt nach Unterfranken. Im vom II. Weltkrieg besonders schwer heimgesuchten Würzburg hat erst kürzlich die Debatte um den Abriss oder den Erhalt der Mozartschule die Qualitätsfrage der Nachkriegs-architektur in den Fokus gerückt. ART.5|III unterhielt sich mit Prof. Christian Baumgart, berufsmäßiger Stadtrat und Stadtbaurat der Stadt Würzburg.

 

 

Herr Prof. Baumgart, hat die Architektur der 50er und 60er Jahre, die ja unter dem Zeitdruck schnellen Wiederaufbaues stand, oder vielleicht auch der 70er Jahre, in Würzburg bemerkenswerte Resultate hinterlassen? Gibt es aus dieser Zeit qualitätvolle Beispiele?

CG: Es gibt in Würzburg eine ganze Reihe bedeutender Bauten aus der Nachkriegszeit. Zu den bekanntesten gehören das Burkardushaus – kürzlich stil- und denkmalgerecht modernisiert, das Polizeipräsidium in der Augustinerstraße – derzeit im Umbau und in der Modernisierung begriffen, die Steinbachtalschule, das Empfangsgebäude des Würzburger Hauptbahnhofes, die Regierung von Unterfranken und natürlich auch die Mozartschule. Diese Aufzählung ließe sich beliebig weiterführen. Es handelt sich bei all diesen Gebäuden im Übrigen um wichtige Zeugnisse der Nachkriegsmoderne.

 

 

Stehen solche Gebäude in Würzburg unter Denkmalschutz, oder gilt der nur für ältere Bausubstanz?

CG: Die vorgenannten Gebäude stehen allesamt unter Denkmalschutz. Das Alter spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Vielmehr ist es von Bedeutung, ob Qualität und Eigenschaften vorliegen, die es über die Zeit dauerhaft zu schützen und zu bewahren gilt. Dies gilt im Übrigen für etliche weitere Objekte dieser und durchaus auch späterer Baujahre in Würzburg.

 

 

Über den Umgang mit der Mozartschule ist überregional berichtet worden. Welchen Standpunkt vertritt die Stadt Würzburg in dieser Frage?

CG: Die Mozartschule ist ohne Zweifel ein bedeutendes Einzeldenkmal, das zurecht in die Denkmalliste aufgenommen wurde. Dennoch muss es nachfolgenden Generationen erlaubt sein, die Schutzwürdigkeit und Zweckmäßigkeit von Gebäuden im Hinblick auf künftige Herausforderungen kritisch zu hinterfragen. Die Stadt hat es sich daher bei der Abwägung nicht leicht gemacht, als es darum ging, das Gesamtareal städtebaulich neu zu ordnen. Mit dem Ausgang des Bürgerbegehrens vergangenen Sommer hat sich die Situation klar verändert. Die Bürgerschaft hat eindeutig für den Erhalt der Schule votiert und dieser basisdemokratischen Entscheidung sieht sich die Stadt nach wie vor verpflichtet.

Derzeit arbeitet die Stadt Würzburg gemeinsam mit interessierten Bürgern in einem Dialogverfahren intensiv an der Frage der möglichen Nachnutzung der Denkmalsubstanz.

 

 

Wie stehen Sie zur Frage der Rekonstruktion von verloren Gegangenem? Ist das oft von der Bürgerschaft gewünschte historisierende Bauen im Sinne einer „Wohlfühlarchitektur“ für Sie denkbar oder kommen in Würzburg nur konsequent zeitgenössische Baustile in Frage?

CG: Rekonstruktionen werden allgemein als kritisch erachtet, ein Standpunkt, den ich teile. Eine lebendige Stadt profitiert nachhaltig davon, dass neue Einflüsse und neue Lebensgewohnheiten ihrer Bewohner sich auch in der Architektur wiederfinden. Das macht das Wesen von Architektur aus. Bauen ist nicht Selbstzweck, sondern Spiegel und Projektionsfläche sich weiterentwickelnder menschlicher Bedürfnisse. Auch in der Stadt Würzburg gibt es dafür historische Beispiele. So zeigen die Marienkapelle und das Falkenhaus unterschiedlichste Baustile und Epochen selbstbewusst nebeneinander auf dem Oberen Markt und die barocke Schönbornkapelle von Balthasar Neumann lehnt sich wie selbstverständlich an den romanischen Dom.

Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen von der Regel. So wurde im Zuge einer erst kürzlich abgeschlossenen Quartiersaufwertung und Revitalisierung auch die Fassade eines denkmalgeschützten Gebäudes aufwändig rekonstruiert. In der Geschichte der europäischen Städte hat es immer wieder Überformungen und Veränderungen gegeben. Vorgänge, die die Lebensfähigkeit unserer Städte als Organismus garantiert haben.

 

 

Welche urbanen Visionen hegen Sie für Würzburg?

CG: Eine Stadt misst sich an sich verändernden und wachsenden Herausforderungen. So gilt es in nächster Zukunft beispielsweise, zügig ausreichend Wohnraum zu schaffen, nicht nur für bereits aktuell Wohnungssuchende, sondern insbesondere für Neubürger und Zuwanderer. Eine Aufgabe, die diese Stadt nicht zum ersten Mal zu bewältigen hat. So kamen zum Ende des zweiten Weltkrieges bereits zahlreiche Geflüchtete in unsere Stadt und Mitte der Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine große Zahl an Spätaussiedlern. Ich bin mir sicher, dass diese Stadt sich auch ein weiteres Mal erfolgreich dieser Aufgabe stellen wird.

Würzburg wird sich als klares Oberzentrum der Region in der Tradition der europäischen Stadt als lebenswerte, bunte und offene Stadt der kurzen Wege im Bewusstsein seiner Geschichte als Wohn-, Wissenschafts-, Kultur-, Gewerbe- und Handelsstandort im Wettbewerb selbstbewusst qualifizieren. Dabei werden nicht zuletzt Planungs- und Baukultur eine entscheidende Rolle spielen.

 

 

Copyright Bild:

Würzburger Hauptbahnhof um 1919, Foto © gemeinfrei

Martin Köhl
27.01.2016

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