Quadro Nuevo

Die Stil-Köche von Quadro Nuevo: Würzen mit Swing, Tango & mediterraner Leichtigkeit

Quadro Nuevo

Das deutsche Instrumental-Quartett Quadro Nuevo hat in seiner langjährigen Karriere musikalische Meilensteine gesetzt. Mit ihrem Programm „Grand Voyage“ machen unser Interviewpartner Mulo Francel (Saxophone, Klarinetten), D. D. Lowka (Kontrabass, Perkussion), Andreas Hinterseher (Akkordeon, Vibrandoneon, Bandoneon) und Evelyn Huber (Harfe, Salterio) am 17. Januar 2013 auch in Bamberg/Konzerthalle Station. Im Gepäck haben sie Lieder einer großen Reise, von anderen Orten. Vier Koffer voller Melodien, voller Eindrücke, Erfahrenem, Erlebtem, voller Beglückendem und Freude an der Musizierkunst. Ergänzt wird die CD von einem gleichnamigen Roadbook sowie der gleichnamigen DVD (Reisefilm, Konzertfilm & Videoclip).

 

„Grand Voyage“ erschien bereits im Oktober 2010 als CD. Wie kommt es, dass Quadro Nuevo damit noch 2013 auf Tournee sind?

 

Mulo Francel:

„Grand Voyage“ ist für uns ein sehr wichtiges Album: wir reisen durch die Welt und lassen uns von den unterschiedlichsten Orten inspirieren und nehmen dort unsere Lieder auf. Tunesien, Krim, New York, Rumänien, Israel, Türkei, London und viele andere Plätze mehr, zu welchen wir unsere Musik getragen haben und die wiederum unsere Musik gefärbt haben.

Es entstand somit ein buntes weltmusikalisches Kaleidoskop, das wir persönlich sehr spannend finden und eben auch live gerne zum Vortrag bringen.

 

Werden die Konzerte in etwa mit der DVD „Grand Voyage“ vergleichbar sein? Was erwartet die Zuschauer?

 

Mulo Francel:

Unsere Musik und die Stücke entwickeln sich ständig. Wir spielen viel und sind oft auf Achse. Kürzlich waren wir in Malaysia und China. Wir haben viele Menschen kennengelernt und mit dortigen Musikern zusammengespielt. Das heißt nicht, dass wir jetzt plötzlich chinesische Lieder spielen, aber ganz subtil fließt etwas von dem Erfahrenen in unsere Art zu Musizieren mit ein. Der große Jazz-Trompeter Louis Armstrong sagte mal: „You play what you life“. Außerdem lieben wir die Improvisation und den kreativen Umgang mit unseren Melodien. Das hält uns frisch und macht sehr viel mehr Spaß als sich jeden Abend genau an den Text zu halten.

 

Das Line Up von Quadro Nuevo ist seit Jahren unverändert. Funktioniert die Zusammenarbeit auch deshalb so gut, weil die einzelnen Mitglieder immer wieder eine Auszeit nehmen, um ihren eigenen Projekten nachzugehen?

 

Mulo Francel:

Ja, wir wollen offen bleiben. Jeder von uns hat kleine Nebenprojekte. Dort entstehen in der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern oft neue Ideen, die wir dann wieder in unser Quadro Nuevo mitbringen: Unsere Harfenistin Evelyn Huber spielt manchmal mit einer irischen Sängerin, Bassist Didi Lowka schrieb kürzlich eine Kindergeschichte, Akkordeonist Andreas Hinterseher arbeitet noch im Duo mit Geige. Ich habe kürzlich mit dem fantastischen hochvirtuosen Pianisten David Gazarov eine Jazz-Platte eingespielt. Dafür habe ich mich akribisch vorbereitet und wie ein Verrückter geübt. Die anderen Quadro Nuevo-Freunde meinten plötzlich: Hey, was is´n jetzt mit Dir los.

Ich glaube es ist gut, wenn man sich immer wieder gegenseitig überrascht und herausfordert.

 

Sie haben gerade mit „escape“ ein Solo-Album veröffentlicht. Was gibt es dazu Wissenswertes zu erzählen?

 

Mulo Francel:

Mein Vater war Kriegsflüchtling aus Böhmen/Tschechien. Er hatte die Biografie des Entwurzelten, wie sie in der Nachkriegszeit millionenfach geschrieben wurde. Später wurde er dann Jazzfan. Er starb, als ich  Einzelkind  6 Jahre alt war. In der Familie wurde über Gründe nicht viel gesprochen. Er hinterließ mir aber seine umfangreiche Jazz-Plattensammlung mit vielen schönen Aufnahmen der 50er und 60er Jahren: Wes Montgomery, Stan Getz, Miles Davis, Donald Byrd, Paul Desmond, Art Farmer. Als ich 12 war holte ich eine nach der anderen in mein Zimmer. Sie waren wie ein Medium zum Vater. Ich wollte Teil davon sein und zupfte auf einer alten Gitarre dazu. So kam ich unbewusst zur Improvisation und überhaupt erst in diesem Alter zur Musik. Vorher interessierte mich Musik gar nicht. Andere Kinder in meinem Heimatdorf Riedering im beschaulichen voralpenländischen Oberbayern hatten im Feuerwehrhaus manchmal Unterricht in Gitarre, Blockflöte oder Akkordeon. Dies wies ich als Ultimum an Mädchenhaftigkeit weit von mir. Ich war immer mit Freunden im Wald und wir spielten Wickinger und Römer. Mit 16 packte mich dann endgültig der Jazz-Virus und ich kaufte mir dann ein Saxophon. Meine Mutter war Grundschullehrerin in unserem Dorf und ließ mir bei allen Aktionen und Entscheidungen freie Hand. Später reiste ich viel durch die Welt. Mit Quadro Nuevo fand ich gleichgesinnte Freunde, mit denen ich all das Gehörte verarbeiten konnte. Bei meinem neuen Solo-Album Escape hatte ich aber einfach mal Lust, erstens: auf die traditionelle Jazzquartettbesetzung mit Sax, Klavier, Kontrabass und Schlagzeug; sozusagen eine Rückkehr zu dem in meiner Jugend als Verbindung zum Vater gehörten Jazz der 50er und 60er Jahre. Zweitens: der Boss zu sein, um meine klanglichen und kompositorischen Vorstellungen dieses Albums durchzusetzen; drittens: nur meine Lieder zu spielen. Alles meine Juwelen, die ich in anderen Bands schon oft auf der Bühne gespielt hatte und hier unbedingt in einem jazzigeren Kontext hören will; viertens: diese Lieder als Ausgangsbasis für lustvolles Improvisieren zu sehen. Wir haben vorher kaum geprobt, lediglich vier Aufwärmkonzerte in kleinen Clubs gespielt; fünftens: Aufgenommen alle gemeinsam in einem schönen großen Studioraum mit tollem Bösendorfer Flügel ohne die Möglichkeiten, die man hat, wenn man mit moderner Technik in getrennten Studioräumen aufnimmt. Also geschah alles ohne Overdubs und Korrekturen. Ganz wie die legendären Jazzaufnahmen der 50er und 60er. Eine Jazzplatte ist ja eigentlich schnell aufgenommen: man nehme einen Haufen Musiker, die gut improvisieren, 10 Standards und los geht‘s. Aber ganz so einfach wollte ich es mir nicht machen. Ich habe mir erstens sehr lange überlegt, welche Kollegen genau die richtigen sind und dazu auch „Experimentier-Konzerte“ gespielt. Und dann hatte ich sehr genaue Vorstellungen, wie welche Stücke von mir klingen sollten. In diesem Rahmen jedoch hatten die Musiker maximale interpretatorische Freiheit. Für mich hat diese Vorgehensweise prima geklappt. Außerdem wollte ich mit dem fantastischen Pianisten David Gazarov aus Baku schon seit vielen Jahren eine Platte aufnehmen. Und noch was zum Titel Escape: Auf meinem Cover flüchtet ein Typ mit Saxofon in der Hand aus einer nächtlich beleuchteten Großstadtkulisse. Warum? Aus welcher Welt bricht er aus? Wohin flüchtet er? Warum nimmt er sein Instrument mit? Jeder kann sich hier seine eigenen Gedanken zusammenreimen. Ich habe dieses Cover gemeinsam mit einer Grafikerin entwickelt, mit der ich zuvor nie gearbeitet habe. Es entsprang einer „unreflektierten“ Idee. Ich finde, es ist recht gut geworden. Jetzt versuche ich diese unreflektierte Idee im Nachhinein zu deuten: Da stiehlt sich also offensichtlich jemand davon, bricht aus einer bestimmten Welt aus. Klar, denn der Titel Escape bestätigt dies. Eskapismus ist ein sehr guter Begriff, um Gesellschaftskonformität in Frage zu stellen. Was sagt das Lexikon dazu: „Gelegentlich wurde der Kunst im Allgemeinen sowie der Dichtung im Besonderen vorgeworfen, Mittel zur Realitätsflucht zu sein. Oft wurde hierfür das Bild des Elfenbeinturms gebraucht, in dem der Dichter sich vor der wirklichen Welt verschanze und zurückziehe. Insbesondere auf die Kunst der Romantik, etwa die Dichtung Friedrich Hölderlins wurde dieser Begriff angewandt. Peter Handke ist diesem Vorwurf in seinem Band „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturmes“ (1972) begegnet. Dort betont er den utopischen Charakter der Kunst, der gerade durch seine Distanz zur Wirklichkeit ihre Veränderung ermögliche.“ Aha! Es gibt also in der Realität Zustände, vor denen ich am liebsten davonlaufen würde. Ich zähle mal ganz offenherzig einige auf, ohne näher auf die Punkte einzugehen:

 

- das Einerlei der gesellschaftlichen Konventionen

 

- der Konformismus der Metropolen unserer Welt, deren Gleichschaltung durch die Globalisierung

 

- die Seichtheit/Inhaltsleere der Massenmedien und Konsumangebote

 

- die inhaltliche und stilistische Verarmung des Journalismus und die weitgehende Inhaltsleere der TV-Programme

 

- die Erhöhung des Fußballs zur nationalen Angelegenheit einerseits und zum kommerzialisierten Wirtschaftszweig andererseits

 

- die Klimaveränderung

 

- die Vermüllung der Weltmeere

 

- Landflucht und Metropolisierung der Weltbevölkerung und dadurch Entfernung von der Natur und der Liebe zu ihr

 

- Kriege, die aus überzogenem Religionswahn, Ideologien, Machtgier oder alleine schon aus wirtschaftlichen Interessen entstehen

 

Die aufgezählten Probleme sind zwar auch meine, aber natürlich beliebig und  teilweise eh die großen Themen der Menschheit; da wär jeder drauf gekommen ... Es gibt natürlich auch Beispiele im Kleinen:

- der Hund an der Kette, der ohne Wasser unter türkischer Sonne darbt

 

- das dicke Mädchen, das vor laufender Kamera tanzt und singt und sich zum Gespött aller macht, um irgendwie berühmt zu werden ...

 

Das „Sich-Entfernen-Von-All-Diesem“ ist keine Flucht vor der Leistung/der Herausforderung, sondern die Annahme derselben!

 

Jeder kann seine Gegenwelt finden, um in ihr wieder Kraft zu schöpfen für den Kampf gegen die Missstände in der realen Welt. Diese Gegenwelt kann man etwa im zwischenmenschlichen Engagement, in einer Reise, in der Natur finden. Ich persönlich brauche eine ästhetische Gegenwelt, um überleben und kämpfen zu können. Meinen Elfenbeinturm finde ich in kreativen Kunstformen wie dem Jazz, deshalb hat der Fliehende ein Saxophon in der Hand, die Eintrittskarte zu seiner Gegenwelt. Ich will mich keineswegs auf meinem Elfenbeinturm verschanzen. Ich lade jeden ein mitzukommen: Musikerkollegen, Hörer, Interessierte. Das ist jetzt natürlich intellektuell und verquast, aber ich komme eben auf verschiedenste Gedanken, wenn ich mich darauf einlasse. Wichtig: Escape ist keine Flucht vor meinem Stamm-Ensemble Quadro Nuevo!

 

Quadro Nuevo waren Echo Jazz-Gewinner 2010 und 2011. Hat sich dies auch in Sachen CD-Verkauf und Booking von Live-Shows positiv ausgewirkt?

 

Mulo Francel:

Wir haben immer schon viel gespielt und freuen uns immer über Veranstalter, die uns einladen, um für die Menschen dort zu spielen. Die ECHOs waren eine tolle Sache, aber es kamen dadurch nicht viel mehr oder ganz andere Veranstalter als vorher sprunghaft auf uns zu.

 

Mit dem Label GLM verbindet Quadro Nuevo seit Jahren eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Gilt hier nach wie vor das Motto ´never change a winning team´? Gab es aufgrund der nationalen/internationalen Erfolge auch Anfragen von Major-Labels bezüglich einer Zusammenarbeit?

 

Mulo Francel:

Ja, es gab Anfragen und scheinbar attraktive Angebote von großen Musik-Konzernen. Wir lieben jedoch den persönlichen Austausch mit dem kleinen aber feinen Münchener Label GLM. Die Leute dort haben immer ein offenes Ohr für unsere Belange und wir planen zusammen die nächsten CDs. Wir haben ein tiefes Verständnis füreinander und das ist bei einem so sensiblen „Produkt“ wie Musik sehr wichtig. Große Plattenfirmen hingegen diktieren die Karriere eines Künstlers oder einer Band manchmal sehr autoritär. Man unterschreibt einen schwer verständlichen Vertrag mit 30 Seiten in der Hoffnung auf den ganz großen Triumph. Das führt oft zu Unfreiheit und Verlust an kreativer Energie.

 

Wie sieht die Planung von Quadro Nuevo für das Jahr 2013 generell aus?

 

Mulo Francel:

Wir sind viel unterwegs und spielen!

 

Ist 2013 mit einem neuen Quadro Nuevo-Album zu rechnen und wenn ja, welche Thematik wird behandelt werden. Seit 1996 hat sich die Band ja vom reinen Instrumental-Tango weit entfernt und immer wieder Musik aus den verschiedensten Kontinenten in den Songwriting-Prozess einfliessen lassen.

 

Mulo Francel:

Ende Februar 2013 veröffentlichen wir unser Album End of the Rainbow, das wir mit dem großen NDR-Orchester live aufgenommen haben. Für uns ist das eine Wahnsinns-Sache: Tangos, Arabesken, Melodien aus dem alten Europa. Orchestral dargeboten und dennoch intim beleuchtet. Fast schon verklungene Lieder, die es wert sind, vor dem Vergessen bewahrt zu werden. Kleinode wie Charles Trenets „Que reste-t-il de nos amours“, Peter Kreuders „Du gehst durch all meine Träume“ und „Tango del Mare“ von Carlo Buti. Dann wieder die groß angelegte Tango Hymne „Oblivion“ von Astor Piazzollas Tango-Hymne. Dazu kommen mehrere neue Kompositionen der Musiker von Quadro Nuevo. Wir wollen durch zeitgemäße Arrangements ein Gleichgewicht zwischen Orchester und uns Solisten schaffen - ein gemeinsamer Ritt auf dem Fliegenden Teppich zum sagenumwobenen Ende des Regenbogens.

 

Trio Grande haben ca. 2006 mal Vocals über Quadro Nuevo-Material gelegt, war dies einzigartig, oder hat die Band mittlerweile auch schon mal mit dem Gedanken gespielt, zukünftig Gesang einzusetzen?

 

Mulo Francel:

Grundsätzlich sind wir egoistisch! Das heißt: Jeder von uns vieren liebt sein Instrument und dessen Klang. Wir haben in unserer 16-jährigen Bandgeschichte einen Weg gefunden, dass jeder sich im Ensemble als Solist zeigen kann. Keiner spielt andauernd nur Begleitung. Wir haben ein zutiefst demokratisches Verständnis zu unserer Kunst und zu unserer Band. Alle bekommen gleich viel Gage, jeder darf seine Ideen umsetzen, jeder erntet denselben „Ruhm“, jeder darf sich freispielen. Wenn ein Sänger hinzukäme, dann würde eine andere Hierarchie entstehen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Dann ist der Sänger immer im Focus und die Band wird zur Begleitung. Das kann man schon mal machen, aber im Grunde widerspricht das unserer Auffassung von Quadro Nuevo. Außerdem: Ein Sänger benützt in der Regel Texte. Wir wollen aber mit unseren Tönen eine ästhetische Welt erschaffen, die den Hörer weg von seinen Alltagsproblemen führt. Ohne Worte. Nur mit Klängen.

 

Falls es von Ihrer Seite noch Interessantes zu Quadro Nuevo zu sagen gibt – nur zu...

 

Mulo Francel:

Das war ja jetzt schon einiges, aber es gibt noch so viel zu entdecken und so viel Träume zu verwirklichen. Wir planen eine Reise nach Buenos Aires. Darauf freuen wir uns enorm.

 

 

Do., 17. Januar 2013

19:30 Uhr

Hegel-Saal Bamberg

Karten:

Tel. 0911 / 433 4618,

www.nuernbergmusik.de

und an allen bekannten VVKStellen

Weiterführende Links:

www.quadronuevo.de

www.glm.de

 

 

 

Frank Keil
11.01.2013

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