Auf der Suche nach den künftigen Maestri

Im Mai 2016 findet bereits die fünfte Edition des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs der Bamberger Symphoniker statt

Auf der Suche nach den künftigen Maestri

 Dirigierwettbewerbe sind eine besondere Zierde für ein Symphonieorchester, denn sie implizieren, dass sich ein Klangkörper der Spitzenklasse – andere kommen dafür nicht in Frage – als Medium für die Kür des hochtalentierten Dirigiernachwuchses zur Verfügung stellt und so auch Künstlerförderung betreibt. Der 2004 zum ersten Male ausgetragene Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker hat in kürzester Zeit Maßstäbe gesetzt und avancierte mittlerweile zu den weltweit wichtigsten Wettbewerben dieser Art. Er ist insofern eine Besonderheit, als er gleich in seiner ersten Edition eine stabführende Musikerpersönlichkeit „gebar“, deren Ruf bald um die ganze Welt ging und deren Glanz bis heute nicht verblasst ist: Gustavo Dudamel.

Der damals blutjunge Venezolaner, schon zum Wettbewerbszeitpunkt nicht ganz unbekannt aufgrund seiner Verdienste um die Förderung des musikalischen Nachwuches seines Heimatlandes, die unter der Bezeichnung „El sistema“ Berühmtheit erlangte, ist nach dem Bamberger Erfolg zu einem der wichtigsten Musiker seiner Generation geworden und hat eine famose Weltkarriere hingelegt. Seine furiosen Dirigate sind so mitreißend wie ansteckend und verraten den „Feuerkopf“, der hinter diesem enthusiastischen Dirigierstil steckt. Auch der damalige Sonderpreisträger Lukasz Borowicz blieb erfolgreich und leitet seit Jahren das Polnische Radio-Symphonieorchester Warschau.

Die Bedeutung bzw. Weiterentwicklung der Preisträger der darauf folgenden Wettbewerbsjahrgänge lässt ebenso aufhorchen. Sie erhielten teils vielversprechende Einladungen und bekleiden heute zu einem Gutteil hochkarätige Positionen. So wurde im zweiten Dirigierwettbewerb im Jahre 2007 zwar kein 1. Preis vergeben – was übrigens Rückschlüsse auf die Strenge der Jurymitglieder zulässt – , doch die Trägerin des 2. Preises, Shi Yeon Sung, ist seit 2009 assoziierte Dirigentin des Seoul Philharmonic Orchestra und assistierte 2007 bis 2010 dem Maestro James Levine beim Boston Symphony Orchestra.

In der Wettbewerbsrunde des Jahres 2010 sorgte der aus Lettland stammende Ainars Rubikis für ein Kontrastprogramm hinsichtlich des Dirigierstils: ruhig und sehr zurückhaltend dirigierend, erwies sich der junge Lette als gänzlich andere Musikerpersönlichkeit. Höchst erfreut zeigte sich Jurypräsident Jonathan Nott auch über diesen ersten Preis, denn Ainars Rubikis ließ auf dem Podium ebenfalls das Potenzial erkennen, „dass er wachsen und zukünftig zur Musik Wesentliches beitragen wird“. 2011 debütierte er bei den Salzburger Festspielen, und seit 2012 ist er Musikdirektor der Oper in Nowosibirsk, also in einer der wichtigsten Musikstädte Russlands.

Besonders spannend wurde es bei der Kür des Siegers im Finale des vierten Gustav-Mahler-Wettbewerbes im Jahre 2013. Es kam zu einem wahren Herzschlagfinale, in dem erstmals gleich zwei zweite Preise vergeben wurden. Den ersten Preis erhielt der fulminante Lahav Shani, der dann auch kurz nach seinem Bamberger Triumph beim Israel Philharmonic Orchestra debütierte. Weitere Einladungen erhielt er von so angesehenen Orchestern wie der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, dem Gürzenich-Orchester Köln sowie dem Konzerthausorchester Berlin.

Mit Blick auf diese erfolgreiche Vergangenheit des Wettbewerbs darf man zu Recht gespannt sein auf die jetzt anstehende fünfte Edition, die vom 6. bis 13. Mai 2016 stattfindet. Es sind abermals intensive und spannende Tage zu erwarten, in denen die Gelegenheit besteht, die Musik Gustav Mahlers und anderer Komponisten aus all jenen Blickwinkeln kennenzulernen, die die ausgewählten Kandidatinnen und Kandidaten bis dahin entwickelt haben werden. Die Namensgebung des Wettbewerbs beruht übrigens auf dem Umstand, dass von Beginn an Marina Mahler, die Enkelin des Komponisten, als Ehrenmitglied der Jury fungierte, in der sich im übrigen hochrangige Dirigenten, Komponisten, Interpreten und Musikmanager befinden.

Beworben haben sich für den Wettbewerb 2016, der auch unter der Überschrift „The Mahler Competition“ firmiert, 381 Aspiranten, aus denen 14 Kandidaten – 11 Dirigenten und 3 Dirigentinnen – ausgewählt wurden. Die Bewerber stammen aus ingesamt 64 Nationen und allen fünf Erdteilen, darunter auch Afrika. Die Auswahljury hat aus diesem Grunde den 21-jährigen Brian Kepher aus Kenia als Gast zum Wettbewerb eingeladen. Die Herkunftsländer der Endrundenteilnehmer lauten: Rumänien (2x), Russland (2x), Chile, China, Japan, Polen, USA, Venezuela, Deutschland, Singapur, Neuseeland und Südkorea. Der Wettbewerb wird in mehreren Runden durchgeführt, der/die Sieger/in präsentiert sich am 13. Mai in einem Konzert der Öffentlichkeit. Natürlich gibt es nach der Entscheidungsfindung nicht nur viel Ehre zu gewinnen, sondern auch ein Preisgeld, das von 20.000,- € für den ersten Preis bis zu 5.000,- € für den vierten Preis reicht.

 

 

Copyright Fotos:
Lahav Shani, Final concert © Peter Eberts
Gustavo Dudamel beim Gustav Mahler Dirigenten-Wettbewerb,Foto © Peter Eberts
Gustavo Dudamel beim Gustav Mahler Dirigenten-Wettbewerb,Foto © Peter Eberts

 

Martin Köhl
24.03.2016

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