Jede Frau und jeder Mann konnte in den falschen Verdacht kommen

1616 begannen die Hexenverfolgungen im Hochstift Bamberg

Jede Frau und jeder Mann konnte in den falschen Verdacht kommen

 Bamberg/Zeil am Main. Vor 400 Jahren, am 21. Juni 1616, wurde in Zeil am Main die erste Hexe festgenommen. Es war der Beginn der ersten großen Hexenverfolgungswelle im Fürstbistum Bamberg, die bis 1619 dauerte. Allein in Zeil wurden in diesem Zeitraum 43 Menschen verbrannt. Bei den Hexenverfolgungen im Hochstift Bamberg spielte Zeil „eine traurige Hauptrolle in dieser Tragödie“, wie der oberfränkische Bezirksheimatpfleger Prof. Dr. Günter Dippold sagt. Denn: „In den beiden großen Verfolgungswellen von 1616 bis 1619 und 1626 bis 1630/32 war Zeil am stärksten betroffen: Hier gab es die meisten Opfer, hier fanden die meisten Hinrichtungen statt, hier wurden sogar Menschen aus Bamberg inhaftiert, gefoltert und ermordet.“

Seit der Eröffnung im November 2011 erinnert die Stadt Zeil mit dem „Dokumentationszentrum Zeiler Hexenturm“ an eines der dunkelsten Kapitel ihrer Geschichte. „In Zeil führt einen diese Dokumentation ,Hexenturm‘ an einen authentischen Ort, der dort eben erhalten ist: den Stadtturm, in dem Angeklagte gefangen lagen.“, so Prof. Dippold. Dem Einzelbesucher werde in den Ausstellungsräumen des Hexenmuseums im Stadtturm die beklemmende Atmosphäre vermittelt, die im frühen 17. Jahrhundert geherrscht habe. Es gehe darum, zu zeigen, „wie jemand in die Mühlen der Hexenjustiz geriet und wie unausweichlich für ihn Folter, erzwungene Beschuldigung anderer und Tod durch die Hand des Henkers folgten“. Denn treffen konnte es jeden. Männer, Frauen, Kinder. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Hingerichteten irgendwelche Auffälligkeiten hatten; die Verfolgung traf Junge wie Alte, Reiche wie Arme. Jede Frau und jeder Mann konnte in den falschen Verdacht kommen, mit dem Teufel im Bund zu stehen und Hexerei verübt zu haben“, sagt Prof. Dippold. Rund ein Drittel der Opfer in Zeil sei männlich gewesen. Dazu gehörte auch einer der Chronisten der Hexenverfolgungen. So notierte der spätere Zeiler Bürgermeister Johann Langhans, der im Februar 1628 während der zweiten großen Hexenverfolgungswelle selbst angeklagt, mit Daumenstock und Spanischem Stiefel, einer Beinschraube, gefoltert und nach seinem Geständnis verbrannt wurde, im Jahr 1616 in sein Schreib- und Lehebuch: „In diesem 1 60 16 Jahr um die Johannitag hat man angefangen Hexen oder Unholden eingefangen und ist Elisabetha Beutlin als des Hansen Buckel Hausfrau, die erst gewesen.“ Mit der Gefangennahme von Elisabetha Bucklin am 21. Juni 1616 nahm der Schrecken in Zeil seinen Lauf. Ein weiterer Eintrag von Langhans aus dem Jahr 1616 lautete: „Am 26. November hat man 9 Zeller Weiber als Hexen allhie zu Zeil verbrennt und ist der erste Brand gewest, deren Namen mir unbekannt sein.“ Bis zu seiner Hinrichtung im Februar 1628 zählte Langhans 137 Hinrichtungen in Zeil, darunter befand sich auch sein Onkel Jakob Langhans.

In Europa war es vor allem der deutschsprachige Raum, der von Hexereiprozessen betroffen war. Innerhalb Deutschland wiederum „war das Fürstbistum Bamberg eine der Regionen, in denen die Verfolger am schlimmsten wüteten“, so Prof. Dippold. Zwar habe es noch stärker betroffene Gebiete wie die kleine Grafschaft Vaduz gegeben, „aber Bamberg mit seinen wohl rund 900 Opfern war neben Köln, Würzburg und Eichstätt oder auch der Grafschaft Henneberg ein Hauptgebiet der Verfolgung vermeintlicher Hexen“. Dabei seien es nicht die katholische Kirche und die Inquisition gewesen, die die Prozesse führten, wie ein immer noch verbreitetes Vorurteil lautete. „Wo die Inquisition wirklich Einfluss hatte, in Spanien und Mittelitalien, gab es kaum Hexereiprozesse. Die weltliche Gewalt führte die Prozesse durch, und zwar in evangelischen Ländern ebenso wie in katholischen. Mecklenburg, Sachsen-Coburg und die Grafschaft Henneberg waren Regionen mit sehr vielen Hinrichtungen wegen Hexerei.“ Deswegen sei es wichtig seriöse Informationen zum Thema zu bieten, denn das Interesse daran sei ungebrochen groß. Einen beklemmenden Einblick dazu bietet der Zeiler Hexenturm. Am Ende des Museums erwartet den Besucher der wohl emotionalste Augenblick: das Angstloch. Über eine knarrende Holztreppe steigt der Besucher vom Dachgeschoß in den Torturm. Nachdem er eine massive Holztür passiert hat, befindet er sich im ehemaligen Hexenturm von Zeil, umgeben von massivem Steingemäuer. Durch eine viereckige Öffnung im Boden, die mit einer wuchtigen Glasplatte bedeckt ist, blickt der Besucher in einen düsteren Abgrund. Mehrere Meter geht es in die Tiefe. Als Angstloch wurde die Öffnung wegen ihrer Enge einst genannt. Hier wurden die Beschuldigten an einem Seil in die Tiefe gelassen. In völlige Dunkelheit, ohne Frischluft, in ein feuchtes und modriges Verlies am Boden des Torturms, das nur diesen einen Zugang hatte. Im Gegensatz zur damaligen Zeit gelangt der Besucher heutzutage über eine Treppe bequem zum Turmboden. Er öffnet die Tür und kann das einstige Hexengefängnis verlassen.

Weitere Infos: www.zeiler-hexenturm.de

Ein Interview mit Prof. Dippold zu den Hexenverfolgungen in Zeil und Bamberg finden Sie "hier".

 

Copyright Foto:
Modell der alten Stadt Zeil am Main, Foto © Zeiler Hexenturm

 

Frank Gundermann
25.05.2016

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