Gestatten, Georges Lentz

Stipendiat der Villa Concordia 2012/2013

Gestatten, Georges Lentz

 Der Luxemburger Komponist, lange schon in Australien zuhause, war 2012/2013 Stipendiat der Villa Concordia. Die Bamberger Symphoniker führten sein Bratschenkonzert auf, das Orchestre philharmonique du Luxembourg spielte es ein. Solistin, beide Male: Tabea Zimmermann.

Wer hierzulande an das Großherzogtum Luxemburg denkt, dem bleibt vermutlich nach wenigen Stichworten die Sprache aus. Ja, selbstverständlich, es gibt in dem nach Malta flächenmäßig kleinsten Mitgliedsstaat der Europäischen Union um die einhundertfünfzig Banken. Günstige Steuersätze mache sie für Anleger attraktiv. Auch die Fondsindustrie floriert in Luxemburg, das weltweit lediglich von den Vereinigten Staaten geschlagen wird, wenn es um den Standort von Investmentfonds geht.

Über die Finanzwirtschaft hinaus ist die Hauptstadt des Groussherzogtums Lëtzebuerg, also die Ville de Luxembourg, als Verwaltungssitz der Europäischen Union bekannt. Was nun das kulturelle Leben angeht, sei daran erinnert, dass 2007 neben dem rumänischen Hermannstadt (Sibiu) Luxemburg zur Kulturhauptstadt Europas auserwählt wurde. Mit dem Grand Théâtre de la Ville verfügt man über ein erstklassiges Dreispartenhaus. Nahezu jede Vorstellung ist ausverkauft. Einen sehr guten Ruf genießt zudem das Philharmonische Orchester, das seinen Sitz auf dem Kirchberg hat, in einem architektonischen Schmuckstück in Weiß, der 2005 eingeweihten Philharmonie, die der Architekt Christian de Portzamparc entwarf. Kai Frömbgen, und damit nähern wir uns den musikalischen Verbindungen Bambergs zu Luxemburg, der Solo-Oboist der Bamberger Symphoniker – Bayerische Staatsphilharmonie, hatte bei dem Oboisten des Orchestre philharmonique – damals noch Hausorchester des Radio Télévision Luxembourg – Unterricht.

Mit diesem Orchester hat Tabea Zimmermann für das Pariser Label Timpani im vergangenen Jahr das Bratschenkonzert von Georges Lentz aufgenommen, es darüber hinaus auch an der Regnitz aufgeführt. Lentz? Zimmermann? Bambergern, denen die Bratschistin und der Komponist  kein Begriff war, dürften sich die beiden seit 2012/2013 ins kulturelle Gedächtnis geschrieben und gespielt haben. Offiziell stammten die Stipendiaten des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, wenn sie nicht aus Deutschland waren, aus der Schweiz. Im Falle des 1965 in der Stadt Luxemburg geborenen, in Echternach aufgewachsenen, in Paris und in Hannover ausgebildeten und seit über zwei Dekaden in Australien lebenden Georges Lentz aber machte man ein Ausnahme. Mit der Schweiz teilt sich Luxemburg ja die Vielsprachigkeit, und sowohl bei den Eidgenossen als auch unter den Luxemburgern leben sehr viele Portugiesen. Das passt.

Auch Tabea Zimmermann, fast auf den Tag genau ein Jahr nach Lentz – im badischen Lahr – geboren und als eine der Großen, ja der Allergrößten ihres Instrumentes international gefeiert, war und ist noch bis Ende der Saison in Bamberg zu Gast, als das, was man in wahrlich vorbildlichem Deutsch artist-in-residence nennt. Im vergangenen Dezember war Lentz‘ Bratschenkonzert zweimal im Joseph-Keilberth-Saal zu hören, zuvor bereits in Schweinfurt und in Erlangen. Am Pult der Bamberger Symphoniker stand jeweils Jonathan Nott.

„Monh“ für Solo-Bratsche, Orchester und Elektronik (2001 bis 2005) entlehnt den Titel einer der zahlreichen Aborigines-Sprachen Australiens und bedeutet dort soviel wie „Sterne“. Der Titel verweist, sagt Lentz, auf die „Isolation der riesigen australischen Landschaft mit ihren leuchtenden Nachthimmelszelten“, und er verweist auch auf die Kunst der Ureinwohner, für die Punkte und Kreise typisch sind. Zwischen der Kunst und dem in der Stille der Landschaft erfahrenen Sternenhimmel sieht Lentz eine eindeutige Analogie: „Meiner Meinung nach setzt sich meine Musik letztlich mit dem Problem auseinander, wie diese Stille zu ertragen ist, mit der Frage nach unserer existentiellen Einsamkeit.“

Für Tabea Zimmermann, die in Bamberg in diesem April in einem Kammer- und in zwei Orchesterkonzerten, die sie selbst dirigiert, zu erleben sein wird (sie gibt Mozarts Konzert A-Dur für Klarinette KV 622 in einer Bearbeitung für Bratsche), ist „Monh“ ein ganz außergewöhnliches Werk, „das mir in den letzten Jahren sehr ans Herz gewachsen ist“. Es fasziniere und trage in einer Weise, wie sie das nur selten erlebt habe. Von einem Ausbruch ins Fortissimo abgesehen, bewegt sich das einsätzige, etwa halbstündige „Monh“ im unteren dynamischen Bereich. Auch ist da eine Generalpause von fünfundzwanzig Sekunden in die Partitur hineingeschrieben, für Tabea Zimmermann immer eine spannende Sache: „Was passiert heute im Saal? Halten die Leute das aus?“ Und der Schlusschoral treibe ihr jedes Mal fast die Tränen in die Augen.

Gegen Ende seines Aufenthaltes in der Villa Concordia präsentierte Georges Lentz in der Grotte des  Internationalen Künstlerhauses ein neues, ein an der Regnitz entstandenes Werk. Bei der Klanginstallation „String Quartet(s)“ handelt es sich um den Versuch, mittels moderner Techniken dem, wenn man so will, Konzertbesucher eine unserer Zeit gemäße, andere, nicht traditionelle Annäherung an das klassische Genre Streichquartett zu erlauben. Die Klangspur wird als primäres Werk eingesetzt und erlaubt so ein völlig neues Hörerlebnis.

Auch hier holte sich Lentz die Anregung zur Komposition von der Kunst der australischen Ureinwohner, in diesem Falle von einem Bild Kathleen Petyarres. Deren Arbeiten sind bisweilen mit jenen von Jackson Pollock und Mark Rothko verglichen worden, und man hat sie auch mit symphonischer Musik in Verbindung gebracht. Im kommenden November soll die Installation in Luxemburg gezeigt werden, und zu hören sein. Für 2014 geplant ist das Erscheinen einer Blu-ray Disc bei Naxos. Die Installation ist Teil von Lentz‘ groß angelegtem, noch immer nicht abgeschlossenen Opus „Mysterium“, innerhalb dessen seit 2000 ungewöhnliche Streichquartette entstehen. „Mysterium“, das der pythagoreischen Vorstellung von einer Musik der Spähren folgt, ist wiederum (der siebte) Teil eines nach den Anfangsworten von Psalm 19 „Caeli enarrant...“ – also „Die Himmel erzählen...“ – genannten Zyklus‘ für unterschiedliche Besetzungen in unterschiedlichen Gattungen, an welchem der Luxemburger seit 1989 arbeitet. Dazu gehört auch, und so schließt sich der Kreis, das Tabea Zimmermann und dem Dirigenten der Uraufführung, Steven Sloane, gewidmete Bratschenkonzert „Monh“. Noch, und wie es scheint, noch lange, ist dieser Werkzyklus von nahezu proustschen Dimensionen nicht abgeschlossen.

Man darf gespannt sein, wie es damit weitergehen wird, und auch, ob es einmal wieder zu einer Zusammenarbeit mit den Bamberger Symphonikern kommt. Wie auch immer. Man halte in jedem Falle die Ohren offen. Lentz zu lauschen, lohnt.

 

Jürgen Gräßer
04.04.2013

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