Gluck-Festspiele 2016

Art. 5|III sprach mit Dr. Axel Baisch (Intendant der Gluck Festspiele) und Dr. Christian Baier (Künstlerischer Direktor der Gluck Festspiele)

Gluck-Festspiele 2016

 ART. 5|III: In den Vorinformationen zum Programm der 6. Internationalen Gluck Opernfestspiele sprechen Sie von „Stars, Streit und Entdeckungen“. Für „Stars“ ist mit den heuer engagierten herausragenden Opernstimmen sicherlich gesorgt, denn Elina Garanca und Valer Sabadus beispielsweise darf man getrost zu den Weltstars zählen. Das Stichwort „Streit“ passt stets zu Gluck, denn sein Name ist untrennbar verbunden mit den Ende des 18. Jahrhunderts in Paris ausgetragenen Auseinandersetzungen um die zukünftige Gestalt des Musiktheaters. Was aber hat es mit den „Entdeckungen“ auf sich, die Sie auf die Vertonungen des Iphigenie-Stoffes beziehen? Wird es da erhellende Vergleiche geben mit Christoph Willibald Glucks gleichnamiger Oper?

Baier: Ein Werbeslogan aus den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lautet: „Nur der Vergleich macht Sie sicher.“ Christoph Willibald Gluck stand mit seinen neuartigen Gedanken nicht allein in seiner Zeit. Rings um ihn gärte und brodelte es. Schriftsteller, Philosophen, Politiker - in ganz Europa machte man sich Gedanken, nicht nur um die Zukunft der Oper, sondern auch um das soziale Gefüge der Menschheit. Und darum müssen wir im 21. Jahrhundert gerade wieder ringen! Neben Gluck wirkten auch Niccolo Piccinni und Luigi Cherubini, zwei der innovativsten Komponisten am Vorabend der Französischen Revolution. Ihr Schaffen ist aus unserem Blickwinkel geraten. Leider! „Entdeckungen“ sind ein Leitstern der Gluck-Festspiele. Meiner Meinung nach ist es die Aufgabe eines Festivals, Neues zu entdecken und zu präsentieren, das Spektrum zu erweitern, neue Vergleichsmöglichkeiten zu schaffen.

 

ART. 5|III: Das Festspielmotto für die 6. Festspiel-Edition lautet „ZEITkultur / STREITkultur“ und bezieht sich natürlich auf Glucks Pariser Zeit, die ganz im Zeichen der Aufklärung und der vorrevolutionären Epoche steht. Kann man - und warum? - Iphigenie als „die Heldin der Vernunft und Aufklärung“ bezeichnen? Ist sie das unterschiedslos in allen drei vorgestellten Iphigenie-Opern, also auch beim Gluck-Widersacher Piccinni?

 Baier: Iphigenie war DIE Leitfigur der Epoche vor der Französischen Revolution. Sie, die nach der antiken Sage, selbst einst Opfer sein sollte, muss auf der fernen Insel Tauris (hochaktuell: die heutige Halbinsel Krim!) den Göttern Blutopfer bringen und weigert sich „die Gewaltspirale weiter hochzuschrauben – das war zu Glucks Zeit so brisant wie heute. Iphigenies Schicksal ist bei den diesjährigen Festspielen gleich drei Mal zu erleben: Gluck, sein „Gegenspieler“ Niccolo Piccinni und ihr Zeitgenosse Luigi Cherubini haben es vertont. Wir werden erleben, wie vielschichtig das Thema „Nonkonformismus“ damals angegangen wurde, und ganz nebenbei: Wir werden auch sehen, wie absurd der Pariser Opernstreit eigentlich war. Da konnte es eigentlich keinen Sieger und keinen Verlierer geben. Niccolo Piccinni war Gluck künstlerisch absolut ebenbürtig an melodischer Erfindungsgabe und eindringlicher Tonsprache. Und Cherubini, den man heute gerne auf seine famose Oper „Medea“ beschränkt – die Mühen, die es kostete, die Partitur seiner verloren geglaubten Oper „Ifigenia in Aulide“ auszugraben – sie lohnen sich wirklich. Ein atemberaubendes Stück Musiktheater!

 

ART. 5|III: Was versprechen Sie sich von den im Programmbuch abgedruckten Texten aus der Feder von Marlene Streeruwitz und Simon Strauß?

Baier: Die Aufklärung, die die Lebenszeit Glucks bestimmt, war geprägt vom Gedanken, gemeinsam an einem neuen Weltbild zu bauen. Dichter, Denker, Naturwissenschaftler, Komponisten, alle arbeiteten zusammen, um Erkenntnisse zu sammeln, auszuwerten und zu neuen Einsichten zu gelangen. Marlene Streeruwitz ist eine der konsequentesten Schriftstellerinnen unserer Gegenwart, unbestechlich in der Klarheit ihrer Ansichten, der junge Simon Strauß strebt danach, im Klima des „Everything goes“ und „Yes we can“ zu neuen Verbindlichkeiten zu gelangen, abseits irgend welcher Moralinsäuerlichkeit. Die Gluck-Festspiele wollen packende Opern und tolle Musik vorstellen. Aber Genuß wird nachhaltiger, je mehr man über ihn reflektieren kann.

 

ART. 5|III: Wendet sich das begleitende internationale Symposion nur an Fachleute oder auch an Laien? Sind neue Erkenntnisse für die Gluck-Forschung zu erwarten?

Baier: Wir verstehen das Symposium als Plattform für Gedanken und Erkenntnisse. Die Zeit ist vorbei, in der die Wissenschaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit agierte. „Zeitkultur / Streitkultur“ – da geht es um weit mehr als interne Forschungsergebnisse. Das Thema geht uns alle an. So wird die Tagung auch für alle von Interesse sein, die sich den brennenden Fragen unserer Zeit stellen.

Baisch: Das Symposion wird gemeinsam mit der Gluck-Forschungsstelle der Universität Salzburg (Professor Nils Grosch) durchgeführt und wird auch den Pariser Opernstreit zum wissenschaftlichen Thema haben. Doch gehen wir von dort quer durch die Jahrhunderte in der Welt des Musiktheaters und schauen uns die Art der Auseinandersetzungen und Konflikte sowie deren Lösungen an.

 

ART. 5|III: Bei den Besetzungen mischen sich symphonische Klangkörper mit Ensembles aus der historisch informierten Musikszene. Ist das ein Plädoyer für eine möglichst große Bandbreite oder wollen Sie doch Schwerpunkte setzen?

Baier: Wir konzipieren sehr inhaltsbezogen, gehen von den Werken aus und suchen stets den optimalen Klangkörper dafür. Michi Gaigg mit dem L’Orfeo Barockorchester ist ein kongenialer Partner für Daniel Behle, Michael Hofstätter und recreationBAROCK – eine symbiotischere Verbindung mit Valer Sabudus lässt sich nicht finden. Die Camerata Salzburg unter Wolfgang Katschner mit Claudia Sorokina in der Titelpartie von Piccinnis „Iphigénie en Tauride“ oder Christoph Spering mit Prague Philharmonia, der britischen Sopranistin Anna Dennis und dem griechischen Bariton Aris Argiris – es war ein langer Weg, eine so homogene Besetzung zu formen. Auch bei der Bandbreite der beteiligten Orchester, Ensembles und Künstler gilt: „Der Vergleich macht Sie sicher.“

Baisch: Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den Ensembles aus der historisch informierten Musikszene. Allerdings darf man nicht verkennen, dass mittlerweile die großen symphonischen Ensembles ihre Spielkultur auch in Richtung 18. Jahrhundert entwickelt haben. Denken Sie nur an die 2014 entstandene Jubiläums-Produktion „Paris & Helena“ von Christoph W. Gluck: Dort hat die Staatsphilharmonie Nürnberg unter der sachkundigen Leitung von Andreas Spering einen authentischen und spannungsreichen Klangbogen dieser Oper musiziert.

 

ART. 5|III: Der Titel der während des Festivals uraufgeführten Jugendoper „T.M.A. - Coming of Age“, dargestellt von der Elektro-Band Wrongkong, klingt nach Crossover. Was ist da zu erwarten?

Baier: Die neue Jugendoper stellt die Frage: Wer bin ich und wohin gehöre ich? Drei Jugendliche mit unterschiedlichen Problemen flüchten sich in die fiktive Welt eines Computerspiels, dessen Szenario auf die Oper „Telemach“ von Christoph Willibald Gluck basiert, der Geschichte vom Sohn des Odysseus, der aufbricht, seinen Vater zu suchen und ihn im Zauberreich der Circe findet. In der virtuellen Gameworld holt die drei dann ihr reales Leben ein. Diese Produktion stellt unter Beweis, dass Musiktheater in der Lage ist, die brennenden Lebensfragen von Jugendlichen heute zu reflektieren und ihnen helfen kann, Antworten zu finden.

Baisch: Es ist ein Musiktheater für Jugendliche zu erwarten, welches einige ihrer heutigen Probleme anhand einer alten und doch sehr aktuellen Geschichte komprimiert erzählt. Dies gilt sowohl für die Story als auch für die Musik und die Musiker: Gluck-Arien musiziert, dargestellt und gesungen von Studenten der Hochschule für Musik Nürnberg gemischt mit Musik von WrongKong. Und das alles in dem kompakten Format von rund 60 Minuten.

 

Die Wahrnehmung Glucks als „fränkischer“ bzw. wenigstens als in Franken geborener Komponist scheint Ihnen wichtig zu sein. Immerhin erstreckt sich der Radius der Aufführungsorte auf über 100 km um seinen Geburtsort Erasbach bei Berching und reicht von Würzburg über Ansbach und Nürnberg bis nach Neumarkt. Glauben Sie, dass die Bedeutung des Weltbürgers und großen Opernreformers Christoph Willibald Gluck nicht nur in Paris und Wien, sondern auch in seiner ursprünglichen Heimat angemessen erkannt und gewürdigt wird?

Baisch: Auf jeden Fall. Hier ist vor allem das große Engagement der Gluck-Freunde in Erasbach und Berching zu nennen, die seit mehreren Jahren intensiv im Sommer ihrem berühmten Sohn mit zeitgemäßen und unterhaltsamen Angeboten würdigen und feiern. Auch muss hier erwähnt werden, dass die Internationale Gluck Gesellschaft e.V. und der Landkreis Neumarkt in die wissenschaftliche Erforschung des Lebens von Christoph Willibald Gluck erhebliche Summen investieren. Die Festspiele leisten hier einen kleinen Beitrag, um dieses wichtige Wirken im Rahmen ihrer publizistischen Kraft zu kommunizieren.

Baier: Die Gluck-Festspiele sind ein Angebot, das folgenreiche Schaffen eines der faszinierendsten Komponisten der Musikgeschichte kennenzulernen, Bekanntes wie Unbekanntes, aber sie schlagen auch eine Zeitbrücke zur Kultur des 18. Jahrhunderts, einer Epoche, in der z.B. die Demokratie geboren und die sozialen, politischen und philosophischen Weichen für unsere Zeit gestellt wurden. Was wurde aus den visionären Gedanken von damals, wie gehen wir heute mit so Kostbarem wie den Menschenrechten und der Meinungsfreiheit um? Der unmittelbare Vergleich ist dabei beabsichtigt.

 

Copyright Fotos:

Don Juan compagnie l‘Eventail, Foto © Nick Nguyen, schwebegruppe

Dr. Christian Baier (l.) und Dr. Axel Baisch (r.),Foto © Ludwig Olah

Martin Köhl
31.05.2016

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