Eine Jam-Session der besonderen Art

Nachbericht zu „Jazz am See“

Eine Jam-Session der besonderen Art

 Open Air Veranstaltungen stehen und fallen ja mit dem Wetter. Auch am gestrigen Sonntag bangten die Veranstalter von Jazz am See sicher sehr, als sich gegen 20 Uhr dicke Wolken über das Konzertgelände schoben. Aber so schnell sie kamen, so schnell verzogen sie sich auch wieder und es blieb bei einem kurzen und sogar recht angenehmen Schauer. Den hat man als Zuschauer ohnehin nur nebenbei wahrgenommen, denn auf der Bühne wurde gejamt, was das Zeug hält. Das Staraufgebot war groß – gleich drei Jazz-Altmeister und ebenso viel „Jungvolk“ haben sich am Dechsendorfer Weiher eingefunden und sowohl solo als auch in schönster Eintracht miteinander geswingt und gegroovt.

„Generations in Jazz“ – so lautete das Motto des Abends und das passte bestens, denn mit Persönlichkeiten wie Chris Barber, Klaus Doldinger, Pete York, Torsten Goods, Nils Wülker und Martin Tingvall ging es einmal quer durch die Jazzgeschichte. Da wurden Klassiker wie der 1954 entstandene Titel „Ice Cream“ oder „Flip Flop and Fly“ des Engländers und Schlagzeug-Urgesteins Pete York zum Besten gegeben. Ein Highlight des Abends war sicherlich Klaus Doldingers bekannte Tatort-Komposition, die man gestern mal in voller Länge und bester Tonqualität zu hören bekam. Da konnte man dann auch mal getrost auf den sonntäglichen ARD-Fernsehabend verzichten. Und allerspätestens hier war das gesamte Publikum in Rage.

Aber auch die leisen und nachdenklichen Trompeten-Töne von Nils Wülker, so z. B. bei „Today‘s Gravity“ und „Dawn“, oder aber die klangvollen und stillen Titel „An Idea of Distance“ und „Vägen“ (der Weg) des Schweden Martin Tingvall fanden beim jazzaffinen Publikum großen Anklang. Hier konnte man bei einbrechender Dunkelheit und mit Blick auf den See, den man ja direkt vor (bzw. neben) der Nase hatte, wunderbar die Gedanken schweifen lassen. Der Erlanger Torsten Goods, künstlerischer Leiter und Gitarrist bei „Jazz am See“, wurde gleich zu Beginn der Veranstaltung als „Künstler des Monats der Europäischen Metropolregion Nürnberg“ von Graf von Matuschka, Sprecher des Forums Kultur der EMN, ausgezeichnet.

Dass sich alle Musiker kannten und miteinander vertraut sind, spürte man auch in den letzten Reihen des ausverkauften und (trotz der aktuellen Geschehnisse) gut besuchten Konzerts, denn die Laune auf der Bühne war ausgelassen und beschwingt. Besonders Posaunist Chris Barber war um ein gelegentliches Späßchen nicht verlegen. Dass dieser Mann bereits 86 Jahre auf dem Buckel hat, ist angesichts seiner gestrigen Performance kaum zu glauben.

Auch wenn die Stimmung generell ausgelassen war, konnte und wollte man die aktuellen Geschehnisse in München nicht außer Acht lassen. Deshalb wurde zu Beginn des Konzertabends eine Schweigeminute zum Gedenken der Opfer in München gehalten. Das Konzert trotzdem stattfinden zu lassen, war sicher keine leichte Entscheidung. Und das war sie vor allem auch im Nachhinein betrachtet, in Hinblick auf die Anschläge in Ansbach noch viel weniger. Terror und Angst kommen immer näher, so hat man den Eindruck.  Davon wollte bzw. will man sich am Dechsendorfer Weiher aber nicht unterkriegen lassen und setzt(e) ein Zeichen. Als ein solches ist auch die Entscheidung zu verstehen, die Pendant-Veranstaltung „Klassik am See“ am kommenden Mittwoch (27.07.) mit entsprechendem Polizeiaufgebot und verschärften Sicherheitskontrollen ebenfalls wie geplant stattfinden zu lassen.
 

 

Copyright Fotos:
Klaus Doldinger, Foto © Kilian Reil
Chris Barber, Foto © Kilian Reil(v.l.n.r.) Pete York (Schlagzeug), Martin Tingvall (Klavier), Torsten Goods (Künstlerischer Leiter, Gitarre und Vocals), Nils Wülker (Trompete), Klaus Doldinger (Saxophon), Foto © Kilian Reil

Franziska Gurk
25.07.2016

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