Im Zeichen von Bach und Luther

Die 48. Würzburger Bachtage stehen ganz im Zeichen von Johann Sebastian Bach und Martin Luther

Im Zeichen von Bach und Luther

 In Würzburg beginnt im November eine neue Ära, denn der Spiritus Rector der dortigen Bachtage, Christian Kabitz, hat seine langjährige „Regentschaft“ beendet und den Stab an Matthias Querbach weitergereicht, unter dessen Ägide das ebenso so renommierte wie traditionsreiche Festival in seine 48. Edition gehen wird. Der Neue ist auch Nachfolger als Johannisorganist und Leiter des Bachchores.

Er wartet mit zwei der unbekannteren Oratorien des Thomaskantors auf, dem Oster- sowie dem Himmelfahrts-
oratorium. Diese leider selten aufgeführten Werke brauchen sich keineswegs hinter dem populären Weihnachtsoratorium zu verstecken. Sie werden, ergänzt durch die Passionskantate BWV 127 „Herr Jesu Christ, wahr’ Mensch und Gott“, am 19. November unter dem Motto „solus christus: passion – ostern- himmelfahrt“ in der St- Johannes-Kirche aufgeführt. Im Osteroratorium wird mit dem festlichem Glanz der Trompeten das österliche Geschehen geschildert. Das Himelfahrtsoratorium entstand neben dem Weihnachtsoratorium für die Festtage des Kirchenjahres 1734/35. Seine festliche Anlage und Instrumentation in den Eröffnungs- und Schlusschören gibt die triumphale Freude über Christi Himmelfahrt wieder.

Zur Tradition der Bachtage gehört es, dass in den beiden Festgottesdiensten zum Ewigkeitssonntag und zum 1. Advent Bachkantaten erklingen, bei denen Gastsänger zum Bachchor stoßen und mitsingen können, die Teilnahme an vorbereitenden Proben natürlich vorausgesetzt. Ein spezielles Angebot gibt es auch für Jugendliche: in Kooperation mit Würzburger Gymnasien und der Dekanatsmusikschule werden altersspezifische Workshops angeboten, die der Zeit Martin Luthers nachspüren sollen.

Eröffnet werden die Bachtage am 17. November mit einem Festakt, bei dem neben dem Festvortrag durch Prof. Dr. Ulrich Konrad eine Auswahl von Werken aus Bachs „Wohltemperierten Klavier“ zu hören sein wird. Interpret am Flügel ist Prof. Michael Wessel. Dem schon erwähnten Oratorienabend schließt sich am 20. November der erste Kantatengottesdienst an. Zwei Tage später gibt es ein Novum: das Modern String Quartett bietet eine Darstellung von Stücken aus dem „Wohltemperierten Klavier“ in einer Fassung für Streichquartett an. Vertrautes wird also in gänzlich ungewohntem Klanggewand erscheinen.

Zu den Höhepunkten der diesjährigen Bachtage wird sicherlich das Orchesterkonzert am 23. November im großen Saal der Hochschule für Musik zählen. Zum Auftakt interpretiert Matthias Querbach das Konzert d-moll BWV 1052 in einer Version für Orgel und Orchester. Alle Sätze dieses Konzertes hat Bach in Kantaten wiederverwendet. Zusammen mit dem Schlagzeugprofessor Mark Christopher Lutz von der Hochschule für Musik führt der Organist anschließend Berthold Hummels „…in memoriam…“ auf, ein dem Andenken an den Komponisten Dietrich von Bauznern gewidmetes Werk für Orgel und Orchester. Es folgt die großformatige Orchestrierung des sechsstimmigen Ricercares aus Bachs „Musikalischem Opfer“ aus der Feder Anton von Weberns. Auch die virtuose Orchestersuite h-moll für Flöte und Streicher wird den Studierenden und Professoren der Würzburger Hochschule für Musik beste Gelegenheit geben, ihr Können zu demonstrieren.

In den Projektbereich mit improvisierter Kammermusik geht es am 24. November unter dem Motto „the martin luther realbook“. Dieser Titel ist als Anspielung auf den Ausdruck „Fakebook“ zu verstehen, der in der Jazzmusik geläufig ist, um Sammlungen von Kompositionen als Ausgangspunkt für die Improvisation zu bezeichnen. Deren bekannteste trägt den selbstironischen Titel „Realbook“. Hier stellen die Melodien Martin Luthers ein solches „Realbook“ dar, das den Künstlern als Material für Arrangements der unterschiedlichsten Art und als Spielwiese für spontane Ideen dient. Tags drauf steht in der Augustinerkirche unter dem erzprotestantischen Leitmotiv „Ein feste Burg“ ein Orgelkonzert auf dem Programm, das die Katechismus-Choräle aus Bachs drittem Teil der Klavierübung mit Werken von Mendelssohn und dem 2016er-Jubilar Max Reger verbindet. Interpret ist der Augustinerorganist Hans-Bernhard Russ.

Am 26. November findet vormittags ein Preisträgerkonzert mit dem Pianisten Maciej Stapinski statt, der beim diesjährigen Würzburger Bachwettbewerb einen Preis gewann. Abends setzt ein festliches Chor- und Orchesterkonzert in der Johanniskirche den Schlusspunkt des Festivals, bevor die Bachtage am 1. Advent mit dem Adventsgottesdienst – und einer Bachkantate zum Mitsingen – endgültig ausklingen. Das Abendkonzert unter der Devise „sola fide“ vereint Otto Nicolais Festouvertüre über den Choral „Ein feste Burg“ mit der „Augsburger Sinfonie“ Naji Hakims und Felix Mendelssohn-Bartholdys großformatiger Vertonung des 42. Psalms. Hakims Werk aus dem Jahre 2011 basiert auf zehn Lutherliedern, auf denen eine veritable „Deutsche Messe“ entfaltet wird.

 

Copyright Fotos:
Bachchor Würzburg, Foto © Pressefoto
Heidecker, Foto © Würzburger Bachtage


 

Martin Köhl
23.09.2016

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