Reich mir die Hand mein Leben

Sommer Oper in Bamberg

Reich mir die Hand mein Leben

Die Sommer Oper Bamberg geht von September an mit Mozarts Don Giovanni in die fünfte Runde. Längst hat sich herumgesprochen, dass der Europäische Orchester- und Opernworkshop unter der künstlerischen Gesamtleitung von Till Fabian Weser zu den besten auf dem Kontinent zählt. Einige ehemalige Solisten haben es in renommierte Opernhäuser geschafft.

 

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte der von dem Trompeter und Dirigenten Till Fabian Weser ins Leben gerufenen Sommer Oper Bamberg vor acht Jahren mit Giacomo Puccinis Tosca. Auch 2007 und 2009 (La Bohème) wurde Puccini geboten. Diese zwischen Spätromantik und Verismus angesiedelte italienische Phase änderte 2011 ihren Kurs. Sprachlich blieb man beim Italienischen, die Musik aber stammte von Mozart. Auf dessen Le nozze di Figaro folgt nun Don Giovanni, und es darf vermutet werden, dass in zwei Jahren dieser Zyklus mit Così fan tutte abgeschlossen werden wird, der dritten und letzten Zusammenarbeit Mozarts mit seinem Librettisten Lorenzo da Ponte.

 

Uraufgeführt wurde Don Giovanni Ende Oktober 1787 in einer von Bambergs Partnerstädten, in Prag. In der dortigen Postamtszeitung hieß es über die „mit Sehnsucht erwartete Oper des Meisters Mozart Don Giovani oder das steinerne Gastmahl“, Kenner und Tonkünstler würden von ihr sagen, dass „zu Prag ihres Gleichen noch nicht aufgeführt worden“ sei. Ohne Vergleich war Don Giovanni auch einem zeitweiligen Bewohner der Domstadt. Für E. T. A. Hoffmann war die Köchelverzeichnisnummer 527 die „Oper aller Opern“. Hoffmann hat sie auch in einer seiner Erzählungen verewigt. Gerade für dieses Meisterwerk also könnte der Spielort der Bamberger Sommer Oper kaum passender sein.

 

Der 5. Europäische Orchester- und Opernworkshop unter der Schirmherrschaft von Fürst Andreas zu Leiningen hat längst einen hervorragenden Ruf. Einigen Solisten und manch einem Orchestermusiker diente er als Sprungbrett zu einer beachtlichen Karriere. Die aus Belgrad stammende Tamara Banješevic beispielsweise, die vor zwei Jahren die Susanna in Mozarts Figaro gab, gehört seit der Spielzeit 2012/2013 fest dem Ensemble des Nationaltheaters Mannheim an. Auch hat Banješevic bei den diesjährigen Osterfestspielen der Berliner Philharmoniker in Baden-Baden mitgewirkt. Das Niveau der Sommer Oper ist derart hoch, dass das Musiktheatermagazin Opernnetz Bamberg zum „Pflichttermin für Intendanten und Agenten, die auf der Suche nach geeignetem Nachwuchs sind“, bestimmt hat.

 

Neben sechs Vorstellungen im Großen Haus des E. T. A. Hoffmann-Theaters locken Kurse in historischer Aufnahmepraxis, für die hochkarätige Dozenten gewonnen werden konnten, beispielsweise der Brite John Holloway, der als Konzertmeister in nahezu allen bedeutenden Orchestern der Alten-Musik-Szene gewirkt hat. Angelika Kirchschlager – die international gefragte Mezzo-Sopranistin ist Kammersängerin an der Wiener Staatsoper, wurde mehrfach ausgezeichnet mit dem ECHO Klassik-Preis und ist Trägerin des Europäischen Kulturpreises 2013 – konnte abermals für einen Meisterkurs nach Bamberg verpflichtet werden. Auch dies spricht ganz unbedingt für das Renommee, welches die Sommer Oper inzwischen genießt, und hebt es zugleich um eine weitere Stufe an.
„Für mich“, sagt Kirchschlager, „war meine erste Meisterklasse in Bamberg ein äußerst beglückendes Erlebnis. Ich freue mich daher unglaublich, mit Don Giovanni eine weitere Mozartoper mit den Studenten zu erarbeiten. Mozart ist besonders bereichernd, weil die künstlerische Arbeit mit dem menschlichen Aspekt in ganz enger Verbindung steht.“ Es sei durchaus nicht selbstverständlich, eine Woche lang so intensiv mit wenigen Studenten an einem Projekt arbeiten zu können. Man lerne sich dabei gegenseitig gut kennen und könne gemeinsam künstlerisches Neuland betreten, das man unter anderen Bedingungen nicht erreichen würde. Die Auswahl der Sänger sei vor zwei Jahren so hervorragend gewesen, dass von Anfang an eine „wunderbar professionelle Basis“ vorhanden gewesen sei, auf der man habe aufbauen können.

 

Diese Basis dürfte auch 2013 auf hohem Niveau liegen. Einen ersten Eindruck davon konnte man sich bei einem Vorsingen im Mai verschaffen. 325 Sängerinnen und Sänger aus rund 35 Nationen (die Teilnahmebedingungen schreiben einen Wohnsitz in einem europäischen Land vor) hatten sich beworben, darunter teils schon junge Profis mit ersten Engagements an Opernhäusern. Nach einem ersten Sichten hatte man die siebzig vielversprechendsten Kandidaten zu einem Vorsingen ins Große Haus des E. T. A.-Hoffmann-Theaters eingeladen. Neben dem Dirigenten Till Fabian Weser, dem auch die künstlerische Gesamtleitung obliegt, und Hausherrn Rainer Lewandowski, der Regie führen wird, gehörten der Jury die Künstlermanagerin Franziska Hunke aus Berlin und die Gesangspädagogin Valentina Di Taranto an.

 

Besonders begehrt war die Partie der Zerlina. Den hohen Anforderungen dieses Koloratur-Soprans stellte sich die aus Hirschaid stammende Victoria Kunze. Sie studiert derzeit an der Musikhochschule in Saarbrücken in der Klasse von Ruth Ziesak (die häufig mit den Bamberger Symphonikern konzertiert). Die Vierundzwanzigjährige hatte quasi ein Heimspiel, denn schon als Kind, verriet sie munter parlierend, sei sie „in diesem Haus“, im E. T. A.-Hoffmann-Theater, gewesen. Klar, dass sie ziemlich nervös war, doch wusste Kunze ihre aufgewühlten Nerven geschickt zu verbergen. Und das von Till Fabian Weser nach der ersten anstrengenden Arie gemachte Angebot, sie wolle doch sicher etwas Wasser trinken, lehnte sie mit einem lächelnden Dankeschön ab.
Es fiel überhaupt auf, wie wohl sich die Kandidaten trotz der starken Konkurrenz beim Vorsingen fühlten. Und zwar nicht erst beim entspannten Photo-Shooting hernach. Die SOB tut eben ihr Bestes – und wenig ist das wahrlich nicht – für ein Ambiente zu sorgen, in welchem sich gut arbeiten lässt. Wie Weser später beim Presse-Lunch erzählte, bekomme man immer wieder Dankesschreiben sogar von Bewerbern, die es dann doch nicht in eines der in Bamberg üblichen zwei Solistenensembles geschafft haben.

 

Kunze jedenfalls hat sich mit ihrer starken Bühnenpräsenz und einer geschmeidig geführten Stimme wunderbar geschlagen. Aber verraten sei damit nichts. Das ist auch gar nicht möglich, denn einige starke Bewerber mussten krankheitshalber absagen. Nun ist für den Juni ein weiteres Vorsingen angesetzt worden. Erst danach wird man also wissen, wer letztlich das Rennen gemacht hat.
Auch die Münchnerin Julia Makarevich, die sich für die Partie der Donna Anna beworben hatte, hinterließ einen guten Eindruck. Die an der Universität der Künste zu Berlin diplomierte Sopranistin war über das Internet auf die Sommer Oper Bamberg aufmerksam geworden. „Das sah“, sagte Makarevich, „sehr interessant aus. Eigentlich perfekt!“ Sie hatte sich dann noch mit Kollegen vom Fach ausgetauscht, die ihr Bamberg unbedingt empfahlen. Sehr angetan zeigte sie sich von der Workshop-Idee. Man könne hier noch vieles lernen, erzählte sie nach dem Vorsingen. Und es war ihr anzumerken, dass sie die Aussicht auf eine Teilnahme gerade auch am Meisterkurs mit der österreichischen Mezzo-Sopranistin Angelika Kirchschlager vorfreudig erregte.

 

Nicholas Probst stellte sich als Masetto vor. Die Bass-Partie des Bräutigams von Zerlina hat er bereits an der Opera Company in Brooklyn, New York, ausgefüllt. Der gebürtige Amerikaner, der akzentfrei sang und auch mit seiner Gestik und Mimik erfreute, bildet sich nach einem ersten Abschluss in Kalifornien jetzt an der Stuttgarter Musikhochschule bei Ulrike Sonntag weiter. Mit der dortigen Staatsoper und mit der Internationalen Bachakademie hat Probst bereits zusammengearbeitet, neben Masetto auch den Papageno schon gemacht.

 

Aber auch Probst wird sich noch ein wenig in Geduld üben müssen, bis die Ergebnisse bekannt gegeben werden. Wie auch immer. Es mag ja sein, dass er doch, wenn er demnächst im Schwäbischen das Schreiben aus Oberfranken öffnen wird, spontan den Refrain von Emerson, Lake & Palmer‘s „Lucky Man“ ändern wird und – aus der Vergangenheit in die Gegenwart springend und von der dritten zur ersten Person – zu singen anhebt: „Oh what a lucky man I am.“ Wir jedenfalls wünschen es ihm.

 

So schön wie lobenswert ist übrigens, dass die Sommer Oper Bamberg gut vernetzt ist. In der Domstadt selbst hat sie neben dem Theater den Richard-Wagner-Verband und das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Projektpartner gewinnen können. Auch mit dem Landestheater Coburg besteht eine Zusammenarbeit sowie mit Musikhochschulen und Konservatorien in Linz, Salamanca und Maastricht. Ein Europäischer Orchester- und Opernworkshop also, der seinem Namen alle Ehre macht. Da Capo! Oder auch: Là ci darem la mano.

 

Information:

 

Wer steht „hinter“ der Sommer Oper Bamberg?
Nun ja, in diesem Fall steht der Macher nicht nur hinter, sondern auch vor den Kulissen.

 

Till Fabian Weser, 1955 in den USA geborenes Mitglied der Bamberger Symphoniker, ist seit 2005 der künstlerische Leiter und Dirigent dieses europäischen Orchester- und Opernworkshops, für deren Meisterklassen namhafte Persönlichkeiten wie Edda Moser, Angelika Kirchschlager oder auch John Holloway und Claire Genewein als Dozenten gewonnen werden konnten.

 

Von 2008 – 2011 war Till Fabian Weser künstlerischer Leiter des Festivals Klassik am See, seit 2012 hat er diese Funktion beim  Jugendsymphonieorchester Oberfranken inne, einer Talentschmiede für junge Musiker aus allen Teilen Oberfrankens.

Jürgen Gräßer; Foto © Gerhard Schlötzer
01.07.2013

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