Herzschlagfinale

beim Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker

Herzschlagfinale

Die Verbindungen, die zwischen Gustav Mahler und (vor allem Ober-)Franken bestehen, sind zahlreich. Seit 2004 ist mit dem Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker-Bayerische Staatsphilharmonie eine weitere hinzugekommen.

 

Natürlich ist er auch in Bayreuth gewesen, aber Mahler las auch Jean Paul. Es war einer seiner Lieblingsautoren, auf dessen Spuren er „ein bißchen auch im Fichtelgebirge herumgewandert“ ist, wie Mahler im Juli 1883 an einen Freund schreibt. Einer, der Jean Paul mochte und mit dem Schaffen Gustav Mahler so vertraut war wie kaum ein anderer, war der zeitweilige Bamberg Hans Wollschläger. Der sich übrigens, wenn man nur bedenkt, dass es 1911, anders als 2007, keine Sommerzeit gab, den Todestag teilt.

 

Wollschläger konnte man oft im Joseph-Keilberth-Saal begegenen, der Heimstatt der Bamberger Symphoniker-Bayerische Staatsphilharmonie, beispielsweise bei deren erstem Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb. Den hatte 2004 Gustavo Dudamel gewonnen. Für Dudamel war dies der Beginn einer international Karriere. Inzwischen ist der Pultstar aus Venezuela Chefdirigent des Los Angeles Philharmonic Orchestra.

 

In diesem Jahr ging der hochangesehene Nachwuchswettbewerb in seine vierte Runde. Zwölf Kandidaten, darunter drei Frauen, stellten sich den Anforderungen. Es war, wie Intendant Wolfgang Fink nach einer spannenden Woche in der Konzerthalle sagte, ein Herzschlagfinale. Und am Ende stand der Jüngste der zwölf Teilnehmer des 4. Gustav Mahler-Dirigentenwettbewerbs der Bamberger Symphoniker als Sieger auf der Bühne im Joseph-Keilberth-Saal: der 24-jährige Lahav Shani aus Tel Aviv in Israel. Der erste Preis ist mit 20 000 Euro dotiert.

 

Seine zwei stärksten Konkurrenten - der 30-jährige Tung-Chieh Chuang aus Taiwan und der 1980 geborene David Danzmayr aus Österreich wurden beide mit einem 2. Preis und je 10 000 Euro belohnt. In Vertretung des kurzfristig erkrankten Jurypräsidenten Jonathan Nott erläuterte Fink den ungewöhnlichen Juryentscheid. Er sei schon deshalb immens schwer gefallen, weil alle drei Kandidaten des Finales sehr unterschiedliche Persönlichkeiten seien und aus sehr unterschiedlichen Kulturen kämen.

 

Den Ausschlag gab schließlich, dass die Juroren auch die Entwicklung der Teilnehmer während des ganzen Wettbewerbs im Auge beziehungsweise im Ohr hatten. Rund 400 Zuschauer hatten zuvor eine Endrunde erlebt, wie sie spannender kaum sein konnte.
Vom Halbfinale an war der Wettbewerb (bei freiem Eintritt) öffentlich. So waren ganz unterschiedliche Interpretationen von Sätzen aus Joseph Haydns Symphonie Nr. 92 zu erleben. Der Finnin Dalia Stasevska beispielsweise hörte man ihre große Erfahrung als Kammermusikerin an. Eine Herausforderung war ein jeweils zu erarbeitender Satz aus der Lyrischen Suite von Alban Berg. Und, natürlich, Mahler. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“, und, im Finale, der erste Satz („Wie ein Naturlaut“) aus der Ersten Symphonie.

 

Der Jury gehörte als Ehrenmitglied und Schirmherrin auch Marina Mahler an, die in New York und Italien lebende Mahler-Enkelin. Im Abschlusskonzert dirigierte neben dem Eröffnungssatz der Ersten Symphonie auch zwei Sätze aus der gewaltigen Sechsten Symphonie. Und wie es sich für eine Bayerische Staatsphilharmonie gehört, lud man anschließend zum Staatsempfang mit Minister Wolfgang Heubisch.

 

Geboren 1989 in Tel Aviv, erhielt der Gewinner Lahav Shani seinen ersten Klavierunterricht im Alter von sechs Jahren bei Hanna Shalgi, er nahm Kontrabassunterricht bei Teddy Kling und studierte Klavier bei Arie Vardi an der Buchmann-Mehta School of Music, Tel Aviv. 2009 begann er ein Studium im Fach Orchesterdirigieren bei Christian Ehwald an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« Berlin, wo er seit 2012 bei Fabio Bidini auch Klavier studiert. Meisterkurse führten ihn etwa zu András Schiff oder Claude Frank. Shani erhielt verschiedene Stipendien und ist Preisträger mehrerer Wettbewerbe. Als Solist konzertierte er beispielsweise 2007 mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta. Als Solopianist, Dirigierassistent und Kontrabassist nahm er an der Far East Tour dieses Orchesters im Jahr 2010 teil. Außerdem musizierte er als Kontrabassist in mehreren Orchestern unter der Leitung von Zubin Mehta, Daniel Barenboim, Gustavo Dudamel und Kurt Masur. 2011 dirigierte er sein erstes Konzert im Konzerthaus Berlin.

 

Seit seiner Gründung wird der Internationale Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb nicht nur wegen seines außergewöhnlich hohen Niveaus geschätzt, sondern ebenso wegen seiner freundlichen und kollegialen Atmosphäre. Ungeachtet, ob ein Kandidat es in die Finalrunde schafft, erhalten alle Teilnehmer die Möglichkeit, mit der Jury und den Orchestermitgliedern ins Gespräch zu kommen und so hilfreichen professionellen Rat zu erhalten. Auf die weitere Entwicklung gerade des noch jungen Laha Shani darf man gespannt sein. Wie man an der Karriere Gustavo Dudamels sieht, ist ein Sieg beim Bamberger Wettbewerb wahrlich nicht das schlechteste Sprungbrett.

 

Information:

 

Repertoire 2013

Das anspruchsvolle Repertoire des vierten Wettbewerbs schlägt, ganz im Sinne des Namensgebers, den Bogen von der Tradition über die klassische Moderne bis hin zur zeitgenössischen Avantgarde und umfasst Werke von Gustav Mahler (Symphonie Nr. 1 D-Dur, 1. Satz und Symphonie Nr. 6 a-Moll, 2. und 3. Satz; Lieder eines fahrenden Gesellen; „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ aus den Rückert-Liedern), Joseph Haydn (Symphonie Nr. 92 G-Dur Hob. I:92), Alban Berg (Drei Stücke aus der Lyrischen Suite, 1928), György Ligeti (Melodien für Orchester, 1971) und Rolf Wallin (Act für großes Orchester, 2003).

Jürgen Gräßer; Foto © Peter Eberts
01.07.2013

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