Noch immer nicht handzahm

Die Kultband Extrabreit ist auf „Weihnachtsblitz“-Tournee und macht Halt in Nürnberg

Noch immer nicht handzahm

 Erinnern sie sich noch? Es war Anfang der 80er-Jahre. Die Neue Deutsche Welle schwappte über die Republik. Joachim Witt, Trio, Markus und wie sie alle hießen, dominierten die Radio- und Partylandschaft in Deutschland. Und einer der zentralen Orte der neuen Bewegung war das beschauliche Städtchen Hagen. Inmitten Westfalens gelegen, bis dahin eher durch Basketball – als einzige deutsche Stadt hatte der Sitz des Deutschen Basketballbundes zwei Bundesligamannschaften – auch überregional wahrgenommen, konzentrierte sich das Geschehen des neuen Trends abseits der Großstädte. Nena Kerner stürmte die Charts mit ihren 99 Luftballons und avancierte zum Liebling der Massen. Und dann waren da auch noch Extrabreit: Die gelten bis heute als Erfinder des deutschen Pop-Punks, wurden im Rahmen der neuen deutschen Welle an die Spitze der Charts gespült. Und bis heute sind der nicht von Beginn an dabei gewesene charismatische Frontmann Kai Havaii und seine Mitstreiter eine absolute Nummer im deutschen Rockzirkus. Am 21. Dezember gastieren die auch immer wieder als Spaßfaktor-Combo auffallenden Hagener während ihrer „Weihnachtsblitz“-Tournee im Nürnberger Kult-Club Hirsch.

Sie verspotteten die Polizei, zündeten die Schule an und besangen düster den Tod des Präsidenten. Sie ließen auf Partys den Flieger abheben, wollten Annemarie ficken, beschworen die Wonnen der Kleptomanie und die Abgründe des Kokains: Ende der 70er entdeckten fünf Jungs aus Hagen die Schönheit der 3-Minuten-Gitarrenhymne mit rotzig-subversiven Texten und eroberten bald darauf damit die Charts. Einer, der dabei grundlegend einen nicht unwichtigen Bestandteil bildete, war der Bayerische Rundfunk. Der zum damaligen Zeitpunkt nicht gerade als weltoffen und tolerant bekannte BR verbot die Ausstrahlung der Extrabreit-Texte kurzerhand. Ein Segen für eine Band, die als Revoluzzer wahrgenommen werden wollte und das in diesem Moment vollumfänglich geschafft hatte. Die Zeiten haben sich geändert: Heute sind die Gassenhauer nicht mehr nur auf Partys und Kellerfesten fester Bestandteil der Setliste, auch im staatlichen Rundfunk laufen die größten Erfolge landauf, landab in Dauerschleife über den Äther.

Nach über dreieinhalb Jahrzehnten im Pop- und Rockbusiness genießen Kai Havaii, Stefan Kleinkrieg und ihre Mitstreiter längst absoluten Kultstatus. Das ändert sich auch nicht nach fast schon neun Jahren ohne neue Scheibe. Anno 2008 warfen Extrabreit mit „Neues von Hiob“ ihren bis dato letzten Longplayer auf den Markt. In der Versenkung verschwinden sie dennoch nicht.

Als sie Ende der 70er-Jahre als rotzig-punkige Revoluzzer die Bühnen erstmals betraten, war das nicht absehbar. Aus der Sponti-Szene hervorgegangen ließen erste Achtungserfolge zwar nicht lange auf sich warten, ein bundesweiter Durchbruch war aber in etwa so weit entfernt wie die CSU von linkslastigen Grundsatzprogrammen. Stefan Klein („Stefan Kleinkrieg“, Gitarre) und einige Mitstreiter hatten in der damaligen Anarcho-Zeit die Schnapsidee die Band zu gründen. Und man mag gar nicht wissen, wieviel geistig erhellende Substanzen im Spiel gewesen sein mögen, als der Bandname aus der Taufe gehoben wurde. Ein dicker Filzschreiber der Kultmarke Edding lag zufällig in der Nähe – und schon war der Name gefunden, der in der Tat nicht mit den Zuständen einzelner Bandmitglieder konformging, oder zumindest waren diese nicht ursächlich dafür. Für den schier unglaublichen Höhenflug der Band waren sie irgendwie auch nicht selbst verantwortlich. Die Neue Deutsche Welle schwemmte die noch junge Band, Cartoonist und Sänger Kay Schlasse aka Kai Havaii stieß schnell dazu, geradewegs an die Spitze der Charts. Goldene Schallplatten, Titelcover auf der Bravo und unzählige vielumjubelte Auftritte folgten. Doch die Rückschläge blieben nicht aus: Zwar wurden Extrabreit von der Fachpresse mit jeder Auskopplung ernster genommen, die kommerziellen Erfolge aber stagnierten und ließen auf sich warten. Erst Mitte der 90er-Jahre, als der Deutschrock ein ernstzunehmendes Revival erlebte, glänzte auch der Stern der Hagener Truppe wieder heller – die neu auf den Markt gebrachte „Jeden Tag, jede Nacht“-Scheibe erinnerte an alte Erfolge. Auch, da Extrabreit Symbiosen eingingen, die öffentlichkeitswirksam Gold wert waren, kam der Erfolg zurück. Duette mit Marianne Rosenberg, Harald Juhnke und vor allem auch Hildegard Knef („Für mich soll‘s rote Rosen regnen“) brachten neuerliche kommerzielle Wahrnehmung für die längst nicht mehr post-pubertär, sondern vielmehr gesellschaftskritisch agierende Truppe. Das hat sich bis heute nicht geändert. Sie, deren musikalisches Leben sich im Sommer zumeist auf Festivals und im Winter auf vielbeachtete Club-Konzerte konzentriert, haben sich als Dauerbrennen im deutschen Rockgeschäft etabliert. Staub setzten sie nie wirklich an. Auch in weniger erfolgreichen Zeiten galt der Blick immer wieder der Zukunft. Und immer dann, wenn es erfolgsversprechend schien, tauchte die Band wieder in der Öffentlichkeit auf. Und eines lässt sich mit Gewissheit prophezeien: Wer sich 38 Jahre lang in solch hartnäckiger Beständigkeit im Geschäft behauptet, der genießt nicht umsonst Legendenstatus. Man darf gespannt sein, wie sich Extrabreit auf der schmucken Hirschbühne schlagen. Und wer weiß: Vielleicht haben die Westfalen ja tatsächlich neues Material im Gepäck. Kai Havaii jedenfalls kündigte jüngst an, dass im Jahr 2017 mit einem neuen Langspieler der Band zu rechnen ist.

 

Copyright Foto:
Die Kultband Extrabreit kommt nach Nürnberg, Foto © Extrabreit
 

Andreas Bär
28.11.2016

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