Auf dem Weg von der Humpe zur Hagen

Jennifer Rostock im Nürnberger Löwensaal

Auf dem Weg von der Humpe zur Hagen

 Wer erinnert sich nicht gern an Nina Hagen oder die Humpe-Schwestern Annette und Inga? In den 70er- und 80er-Jahren sorgten die für eine kleine musikalische Revolution. Zeiten, die (leider) längst der Vergangenheit angehören. Nachfolgerinnen für die einstigen musikalischen, optischen und feministischen Szenegrößen suchte man lange Zeit vergeblich. Bis Jennifer Weist die Bühnen der Republik eroberte.

Mit ihrer Kombo Jennifer Rostock gibt sich die 30-Jährige am 4. Februar im Nürnberger Löwensaal die Ehre. Man darf gespannt sein, was die immer wieder mit neuen und herzlich-herrlichen Provokationen aufwartende Weist dieses Mal im Gepäck hat. Seit sie mit ihrem kongenialen Partner Johannes Walter, einstiger Schulkollege und später erster Partner auf größeren Bühnen, aus dem beschaulichen Zinnowitz von der Ostseeküste Usedom in die deutsche Bundeshauptstadt aufbrach, rocken die beiden die Republik. Der Umzug aus der nordischen Peripherie ins global boomende Berlin sollte sich als Glücksgriff erweisen. Schnell fanden die beiden ihre heutigen drei Mitmusiker. Ein nächster Glücksgriff. Nur ein Jahr nach der Bandgründung standen die fünf erstmals im Rampenlicht: Im Rahmen des von Stefan Raab initiierten Bundesvision Songcontests waren sie für Mecklenburg-Vorpommern am Start und landeten mit ihrem Hit „Kopf oder Zahl“ einen ersten Achtungserfolg. Mit einem Plattenvertrag im Gepäck veröffentlichten Jennifer Rostock einen Tag nach der Ausstrahlung ihre Debütscheibe: Der Beginn einer märchenhaft verlaufenden Karriere, in der Sängerin Jennifer Weist den Mittelpunkt bildete.

Die jüngst 30 gewordene Frontfrau ist eine, die ihre freche Klappe nicht hält und sich damit immer wieder in die Schlagzeilen katapultiert. Ob mit ihrem Anti-AfD-Song „Dann wähl’ die AfD“, via Internet zu einem Gassenhauer geworden und live nur selten performed, oder zuletzt ihrer Feminismus-Hymne „Hengstin“, im Video dazu zeigte Jennifer Weist (was sie gerne tut) sehr, sehr viel Haut: Jennifer Rostock haben sich ihren Platz in den Klatschspalten der schreibenden Zunft abonnementmäßig gesichert und wissen diese Komponente des Rampenlichts zu schätzen und zu nutzen. Doch das ist nur ein Part des Erfolges der Nordlichter. Die Basis dafür legen Jennifer Weist und ihre Kollegen auf den Bühnen. Dort präsentieren sie sich spielfreudig, aggressiv und kaum einem Genre zuzuordnen. Zwischen Indie-Pop und urbaner Punkkultur wandelnd, verwirklichen sie sich ganz im Stile der neuen, deutschen linken Jugend. Die Stuttgarter Zeitung versuchte sich jüngst an einer Klassifizierung. „Ein Mix aus Punk, Metal, Rap, Crossover- und Keyboard-Rock mit nur wenigen, manchmal etwas verkrampften Abstechern ins Hymnenhaft-Poppige („Wir waren hier“) – ein rasanter „Hauptstadt-Rock“, der klingt wie im Red-Bull-Wodka-Rausch gespielt und der das Erbe von Nina Hagen oder den Humpe-Schwestern Annette (Ideal) und Inga (Neonbabies) mit der Härte und Atemlosigkeit der Gegenwart verklebt“, so die Kollegen aus dem Schwabenland über die Performance der fünf vornehmlich rockig brillierenden Band. Viel treffender kann man das Quintett nicht analysieren. Schließlich gibt es nur wenige Bands, die sich derart flexibel präsentieren – und dabei neben ihrer Basis an Anhängern stets neue Interessenten akquiriert. Das tun Jennifer Rostock bevorzugt mit dem Messenger-Dienst Snapchat, den sie virtuos und häufig wie kaum eine andere deutsche Band bespielen – kein Wunder, dass die Jugend von heute auch ohne die Lektüre der Klatschpresse auf die Kombo aufmerksam wird und das Liveerlebnis ebenso schätzt wie die Internetpräsenz der Band. Doch nicht nur die Jugend fährt auf die Berliner ab. Die weibliche Fanschar, egal welchen Alters, haben sich Jennifer Weist spätestens seit der Feminismus-Hymne „Hengstin“ gesichert: Es gibt nur wenige Bands hierzulande, die einen so deutlichen Frauenüberhang im Publikum begrüßen können. Und dabei beweist die Dame von heute, dass Pogomobs und Headbanging mitnichten nur für die Herren der Schöpfung eine Alternative ist. Es verspricht spannend zu werden im Nürnberger Löwensaal. Schließlich sind die „berufsjugendlichen“ Pop-Rocker bekannt als eine Band, die live immer wieder für Überraschungen gut ist. Und wenn es „nur“ die ist, dass die Sängerin auf der Bühne ihre Brüste zeigt und sich hernach über die Veröffentlichung der Bilder in der Presse moniert. Zugegeben – ganz wertneutral betrachtet, kann sie sich das erlauben. Sowohl des Zeigen als auch das Erheben des mahnenden Zeigefingers, der wahrscheinlich bei ihr eher ein Mittelfinger ist. Schließlich gehört die Frontfrau nicht gerade zu der Sorte Frau, die man (auf rein optischer Warte heraus gesehen) nicht gerne hinter einem Mikrofon sieht. Der Fokus sollte dennoch auf dem liegen, was im Publikum ankommt: Den Tönen. Und da haben Jennifer Rostock den Nerv der Zeit getroffen. Laut, aber nicht so laut, dass man sich die Ohren zuhalten müsste. Die Humpe-Zeiten scheinen allmählich hinter Jennifer Rostock zu liegen. Mehr und mehr geht die Tendenz in Richtung wütender Nina Hagen. Und damit wecken sie auch bei älteren Zuhörern Erinnerungen an scheinbar längst vergangene Tage. Die aus der Vergangenheit in die Zukunft importiert werden. Ein durchaus netter Gedanke. Der rockt.

 

Fotocredits:
Sängerin Jennifer Weist auf der Bühne, Foto © pitpony.photography / CC-BY-SA-3.0

Andreas Bär
01.02.2017

Eure Meinung? Leserbrief verfassen