Ein Faltzylinder, Brentano und der Michelsberg

Frankes freie Theater, Folge VIII

Ein Faltzylinder, Brentano und der Michelsberg

 Nachdem wir mit der Vorstellung des Theaters im Gärtnerviertel bereits in Ausgabe #20 einen kurzen Blick nach Bamberg geworfen haben, wollen wir das Bild der hiesigen freien Theater in Folge VIII vervollständigen.

Den Anfang macht das Chapeau Claque, das als Verein für kreative Medien und Kulturpädagogik bereits 1990 gegründet wurde und als das erste freie Kindertheater mit eigener Spielstätte in ganz Oberfranken gilt. In den vergangenen 27 Jahren konnte der Verein durch sein großes Engagement in der Kinder- und Jugendarbeit eine Menge bewegen und wurde deshalb mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Kultur-Förderpreis der Stadt Bamberg, dem CC-Buchner-Preis für die modellhafte Zusammenarbeit mit Schulen und dem Bamberger Bürgerpreis. Nicht nur nebenbei erwähnt sei auch das Spielmobil Bamberg, das in Trägerschaft von Chapeau Claque e. V., im Auftrag der Stadt Bamberg eine rollende Werkstatt der Phantasie und Kreativität seit nunmehr 35 Jahren im Stadtraum unterwegs ist.

Feste Spielstätte des Vereins ist seit Ende 2015 die Alte Seilerei auf dem ehemaligen Bamberger Schaeffler-Gelände. Seit seinen Anfängen spielt das Chapeau Claque in den Sommermonaten zudem regelmäßig auf der Altenburg, auf dem Michelsberg und im Bamberger Hain. In so vielen Jahren hatte das Theater natürlich sämtliche Klassiker im Programm, angefangen bei „Peter Pan“ über „Das Dschungelbuch“ bis hin zu Astrid Lindgrens „Michel in der Suppenschüssel“ und „Peterchens Mondfahrt“ von Gerdt von Bassewitz. Mit den beiden letztgenannten Stücken ging Chapeau Claque bei den Bayerischen Theatertagen (BTT) 2003 und 2009 an den Start. Bei den BTT 1999 wurde das Theater sogar für die beste Kindertheaterinszenierung ausgezeichnet. Zuletzt war der Verein mit „Die kleine Hexe“ und „Stones“ bei den Bayerischen Theatertagen 2011 in Bamberg vertreten und ist auch in diesem Jahr bei den BTT in Hof wieder mit dabei. Gezeigt wird ein Stück aus der aktuellen Saison. „Schnickschnack & Schnuck auf der Jagd nach der Liebe“ nach Jörg Isermeyer erzählt die Geschichte von Detektiv Schnuck und seiner Assistentin Schnickschnack, die sich gemeinsam auf die Suche nach der Liebe begeben und dabei den ganzen Globus bereisen. Wem der Weg nach Hof zu weit ist, hat noch an drei Terminen im April die Möglichkeit dazu, sich das Stück in der Alten Seilerei anzuschauen (2.4., 9.4., 23.4., jeweils 15 Uhr). Im Juni schließlich feiert das zweite Stück der Saison Premiere. Ab 17.06. ist „Huck & Jim bis ans Ende des Flusses“ in der Marinekameradschaft in Bamberg Bug zu sehen.

Eine mindestens ebenso feste Institution in der Bamberger Kulturszene wie das Chapeau Claque ist das mit 32 Sitzplätzen wahrscheinlich kleinste aller fränkischen, wenn nicht sogar deutschen, Spielstätten – das Brentano-Theater in der Gartenstraße 7. Seit 24 Jahren hat in dem wohnzimmergroßen „Theatersaal“ in der Ehrlich-Villa Idealist und Individualist Martin Neubauer das Sagen. Der Rezitator, der einst in München den Beruf des Schauspielers erlernte und in festen Engagements in Hannover und Essen tätig war, ist ein großer Verehrer des romantischen Dichters und Schriftstellers Clemens Brentano – Namensgeber für sein kleines, sehr feines Theater. Überhaupt hat er ein Herz für die Romantik, das literarisch eher Unpopuläre, zu Unrecht in der Versenkung Verschwundene, welches es eben wiederzuentdecken gilt. Rund drei Theaterstücke finden jährlich den Weg ins Programm, daneben charmante Märchen- und Gedichtabende (z. B. „Palm-Märchen“ - Märchen und Gedichte von Palm-Eseln, -Kätzchen, -Igeln, -Wedeln u. a. zum Träumen!, 9. April, 17 Uhr), die poetische Eier-Lese im Hain („Literarischer Osterspaziergang“, am 16. April, 16 Uhr und am 17. April, 11 Uhr, Treffpunkt vor dem Bootshaus) oder die neue Reihe „Poesie am Werktag Nachmittag“ („Rosen-Märchen“ von Andersen, Novalis, Brentano u. a. am 27. April, 16 Uhr). Beim Publikum beliebte Programmpunkte sind auch die literarischen Hainspaziergänge, die jedes Jahr zu wechselnden Themen stattfinden und die Bamberger „Hans Sachs-Spiele“, die sich heuer zum zehnten Mal jähren (Auftakt am 11. Juni um 17 Uhr). Neben der Hauptspielstätte bespielen Martin Neubauer und sein Team immer wieder andere außergewöhnliche Orte wie z. B. den historischen Hof des Schwerdtfegerhäuschens in der Karolinenstraße oder die Bamberger Erlöserkirche. Eine Nebenspielstätte im Sommer ist außerdem das Altstadthaus in der Eisgrube. Eintritt zahlt jeder Besucher „nach Belieben“, auch diese Idee geht ursprünglich auf Clemens Brentano zurück. Ein festes Ensemble gibt es zwar nicht, jedoch hält ein harter Kern von circa sechs ausgebildeten Schauspielern dem Brentano-Theater bis heute die Treue. Über zu wenig Zuspruch kann Martin Neubauer generell nicht klagen, die Vorstellungen sind immer recht schnell ausverkauft. Der Kenner weiß wohl, was er am Brentano-Theater hat. Übrigens: Tatort-Kommissarin Eli Wasserscheid machte am Brentano-Theater ihre ersten professionellen Bühnenschritte.

Das letzte freie Theater auf unserer Liste, das wir in dieser Ausgabe vorstellen möchten, ist inzwischen nach seinem Standort benannt. Das Theater am Michelsberg (von 2003 bis 2007 Galli-Theater), kurz TaM, befindet sich ebendort, auf einem der sieben Hügel, auf dem das fränkische Rom erbaut ist. Und damit haben wir uns, die freien Theater betreffend, geografisch gesehen von ganz unten in der Stadt nach ziemlich weit oben vorgearbeitet. Auch im TaM gibt es Kindertheater vom feinsten, aber auch Komödien, Kabarettvorstellungen, Vorträge und Workshops gehören fest zum Programm des gemütlichen kleinen Theaters. Das Theater will „Spielräume schaffen“. Deswegen sind neben den eigenen Aufführungen und Veranstaltungen auch auswärtige Kollegen und Autoren immer gerne gesehen und zu Gastspielen eingeladen. Für Kinder werden in den Ferien diverse Kurse und Theater-Projekte angeboten, außerdem sind im TaM auch Erwachsene dazu aufgefordert, einmal selbst auf der Bühne zu stehen und sich als Schauspieler zu versuchen – auch hierfür werden Kurse angeboten. Seit 2014 gibt es dieses Angebot für Erwachsene, ebenso verschiedene Jugendprojekte in englischer Sprache. Sehr beliebt ist auch das Angebot, den Kindergeburtstag ins Theater zu verlegen, wobei auch Erwachsene die Räumlichkeiten für private Veranstaltungen anmieten können. Alles scheint möglich im TaM, oder zumindest vieles. Weiter im Programm sind Stücke von Johannes Galli, darüber hinaus aber auch Stücke anderer Autoren. Der Aktuelle Spielplan kündigt für Ende März und Anfang Mai das brandneue Stück „Mona & Lisa oder Rache ist weiblich“ von Hermes Schmid an. Es handelt von dem Verwirrspiel zweier Frauen, die sich rein zufällig im Wartezimmer treffen und sich im amüsanten Verlauf des Stückes als wahre Königinnen der Lüge entpuppen. Ebenso humorvoll mutet ein Stück des Erlanger Kabarettisten Klaus Karl-Kraus an. In diesem nimmt er sich dem Grimm’schen Märchen „Der Arme und der Reiche“ an und spinnt die Geschichte weiter. „Ach Gottla…!“ handelt von Gott, der nach ca. 14,6 Millionen Jahren aus dem Mittagsschlaf erwacht und nach gefühlt fünf Minuten, die der Mensch seitdem auf der Erde verweilt, sieht, was selbiger in der Zwischenzeit alles angestellt hat. Gott, in Gestalt von Gisela Karl-Kraus, ist geschockt und zieht auf dem Michelsberg Bilanz. Das Stück lief bereits im letzten Jahr erfolgreich im TaM und wird ab dem 20. April wieder ins Programm aufgenommen.

Wenn Gott auf dem Michelsberg einkehrt, kann das zweierlei bedeuteten: Der Pessimist würde sagen, Bamberg ist nicht mehr zu helfen. Der Optimist freut sich einfach über die göttliche Präsenz und die bunte Vielfalt der freien Theater, die Bamberg definitiv zu bieten hat.

 

Fotocredits:
Chapeau Claque, Schnickschnackschnuck, Foto © Guido Apel
Theater am Michelsberg, Foto © Theater am Michelsberg

Franziska Gurk
30.03.2017

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