Luther, Bach und Bibel

Auf dem Erlebnispfad durch Eisenach

Luther, Bach und Bibel

 Das ist der Teufel in uns, dass niemand genug hat“, rufe ich etwas atemlos nach oben. „Im großen Wasser fängt man große Fische, im kleinen Wasser gute Fische“, schallt von dort die Stimme meines Mannes zurück. Er ist längst an der nächsten oder übernächsten Stele angekommen. Gemeinsam sind wir auf dem neuen Luthererlebnispfad in Eisenach unterwegs, der von der Altstadt zur Wartburg führt. Und die Steigung hat es dermaßen in sich, dass die Infotafeln eine willkommene Ablenkung sind. Also werfen wir uns Denksprüche des Reformators zu, betrachten die Luthergemälde aus dem 19. Jahrhundert und lesen, was im 16. Jahrhundert sonst noch geschah. So nähern wir uns ganz allmählich Luther – und der Wartburg.

In Eisenach merkt man es ganz besonders: Thüringen feiert das Reformationsjubiläum 2017. Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther in Wittenberg seine berühmten 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche genagelt haben. Pech für Thüringen, dass das in Sachsen-Anhalt geschah. Aber auch nicht weiter schlimm, denn fast alle anderen wichtigen Lutherorte liegen in Thüringen.

Eisenach etwa hat seit dem vergangenen Sommer zwei neue Wege ausgewiesen, auf denen man sich mit der Ideenwelt Martin Luthers so spielerisch wie lehrreich beschäftigen kann: Neben dem Luthererlebnispfad zur Wartburg ist dies ein Wegweisersystem mit roten Stelen, die in der Altstadt auf Sehenswürdigkeiten in der Nähe hinweisen und über QR-Codes Infos zu ihnen liefern.

Auch wir wollen die Stadt und die Ideenwelt der Reformation Stück für Stück erobern und haben heute Morgen – noch lange vor dem Luthererlebnispfad – dem Marktkonzert in der Georgenkirche gelauscht. Dort hat Martin Luther einst gepredigt. Und später wurde in der Stadtkirche der wohl berühmteste Sohn Eisenachs getauft, Johann Sebastian Bach. So gestimmt haben wir uns mithilfe der roten Info-Stele am Marktplatz gleich einmal auf den Weg zum Bachhaus gemacht. Warum jetzt plötzlich Bach, wenn es doch hier eigentlich um Luther und seine Bibelübersetzung gehen soll? Weil der Komponist die allermeisten Lutherlieder vertont hat. Oft inspirierten sie ihn sogar zu großen Choralkantaten. „Durch seine Musik hat Bach so viel zur Verbreitung des Glaubens beigetragen“, meint Dr. Jörg Hansen, der Leiter des Bachhauses, „dass manche ihn sogar den fünften Evangelisten nennen.“ Eben jenen Choralkantaten Bachs wird sich das Museum im Jubiläumsjahr natürlich besonders widmen – nicht zuletzt, indem das Bachhaus einen Chor bei der Aufnahme der acht Lutherkantaten begleitet und dieses Projekt dann dokumentiert. Ein neuer Ausstellungsraum zeigt zudem Bachs große Lutherbibliothek. Schätzungsweise ein Drittel seiner Bücher waren Werke des Reformators. Und das multimediale Bachhaus lohnt natürlich auch nach dem Jubiläum einen Besuch – wegen seiner Exponate, seiner Hörstationen und stündlichen Livekonzerte auf historischen Instrumenten. Wir studieren nach dieser musikalischen Einstimmung durch einen jungen Musiker erst einmal den Stundenplan des kleinen Johann Sebastian: Jeden Morgen zwischen 6 und 7 Uhr begann der Schultag des Drittklässlers in der Lateinschule mit einem Lutherchoral, dann folgte Katechismus-Unterricht. Bach wuchs also sozusagen mit Martin Luther auf.

Bestimmt wusste er auch, dass der Reformator wie er in Eisenach die Schulbank drückte.

Gewohnt hat Martin Luther von 1498 bis 1501 bei einer gewissen Familie Cotta, und der gehörte unter anderem das heutige Lutherhaus. Wir müssen uns links halten, die Stele vor dem Bachhaus weist uns den Weg. Toll, dass man sich hier nun ganz ohne Stadtplan oder Googlemaps zurechtfinden kann. Keine fünf Minuten später stehen wir vor dem Fachwerkhaus aus dem 14. Jahrhundert. Das Haus gehört zu den ältesten in Thüringen und wurde im vergangenen Jahr nicht nur grundlegend saniert, es hat auch einen modernen Anbau mit viel Glas und Beton bekommen. Der ermöglicht nun eine weitgehende Barrierefreiheit. „Luther und die Bibel“ heißt die neue multimediale Dauerausstellung, die hier neben einigen historischen Räumlichkeiten zu sehen ist. Und die begeistert seit der Wiedereröffnung des Hauses Ende September 2015 große und kleine Besucher, Gläubige, Ungläubige, Lutherkenner und Menschen, die sich dem Thema erst vorsichtig nähern. Unten im Treppenhaus setzt ein großer Zeitstrahl die Reformation in Beziehung zu anderen Weltereignissen. Ein Stockwerk höher kann man verschiedenen deutschen Dialekten lauschen. An einer interaktiven Station darf jeder einmal selbst Bibel-Übersetzer spielen, und eine Ablassmaschine gibt es auch – per Münzeinwurf die Jahre im Fegefeuer verringern, das haben wir auch gleich ausprobiert. „Die neue Ausstellung will aber auch zeigen, welche Wirkung Luthers Bibel auf unsere Kultur gehabt hat, auf Sprache, Musik und Literatur“, erzählt Dr. Jochen Birkenmeier, Kurator der Ausstellung und wissenschaftlicher Leiter des Lutherhauses Eisenach.

Dass Martin Luther manchmal schier verzweifelte beim Übersetzen, erfährt man an einer der Hörstationen. Tagelang rang er manchmal mit schwierigen Begriffen, schuf mit seiner Arbeit aber gleichzeitig eine allgemein verständliche deutsche Schriftsprache, die es so noch gar nicht gab. Seine Bibel war nicht die erste, wie viele heute glauben, aber sie war mit Abstand die beste. Verständlich, flüssig und unterhaltsam erzählte Martin Luther die biblischen Geschichten. Und schenkte dabei der deutschen Sprache viele großartige, starke, neue Wörter.

Deshalb ist die Lutherbibel eigentlich nicht nur ein beeindruckendes Glaubenszeugnis, sondern auch eines der größten Werke der Weltliteratur. Viele Texte haben sich zumindest all jenen tief eingeprägt, die in einem evangelisch geprägten Elternhaus groß geworden sind. Ohne die wunderschöne Weihnachtsgeschichte nach Lukas – im Wortlaut Martin Luthers – wäre für sie der Heiligabend-Gottesdienst nur halb so herzerwärmend. Und viele Christen wählen bis heute den berühmten Psalm Davids zum Konfirmationsspruch, natürlich in originalem Lutherdeutsch: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. [...] Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“

Ob Martin Luther selbst auch von Bibelworten getragen wurde? Als der Mönch 1521 zu seinem Schutz auf die Wartburg entführt wird, ist sein Leben in Gefahr. Am 17. April 1521 hat man ihn vor dem Reichstag zu Worms vor den versammelten Fürsten und Reichsständen verhört, ein letztes Mal ist er dort zum Widerruf seiner Lehre aufgefordert worden. Nach einem Tag Bedenkzeit lehnt Luther ab. Die Begründung: Sein Gewissen sei „in den Worten Gottes gefangen“. Drei Wochen später spricht der Reichstag mit dem Wormser Edikt die Reichsacht über den abtrünnigen Priester aus. Der Mann ist vogelfrei – und in Lebensgefahr. Friedrich der Weise greift ein, er will seinen Untertanen retten und lässt ihn zum Schein entführen. Getarnt als Junker Jörg verbringt Martin Luther über den Dächern von Eisenach zehn Monate – in denen er, unter anderem, auch das Neue Testament übersetzt. Kein Wunder also, dass die Wartburg zum nationalen Reformations-Gedenkort geworden ist. Herzstück der Lutherverehrung ist dabei ein bescheidenes Zimmer mit Schreibtisch und Bretterwand: die berühmte Lutherstube.

Ab dem 4. Mai wird hier oben, auf der gesamten Wartburg, die große nationale Sonderausstellung „Luther und die Deutschen“ zu sehen sein. Luther und die Deutschen? Ist das nicht ein bisschen hochgegriffen? „Das hier zu konzipieren ist eine extrem spannende Aufgabe“, erzählt Dr. Marc Höchner, der Projektleiter. „Auch mir war nicht bewusst, wie eng Luther und das deutsche Nationalbewusstsein zusammenhängen.“ Der junge Museumsexperte ist übrigens Schweizer, vielleicht gar nicht schlecht, mit dem Blick von halb-außen auf das große Thema zu schauen. Zum einen wird es natürlich um die Bibelübersetzung und den besonderen Status der Wartburg gehen. Dann beschäftigt sich die Ausstellung aber auch mit den Einflüssen der Reformation auf die Gesellschaft: „Da schauen wir zum Beispiel auf die Familie als Ordnungsstruktur und den Pietismus“, sagt Marc Höchner. Im dritten Teil der großen Wartburgschau werden die Einflüsse der Reformation auf die Politik beleuchtet. Auch Martin Luthers Antisemitismus und die daraus resultierende Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus werden Thema sein. „Wir möchten zeigen, dass jede Generation ihre eigenen, oft sehr ambivalenten Lutherbilder geschaffen hat“, erklärt der Kurator.

Wir kehren dem großen Weltkulturerbe Wartburg erst einmal den Rücken und wandern gemächlich über den Luthererlebnispfad wieder in die Stadt hinunter. Zeit für eine weitere kleine Runde Lutherzitate: „Hüte Dich vor den Katzen, vorne lecken, hinten kratzen“, warnt mich mein Mann fröhlich. Ich blicke auf die Dächer der Stadt und entgegne ein Stück weiter unten selbstbewusst: „In Eisenach sitzt fast meine ganze Verwandtschaft und ich bin daselbst bei ihr bekannt und … angesehen ... Keine andere Stadt kennt mich besser.“

 

Information:

 

Veranstaltungstipps zum Reformationsjubiläum 2017 in Thüringen

4. Mai bis 5. November 2017

Nationale Sonderausstellung
LUTHER
UND DIE DEUTSCHEN
Wartburg Eisenach

Ab 5. Mai (weitere Termine im Mai und Juli)

Musical
LUTHER! Rebell wider Willen
Landestheater Eisenach

19./20. Mai 2017

Mittelalterspektakel
REBELLION!
DAS MÜNTZERSPIEL
Altstadt Mühlhausen

25.-27. Mai 2017

Kirchentag auf dem Weg
LICHT AUF LUTHER
Erfurt

Kirchentag auf dem Weg
NUN SAG; WIE HAST DU ES MIT DER RELIGION
Weimar, Jena

16./17. Juni 2017

LUTHERFEST – Speis und Trank wie zu Luthers Zeit
Altstadt Schmalkalden

25. Juni bis 5. Nov. 2017

Sonderausstellung
EIN FESTE BURG IST UNSER GOTT – LUTHER UND SEINE BURGEN
Deutsches Burgenmuseum Veste Heldburg

26.-31. Juli 2017

117. Deutscher Wandertag
WANDERN
AUF LUTHERS SPUREN

Eisenach und Wartburgregion

Weitere Informationen

sowie die App zum Thema
finden Sie unter:
www.lutherland-thueringen.de

 

Fotocredits:
Wartburg in Eisenach, Foto © Thüringer Tourismus GmbH
Lutherhaus Eisenach, Foto © Thüringer Tourismus GmbH

 

Christiane Würtenberger
31.03.2017

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