Im Dialog mit den Jahrhunderten

Wohin geht das Bamberger Diözesanmuseum?

Im Dialog mit den Jahrhunderten

Der Raum ist bezeichnend: die Türme des Bamberger Doms sehen zum Fenster herein, nur zwei Türen weiter ist der weltberühmte Sternenmantel ausgestellt – wir sind direkt im Herzen des Domberges. Hier ist das Arbeitszimmer des „summus custos“ des Domes, des höchsten Verantwortlichen für den Dom und seine künstlerische Umgebung. Wir sind zu Besuch bei Domkapitular Dr. Nobert Jung. „Summus custos“, also „höchster Bewahrer“ des Domes, diesen Titel nimmt Norbert Jung ernst und sieht hier den Mittelpunkt seiner Aufgabe: er ist Leiter der Hauptabteilung Kunst und Kultur des Erzbistums Bamberg, ist zuständig für das Diözesanmuseum, die Bibliothek und das Diözesanarchiv, er ist Leiter der diözesanen Pilgerstelle und Ordensbeauftragter, zudem ist er verantwortlich für die Inventarisation der kirchlichen Kunstgüter und in der Kommission für Kirche, Kunst und Liturgie. Eine Menge Verantwortung auf zwei Schultern. Jung selbst sieht sich in der Nachfolge des Hl. Otto, auch er hatte für den Dom Sorge zu tragen.

 

Ganz allein ist er hier indes natürlich nicht. Jeder Bereich hat seine zuständigen Mitarbeiter, das sind die Leiter des Museums, der Bibliothek, des Archivs, der Inventarisation. Jede Abteilung wird als gleichwertig gesehen, der „summus custos“ ist der Herr über den gesamten Betriebsablauf und bestimmt die Marschrichtung. Wohin diese geht, zeigt sich vor allem im aktuellen Ausstellungsprogramm des Diözesanmuseums. Hier steht die zeitgenössische Kunst auf der Agenda, augenfällig wird das durch die Beteiligung am Projekt „Circles“, einer das Welterbe übergreifende Ausstellung an einer Reihe von Schauplätzen in der Stadt Bamberg.

 

Es ist der Dialog zwischen der Kulisse der 100-jährigen Stadt und der Kunst unserer Zeit in ihren mannigfaltigen Facetten. Im Diözesanmuseum ist die Spannung, die doch eine Einheit bildet, deutlich zu spüren, liegt hier doch genau vor dem Sternenmantel Kaiser Heinrichs die Bodeninstallation „Five raincoats holding up a star“ des chinesischen Regimekritikers Ai Weiwei. „Vom Sternenmantel zum Mantelstern“ ist diese Zwiesprache auf der Homepage des Museums treffend beschrieben. Dialog, Gespräch und Miteinander sind die Kernpunkte des Konzepts, das Norbert Jung im Museum verfolgt sehen möchte. „Wir haben kein Museum moderner Kirchenkunst, wie es beispielsweise in den Diözesanmuseen in Würzburg oder Köln vorhanden ist, unser Schwerpunkt ist die Geschichte des Domes“, sagt Jung, fügt aber gleich hinzu: „das ist das Pfund, mit dem Bamberg wuchern kann, deshalb ist es uns wichtig, die Geschichte in einen Kontext mit der zeitgenössischen Kunst zu stellen“.  

 

Für die Zukunft ist deshalb geplant, die geschichtsträchtigen Museumsbestände mit moderner Kunst von außen zu ergänzen, „das macht freier“, sagt Jung. Sein Hintergrundgedanke ist natürlich von Berufs wegen ein Theologischer. Die Tradition gehört zur katholischen Kirche, genau wie die Kunst. Beides sind Dinge, die die Menschen ansprechen, die man oft nicht beschreiben kann. Dem Kirchgänger, respektive dem abendländisch-christlich sozialisierten Besucher sind Kunst und Theologie vertraut, er weiß, dass sie verwandt sind. Hier liegt der Reiz, gewohnte Sichtweisen aufzubrechen und neu anzuordnen. „Alles sind Bilder, auch theologischer Text“ – was der „summus custos“ hier sagt, spiegelte sich in einer weiteren Ausstellung dieses Sommers, nämlich „Perspektivenwechsel. Ave Maria – die Verkündigung an Maria in modernen Kunstwerken“. Wer kennt sie nicht, die mittelalterliche Darstellung der jungen Maria, der vom Erzengel verkündet wird, dass sie die Mutter des Herrn sein wird? Doch was ging dabei in Maria vor? Mit dieser Frage beschäftigten sich Künstler, die den Verkündigungsengel neben eine höchst zeitgemäße Maria positionierten. Als Theologe ist Jung von dieser Ausstellung begeistert und auch die Besucherzahlen machen zufrieden. 

 

Es ist also der Dialog mit anderen Stellen, mit anderen Institutionen, den das Diözesanmuseum sucht, die Impulse von außen. Das jedenfalls ist die Antwort auf die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung des Museums. Die Ausstellungen der jüngsten Vergangenheit waren stets von Externen kuratiert, genuin hauseigene Konzepte gab es nicht. Das soll in nächster Zeit auch so bleiben, denn Jung sieht die Zukunftschancen vor allem darin, die kirchlichen Häuser stärker zu vernetzen. Interesse von außen, Ausstellungen anzubieten, ist vorhanden, verschiedene Künstler haben sich bereits gemeldet. Dennoch gibt es ein paar Gedankenspiele zu verschiedenen Jubiläen, auch wenn Norbert Jung nach dem Bistums- und dem Domjubiläum die Reihe der aufwändigen Geburtstagsfeiern gerne beendet sehen möchte. Die Krönung Kaiser Heinrichs im Jahr 2014 mit einer 1000-Jahre-Jubiläums-Schau zu begehen, wäre kein kirchlicher Anlass – gestrichen. Dann schon eher das 500-jährige Jubiläum des Kaisergrabes, da es hier auch neue Forschungsergebnisse zu zeigen gäbe, vielleicht in Form einer Kabinettausstellung. Die Brötchen der Zukunft sollen also etwas kleiner gebacken werden als bei den großen Jubiläumsausstellungen der letzten Jahre. Natürlich ist Geld eine Beschränkung, wie meist innerhalb der Kulturarbeit, denn die Mittel des Hauses sind begrenzt. Dazu kommen räumliche Probleme – im Vergleich zu anderen Bistumsmuseen ist das Haus am Domberg vergleichsweise klein. Und voll genutzt, denn neben den berühmten Textilien, der Replik der Heinrichskrone und den liturgischen Gegenständen im Erdgeschoß gibt es nur wenige Räume für Sonderausstellungen, die großzügige Gestaltung erlauben. 

 

Was man alleine nicht kann, muss man also gemeinsam angehen. Daher war es an der Zeit, den Domverbund ins Leben zu rufen. Dom und Diözesanmuseum, Historisches Museum und Staatsbibliothek, die Staatsgalerie und die Prunkräume der Neuen Residenz sind seit Juni 2012 unter der Dachmarke „Domberg Bamberg“ zusammengeschlossen. Unter großer Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und mit Unterstützung des Freistaats Bayern entstand eine Koordinationsstelle, die mit gemeinsamer Öffentlichkeitsarbeit jede teilnehmende Institution in den Fokus der Besucher rücken will. Website, Faltblätter und eine übergreifende Führung gibt es bereits, ein Leitsystem ist geplant und auch eine gemeinsame Eintrittskarte ist in Vorbereitung. Davon können alle Museen rund um den Dom profitieren, denn wer als Tourist durch den Dom geschleust wird, findet selten den Weg in die Museen oder die Staatsbibliothek. Auch die bistumsinterne Bildung soll durch die Domberg-Koordination einen Schub erfahren. Pädagogische Ideen für Kinder und Erwachsene werden über die Domtouristik entwickelt und via den Dachverband an Mann, Frau und Kind gebracht. Dabei könnte für Norbert Jung die Kooperation der Kulturstätten innerhalb des Welterbes Bamberg noch stärker sein, denn im vielfältigen Kulturbetrieb der Stadt sei sein Diözesanmuseum nur ein Anbieter unter vielen. 

 

Er hält also die Zügel der Kunst fest in der Hand, der „summus custos“, denn das ist seine Aufgabe. Vielleicht sind auch deshalb seine Mitarbeiter in den einzelnen Abteilungen kaum wahrnehmbar. So ist beispielsweise der seit knapp einem Jahr im Amt befindliche neue Leiter des Diözesanmuseums, Holger Kempkens, bislang selten öffentlich in Erscheinung getreten. Inwieweit er auf die Zukunft des Hauses Einfluss nehmen kann, muss sich noch zeigen. Sein Chef Norbert Jung weist die Richtung.  Auch in die Pfarreien hinein, denn bei Umgestaltungen in Kirchenräumen, der Anschaffung von „vasa sacra“ (also den Altargeräten), liturgischen Gewändern  und allen anderen Fragen, die mit künstlerischer Gestaltung zu tun haben, hat sein Wort das höchste Gewicht. „Die zeitgenössische sakrale Kunst ist noch ausbaufähig und in den Pfarreien ist häufig ein Trend zum `Retro-Look´ zu erkennen“, beklagt Jung den oftmals geringen Willen zur modernen Kirchenkunst bei den Kollegen in der Diözese. Hier will er mit der Kulturabteilung Alternativen bei Neu- und Umbauten aufzeigen und die Kirchengemeinden für neue künstlerische Ideen sensibilisieren. Der Weg bis dahin wird wohl noch weit sein. In der Zwischenzeit gehen wir für zeitgenössische Kunst ins Diözesanmuseum. 

Annette Schäfer
19.09.2013

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