VOM REIZ DES STÄHLERNEN

BERND WAGENHÄUSERS ARBEITEN AUS COR-TEN-STAHL

VOM REIZ DES STÄHLERNEN

 Eigentlich braucht man ihn in Bamberg nicht mehr groß vorzustellen: Bernd Wagenhäuser. Seit 1981 hat der inzwischen sechzigjährige Künstler – er ist 1953 im hessischen Hanau geboren – sein Atelier in der Domstadt. Es liegt etwas versteckt im Rückgebäude der Gertraudenstraße 10, auf die man wiederum zwischen Peunt- und Dr.-von-Schmitt-Straße stößt. Wagenhäuser hat es sehr gut getroffen, denn sein Domizil in den ehemaligen Räumen einer Großschreinerei verbindet eine acht Meter hohe Fertigungshalle mit einem Atelier, mit Wohnraum und seit Dezember letzten Jahres auch mit einem unmittelbar über dem Atelier gelegenen Ausstellungsloft.

 

Ende November eröffnete die Kunsthistorikerin Christiane Hartleitner Wagenhäusers jüngste Ausstellung, „Coquille II“. Sie beinhaltet zwar auch einige wenige Arbeiten älteren Datums, im Zentrum aber stehen knapp anderthalb Dutzend neue Werke aus der „Coquille-II“-Serie. Wagenhäusers großformatige Arbeiten aus Cor-Ten-Stahl sind aus dem Bamberger Stadtbild bekannt. Man denke etwa an den Skultpurenpark an der Regnitz bei der Konzert- und Kongress-Halle oder an die prominente Großplastik am Markusplatz. Mit dem lichtdurchfluteten, gut 200 Quadratmeter großen Loft, hat der tatsächlich in doppeltem Sinn „Ironman“ Wagenhäuser, der sich auch leidenschaftlich dem Triathlon widmet, der zeitgenössischen Kunst in Bamberg einen neuen Ort geschaffen.

 

Die Plastiken aus Cor-Ten-Stahl – der Ausstellungstitel „Coquille“ ist ein Verweis auf das französische Wort für (Muschel-)Gehäuse, denen sie gleichen, zugleich aber auch ein Wortspiel mit dem Material, aus welchem sie gefertigt sind – setzen sich aus verschieden großen Dreiecken zusammen. Diese Dreiecke hat Wagenhäuser unterschiedlich spiralförmig gerollt und dann miteinander verschweißt. Der Mann spielt eben nicht nur gern mit Worten, wenn er von sich und seinen Werken sagt: „Wer rostet, der rastet nicht.“

 

Nein, Wagenhäuser spielt auch mit der aufgebrochenen Form, die er mal eher geschlossen und schützend gestaltet, dann wieder aggressiv in den Raum ausgreifen lässt. Je nach Plastik und je nach Blickwinkel, nach Position des Betrachters oder Positionierung des Kunstwerkes im Raum, beispielsweise hängend, ergibt sich daraus ein ungemein eigenkreatives Spiel mit Sehweisen und Gedanken. Die archaisch anmutende Formensprache wird betont durch die rostfarbene Schutzpatina auf der Oberfläche des legierten Cor-Ten-Stahles, die zugleich mit der Materialität des Werkstoffes Eisen spielt.

 

Zusätzlich zu den „Coquilles“ zeigt Wagenhäuser aus früheren Schaffensphasen einige Kleinskulpturen sowie Grafiken, Skizzen und Modelle, die des Künstlers Arbeitsweise sowie sein breitgefächertes gestalterisches Spektrum an Material und Form in den Fokus rücken. Da ist zum Beispiel die äußerst komplexe, nämlich fünfundfünzigteilige Installation „Walkabout“, in deren Zentrum eine zwei Meter hohe Säule aus Cor-Ten-Stahl steht. Aus dieser Säule hat der Künstler 54 Formenpaare herausgeschnitten, erhitzt und dann auf Büttenkarton gedruckt. Hernach hat Wagenhäuser die Formteile wieder zurückgesetzt und von innen über Schweißpunkte fixiert. Auch bei dieser Arbeit kommen unterschiedliche Sichtweisen ins Spiel, denn die Abdrucke auf dem Büttenkarton erscheinen spiegelverkehrt und außerdem um 90 Grad gedreht. „Das Abbild auf dem Karton“, erläutert Wagenhäuser, „erscheint nicht mittels eines aufgedruckten Farbauftrages, sondern es ist so, dass der Druckstock ein Brandbild hinterlässt, also einen aufgebrannten Abdruck auf dem Trägermedium Papier.“ Die Hitze ist dreifacher Energieträger der vielfach zusammengesetzten Arbeit, beim Schmelzen und Herstellen des Stahles, beim Heraustrennen der Formteile aus der Stahlsäule mithilfe eines Plasmaschneidbrenners und, zuletzt, bei dem Abbild der Formteile auf dem Papier.

 

Wunderbar ergänzt wird die Ausstellung schließlich durch den Blick aus dem Loft hinaus und hinüber in die Fertigungshalle. Dort ragt eine Großskulptur auf, ganz ähnlich gehalten jener dynamischen Stahlrohrinstallation, der 2012 bei „verzweigt“, der Jahresausstellung des Berufsverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler Oberfranken (dessen Vorsitzender Wagenhäuser zwischen 1992 und 2008 war) im Kesselhaus an der Regnitz, große Aufmerksamkeit zuteil wurde und Wagenhäuser einen Sonderpreis bescherte.

 

Zu den wichtigen Auszeichnungen, die der Hanauer, der in den Siebzigern Plastische Formgebung an der Hochschule für Gestaltung in Wiesbaden studierte, erhalten hat, zählen der Volker-Hinniger-Preis (1996), das Atelierstipendium des Freistaates Bayern 1998/99 und eine Dekade später der Berganza-Preis des Kunstvereins Bamberg. Auch diverse öffentlich ausgeschriebene Wettbewerbe hat Wagenhäuser bereits gewonnen, beispielsweise den des Zweckverbandes Müllverwertung im oberpfälzischen Schwandorf, als es um die künstlerische Gestaltung des Außenbereiches eines neuen Verwaltungsgebäudes ging. Die Montage vor Ort führte Wagenhäuser im Juli 2011 aus. Davon existiert ein Filmmitschnitt, der auf einem Bildschirm im Loft zu sehen ist und vor allem bei Schulklassen großen Anklang findet.

 

Zweifelsohne ist der wetterfeste Cor-Ten-Stahl das dem Bamberger Bildhauer liebste Material. Immer wieder hat Wagenhäuser aber auch Arbeiten aus Holz und Edelstahl gefertigt, wie etwa bei der Innenraumgestaltung der Aussegnungshalle Burgebrach und bei Stelen, die im Skulpturenpark das Auge des Betrachters erfreuen. Näher am Kunstwerk und an dessen Entstehungsprozess als bei einem Besuch in der Gertraudenstraße kann man kaum sein. Gerade für Kindergartenkinder und für Schüler ist das sehr lohnend. Und Bernd Wagenhäuser ist immer gern bereit, bei Führungen seine abstrakte Kunst und das dazugehörige Handwerk anschaulich zu machen. Abschließend sei noch die Selbstverständlichkeit – auch Künstler wollen leben können, und zwar von ihrem Werk – festgehalten, dass die Exponate allesamt käuflich zu erwerben sind.

 

Am Sonntag, den 19. Januar, kann man sich über Video-Livestream zum New Year’s Brunch 2014 ins Atelier Wagenhäuser schalten. An diesem internationalen Fest für zeitgenössische Skulptur beteiligen sich 40 Gastgeber aus dreizehn Ländern. Mehr zu Bernd Wagenhäuser ist im Netz unter http://www.atelier-wagenhaeuser.de/ zu finden. Besuche im Atelier im Rückgebäude der Gertraudenstraße 10 kann man telefonisch vereinbaren (Festnetz: 0951 – 25 883; mobil: 0176 – 326 333 98), oder via E-Mail an kontakt@atelier-wagenhaeuser.de.

Copyright Foto: Bernd Wagenhäuser

Jürgen Gräßer
09.01.2014

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