Oft witzige, bisweilen schrille, stets kontroverse Handschrift

Barrie Kosky inszeniert Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den kommenden Bayreuther Festspielen

Oft witzige, bisweilen schrille, stets kontroverse Handschrift

 Schon wieder Berlin, schon wieder das inzüchtige Künstlerbiotop der Hauptstadt, aus dem sich Katharina Wagner regelmäßig bedient, wenn es darum geht, die Bayreuther Festspiele in der Provinz zu beglücken – so hätte man durchaus reagieren dürfen, als bekannt wurde, dass die einzige Neuinszenierung der kommenden Festspiele dem Intendanten der Berliner Komischen Oper angedient wurde. Aber die eigentlich provinzielle Attitüde, im eigenen Dunstkreis nach Inszenierungsteams zu suchen, hatte – nach Castorf und anderen – diesmal ihr Gutes, denn mit Barrie Kosky tritt ein Regisseur an, dem einhellig eine moderne und witzige, aber auch schrille und kontroverse Handschrift attestiert wird.

Allerdings erfüllt er auch eine Kardinalbedingung, die neuerdings zu den Voraussetzungen für ein Engagement am Grünen Hügel zu gehören scheint, nämlich einen ausgeprägten Hass auf Richard Wagner. Eigentlich ist es schade, dass ein solch erfolgreicher Intendant mit Sprüchen wie „Mit Wagner bin ich fertig“ glaubt punkten zu müssen. Aber sei’s drum, wenn markige Worte für die Publicity sein müssen… Stimmen tut’s sowieso nicht, denn er tritt ja tatsächlich an in Bayreuth, auch wenn er schwor, seinem Berliner Haus alle Wagnereien mit dem Kärcher auszutreiben. Nun also dürfen es „Die Meistersinger von Nürnberg“ bei den Festspielen 2017 sein.

Barrie Kosky hat natürlich Wagner-Erfahrungen gesammelt, nicht zuletzt mit einem kompletten Ring-Zyklus in Hannover (2009-11). Sein „Fliegender Holländer“ am Essener Aalto-Theater hatte schon zuvor für einen Eklat gesorgt. 2013 brachte die auf Anhieb erfolgreiche Arbeit dem damals frisch bestallten Chef der Berliner Komischen Oper die Ehre ein, sein Theater zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt zu sehen. Der Blick in die Kritiken seiner jüngeren Inszenierungen zeugt von einer veritablen Erfolgsstory. Mit Teodor Currentzis triumphierte Kosky in Zürich mit einem herausragenden „Macbeth“ Giuseppe Verdis. Von einem „Abstieg in die Finsternis menschlicher Abgründe“ war die Rede, von „Perspektivenrochade; kurz: Wahnsinn mit Methode“.

Ein besonderes Faible besitzt Kosky für die Operette und das Musical, und in diesen Genres wagt er sich auch an unbekanntere oder fast vergessene Werke. Erst kürzlich brachte er Oscar Straus’ „Die Perlen der Cleopatra“ (aus dem Jahre 1923) an der Komischen Oper heraus, ein gefundenes Fressen für einen Regisseur, der gerne jenseits der Grenzen des so genannten „guten Geschmacks“ operiert. Zuvor hatte er sich mehrere Jahre intensiv mit Emmerich Kálmáns Bühnenwerken beschäftigt, was Ende 2016 mit der Präsentation von dessen romantischem Musical „Marinka“ (1945 am Broadway uraufgeführt!) einen allseits gelobten Höhepunkt fand.

Als Katharina den australischen Theatermann mit europäischen jüdischen Wurzeln 2014 fragte, ob er sich für 2017 die aus jüdischer Sicht heiklen „Meistersinger“ in Bayreuth vorstellen könne, sträubte er sich zunächst dagegen, sagte aber dann gleichwohl zu. Vor ca. einem Jahr versicherte er, bereits ein Konzept für seine Inszenierung parat zu haben. Man darf folglich gespannt sein. Die Premiere wird zum traditionellen Festspielbeginn am 25. Juli stattfinden. Als prominente Namen unter den mitwirkenden Sängern sind zu nennen: Michael Volle, der die Rolle des Hans Sachs übernimmt, Klaus Florian Vogt (Walther von Stolzing) und Anne Schwanewilms als Eva. Für das Bühnenbild wurde Rebecca Ringst verpflichtet, die regelmäßig mit Calixto Bieito und Barrie Kosky zusammenarbeitet. Die musikalische Leitung obliegt Philippe Jordan.


Fotocredits:
Richard Wagner by Caesar Willich, ca. 1862, Foto © gemeinfrei

Martin Köhl
01.06.2017

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