MOZART BEGEGNET IM KEILBERTH-SAAL E. T. A. HOFFMANN

REQUIEM TRIFFT BEI DEN BAMBERGER SYMPHONIKERN AUF MISERERE

Es mutet ein wenig seltsam an, aber tatsächlich ist es so, dass die Bamberger Symphoniker in ihrer bald sieben Dekaden währenden Geschichte nie noch E. T. A. Hoffmanns Misere aufgeführt haben. Jedenfalls nicht vor dem vergangenen Wochenende, als sie dies unter Rolf Beck gemeinsam mit dem hauseigenen Chor und einem fünfköpfigen Solistenensemble im so gut wie ausverkauften Joseph-Keilberth-Saal der Bamberger Konzerthalle nachholten. Mit beiden Aufführungen erinnerten die Symphoniker im Übrigen an Witold Rowicki, dessen hundertster Geburtstag am 26. Februar angestanden hätte. Von 1983 an war der sechs Jahre später in Warschau verstorbene Dirigent „Künstlerischer Berater“ der Bamberger Symphoniker und bestimmte maßgeblich die Geschicke des Orchesters, bis man 1985 in Horst Stein einen neuen Chefdirigenten gefunden hatte.

 

Den zeitweiligen Lokalhelden Hoffmann haben die Bamberger Symphoniker durchaus wahrgenommen und mit Aufführungen bedacht. Unter Robert Heger machte man im Juni 1959 zweimal dessen romantische Zauberoper „Undine“, zweimal – 1968 unter Heinz Wallberg, mit Ferdinand Leitner am Pult 1973 – gab es auch die Es-Dur-Symphonie von 1806, ein einziges Mal (im Sommer 1973; es dirigierte Fritz Braun) die Missa in d-Moll und im Silvesterkonzert 1996 schließlich ein Duett aus der „Undine“, gesungen von Daphne Evangelatos (Alt) und Adina Nitescu (Sopran).

 

Der statistischen Vollständigkeit halber sei noch angefügt, dass die Bamberger Mozarts Requiem insgesamt sechsmal aufführten, erstmals im Oktober 1953 in Bayreuth unter Robert Spilling, zuletzt unter Rolf Beck im November 2006 an der Regnitz. Nun also, endlich (und ebenfalls unter Beck), Hoffmanns b-Moll-Misere, das 1809 in Bamberg entstand, zu Lebzeiten des Komponisten, Schriftstellers, Zeichners und Juristen aber nie zur Aufführung kam und erst 1973 in Ungarn wieder entdeckt wurde.

 

Hoffmann nimmt sich im Miserere Giovanni Palestrina zum Vorbild, dessen Stil durch Kontrapunktik und ein ausgewogenes Verhältnis in Harmonie, Rhythmus und Melodie gekennzeichnet ist, lehnt sich zugleich aber auch stark an Mozarts Requiem an, beispielsweise in der Instrumentierung (mit Orgel; Verzicht auf Flöten und Oboen), in der Gestaltung der Klangfarben, in der Behandlung des Chores und des Kontrapunktes, der Fugati. Auch wenn das Miserere naturgemäß nicht an die Bedeutung und an die Schönheiten des Mozart’schen Requiems heranreicht, machte die feine Deutung durch den Chor und die Symphoniker – und ein gut disponiertes Solistenquintett: Simona Šaturová, Sopran, Catriona Morison, Mezzosopran, Wiebke Lehmkuhl, Alt, Benjamin Bruns, Tenor, Andreas Hörl, Bass – die mit viel Beifall bedacht wurde, doch deutlich, dass dieser Hoffmann weit mehr ist als ein bloßes, aus Bewunderung für Mozart komponiertes Epigonenstückchen. Das zeigt sich, nebenbei, auch darin, dass Chor und Orchester des Westdeutschen Rundfunks im vergangenen Jahr bei dem Label cpo aus Georgsmarienhütte eine Einspielung des Miserere (und der Missa) vorlegten.

 

In Mozarts Requiem KV 626 erkannte Hoffmann in einem Brief vom 15. April 1814 an seinen Leipziger Verleger Gottfried Christoph Härtel die „höchste Spitze der neuern Kirchen Musik“; und in dem Aufsatz über „Alte und neue Kirchenmusik“ (enthalten im vierten Abschnitt der „Serapionsbrüder“ von 1819) beschreibt er das Requiem als eine „romantisch heilige Musik, aus dem Innersten des Meisters hervorgegangen“. Die Aufgabe, „selbst bei der Anwendung des figuriertesten Gesanges, des ganzen Reichtums der Instrumente ernst und würdevoll, kurz, kirchenmäßig zu bleiben“, habe Mozart hier „herrlich gelöst“. Als Hoffmann im September 1812 eine Probe des Requiems in der Martinskirche besucht, versetzt ihn das in eine „de- und wehmütige Stimmung“, denn er hat, weil sie mitsang, sein „Kätchen“ wiedergesehen, also seine Gesangsschülerin Julia Mark, in die er sich heftig verliebt hatte.

 

Beck setzte durchwegs auf ziemlich flotte Tempi, was der Dramatik zugute kam. So geriet die Totensequenz des „Dies irae“, des Tages des Zorns, im Chor wahrhaft zornig und in höchstem Grade dramatisch. Schade, dass dann gleich das sich unmittelbar anschließende „Tuba mirum“ in der zweiten Posaune, die hier das Solo zu spielen hat, einigermaßen misslang. Ja, das ist eine heikle Stelle (und wird nicht umsonst bei jedem Probespiel verlangt), man braucht gute Nerven und eine sichere Höhe, aber gerade weil sie so exponiert und so eminent wichtig ist, wünschte man sie sich anders zu hören, als dies am Samstagabend der Fall war. Insgesamt freilich gefielen die Posaunen im Miserere wie im Requiem mit sicherem, sehr klangschönem Satzspiel. Und es war ein feiner Zug, dass Angelos Kritikos zur Altposaune (gewiss nicht wegen der fälligen Zulage) griff. Als Desiderat dieses akklamierten Konzertes bleibt, dass man nicht wieder siebeneinhalb Jahre warten müsse, um im Keilberth-Saal das Requiem zu hören. Und dass die Bamberger Symphoniker auch Hoffmanns Miserere nicht aus dem Blick verlieren mögen.

 

Jürgen Gräßer
08.02.2018

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