Wozu in die Ferne schweifen?

Das HUK Open Air setzt auch in diesem Jahr auf nationale Künstler

Wozu in die Ferne schweifen?

 Alle Jahre wieder hat das HUK Open Air auf dem Coburger Schlossplatz einen festen Platz im Kalender der Konzertfreunde: In einer Zeit, in der an anderen Orten unzählige Festivals vonstattengehen, vertraut der Veranstaltungsservice Bamberg auf bodenständige Kunst. Eingebettet in dem schmucken Ambiente des Schlosses, wird es auch in diesem Sommer wieder drei Hochkaräter zu bestaunen geben: Von 25. bis 27. August rocken die Söhne Mannheims, Senkrechtstarter Andreas Bourani und Altmeister Marius Müller-Westernhagen die Coburger Bühne.

Damit bleiben die Macher des Veranstaltungsservice Bamberg ihrem letztjährigen Erfolgsrezept treu: Lokale Größen anstatt internationaler Künstler. Im Vorjahr rockten Sarah Connor, Unheilig und Cro die Vestestadt. Die neunte Auflage knüpft damit an diese – schon in einigen Jahren vorher erfolgreich praktizierte – Tradition an. Diese war ursprünglich aus der Not geboren, entwickelte sich aber in einer gewissen Eigendynamik als Erfolgsmodell. Immer weiter nach vorne verschoben sich die Tourdaten internationaler Künstler, die bevorzugt die Festival-Saison zwischen Mai und Juli als optimale Plattform für sich entdeckten. Die ausländischen Granden bei einem Konzert-Wochenende im August zu buchen, erwies sich immer mehr als nicht zu realisierendes Projekt. So dachten die Macher um Gaby und Wolfgang Heyder um und konzentrierten sich auf den nationalen und deutschsprachigen Markt. Mit Erfolg. Schließlich erkannten die hiesigen Künstler den Vorteil des Termins und weichen damit der internationalen Konkurrenz aus. Und wer sich einmal mit den Sängern über das Coburger Open Air unterhalten konnte, der stellt fest: Sie lieben die Location geradezu. Diese Liebe ist leicht erklärt: Es gibt nur wenige Plätze, an denen den Künstlern ein solch fast schon luxuriöses Umfeld geboten werden kann. An allererster Stelle die komfortablen Möglichkeiten im Backstagebereich mit seinen Umkleidekabinen im Landestheater – wo die Stars anderswo mit Containern vorliebnehmen müssen, kann man sich in Coburg entfalten. Das gilt auch für die Bühne auf dem Schlossplatz. Spielt Wettergott Petrus mit und zeigt sein oberfränkisches Herz, dann gibt es nur noch wenige Locations in Deutschland, die ein solches Ambiente wie das in Coburg bieten. Und das ist ja nichts Neues. Einer Anekdote nach soll das Schloss Ehrenburg der Platz des ersten Klosetts mit Wasserspülung auf dem europäischen Kontinent gewesen sein. Englands Königin Victoria soll dieses errichtet haben. Heutzutage eine Selbstverständlichkeit – im Gegensatz zu barock-gotischen Umkleidekabinen für Künstler.

Den Auftakt des diesjährigen Konzertwochenendes in der herzoglichen Residenzstadt bestreiten am Freitag, den 25. August, altbekannte Gesichter. Die „Söhne Mannheims“ geben sich mit ihrer „MannHeim Zu Dir“-Tour die Ehre. Dabei kehren die Pfälzer zurück zu den Wurzeln. Mit Sänger Rolf Stahlhofen, dem in den letzten Jahren nicht unumstrittenen, aber doch unbestritten genialen, Frontmann Xavier Naidoo, Sänger Claus Eisenmann und Keyboarder Michael Herberger sind vier zwischenzeitlich aus der Formation ausgeschiedene Charakterköpfe zurückgekehrt und hauchen dem Projekt neues Leben ein. Einst im Hintergrund und doch nie wirklich wegzudenken war Henning Wehland. Der Sänger der Kultkombo „H-Blockx“, bis heute Frontmann und Co-Songschreiber der Münsteraner Crossover-Legenden, sorgt derzeit als Solokünstler für Furore und nutzt seinen dritten Frühling auch bei den Söhnen Mannheims. Da die Kritik an Xavier Naidoo ob diskussionswürdiger Äußerungen abseits des musikalischen Spektrums – Stichwort Reichsbürger und Antisemitismus – nicht abebben will, hat sich Wehland mehr und mehr in den Fokus geschoben. Vor allem in der Wahrnehmung vieler Anhänger ist längst er und nicht mehr Naidoo der Fixpunkt der Band. Wenig überraschend, glänzt der gebürtige Bonner doch mit Charisma, mit einer immer noch eigenwilligen, doch umso prägnanteren Stimme, und vor allem mit dem ihm eigenen Witz.

Als die Söhne Mannheims Mitte der 90er-Jahre ihre ersten Erfolge feierten, da dachte Andreas Bourani an alles, nur nicht daran, irgendwann selbst auf den großen Bühnen der Republik zu stehen. Als Zwanzigjähriger stand der in Augsburg unter der Obhut von Pflegeeltern aufgewachsene Shootingstar erstmals im Fokus der Öffentlichkeit, als er im Rahmen der ZDF-Castingshow „Die deutsche Stimme 2003“ teilnahm. Eine Zeit, in der die Söhne Mannheims längst am Pop-Olymp angekommen waren und Bourani auf den ihm musikalisch nicht unähnlichen Xavier Naidoo nach oben blickte. Doch so ändern sich die Zeiten. Irgendwann startete Andreas Bourani durch und avancierte zu einem der Garanten für die aktuell immer noch grassierende Neue Deutsche Welle. 2011 war es, als er mit „Nur in meinem Kopf“ einen raketenartigen Kaltstart hinlegte und die deutsche Musiklandschaft auf den Kopf stellte. Was die wenigsten tatsächlich auf dem Schirm haben: Bourani hat im Laufe der seither vergangenen sechs Jahre gerade einmal zwei Langspieler veröffentlicht. Allerdings zwei mit enormem Hitpotenzial. Siebenmal Platin sahnte er ab, viermal goldene Schallplatten, bei den österreichischen Nachbarn war er nicht minder erfolgreich. Und egal ob „Auf uns“ – einer der Gassenhauer, die noch in weiter Zukunft landauf, landab Hitpotenzial haben werden, „Astronaut“, „Auf anderen Wegen“ oder natürlich seine Debütsingle: So ziemlich jeder ist in der Lage, die Auskopplungen Bouranis voller Inbrunst mitschmettern zu können. Zwischen Gänsehautgarantie und schnulzigem Deutschpop ist Partystimmung bei dem längst nicht mehr als Newcomer einzustufenden Soul-Sänger jederzeit garantiert. Bouranis Tour „Die Welt von oben“ stellt das einmal mehr unter Beweis.

Auf lange Sicht würde es nicht wundern, würde Kultsender MTV den Sohn nordafrikanischer Eltern früher oder später anfragen, ob er Lust auf ein „MTV Unplugged“-Album hätte. Schließlich produziert er genau das, was die Macher des Senders am liebsten haben. Musikalisch hochklassiges Material mit einer prägnanten Stimme gepaart.

Einer, dem diese Ehre vor vielen Jahren schon zuteilwurde, lehnte dieses Angebot einst ab: Marius Müller-Westernhagen. Er war der erste deutsche Künstler, dem der Sender anbot, im unplugged-Format aufzutreten – noch bevor die Fantastischen Vier dieses als erste deutschsprachige Kombo umsetzten. Westernhagen lehnte ab – es gab noch so viel anderes zu tun für den Düsseldorfer, der sich 1998 von der großen Bühne verabschiedete und sich im Rahmen einer pompösen Abschiedstournee anschickte, noch einmal alle möglichen Rekorde zu brechen. Doch Marius Müller-Westernhagen wäre nicht er, würde er nicht doch wieder zurückkehren auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Im letzten Jahr feierte der inzwischen 69-Jährige sein 50-jähriges Bühnenjubiläum. Und kehrte mit einer grandiosen Geschichte zurück. Er holte nach, was er MTV einst verwehrte. In der Berliner Volksbühne nahmen er und seine Mitstreiter 24 seiner Gassenhauer im Unplugged-Format auf – die veröffentlichte Scheibe schlug ein wie eine Bombe und landete ad hoc auf Platz zwei der deutschen Albumcharts.

„Wir haben „Unplugged“ als künstlerische Herausforderung gesehen“, sagt Marius Müller-Westernhagen über die aufwändig produzierte Show. „Wir wollten uns nicht einfach nur akustische Gitarren umhängen und die originalen Arrangements als verkapptes Best of runterspielen. Es galt, das Material von über vier Jahrzehnten meiner Arbeit als Songschreiber zu sichten und sich mit ausschließlich analogen Mitteln völlig neu zu erarbeiten. Wir hatten die Ambition, es für uns wie für das Publikum auf den heutigen Stand unseres Verständnisses von guter Musik zu bringen.“ Mission angegriffen, Mission erfolgreich – auf diesen einfachen Nenner könnte man das neueste Meisterwerk des Altmeisters bringen.

Dabei holte er neben seiner neuen Lebensgefährtin Lindiwe Suttle, ansonsten in seiner Background-Band aktiv, noch andere alte Kumpels ins Boot. Tochter Mimi, die Berliner Straßenmusikerin Elen Wendt, Selig-Frontmann Jan Plewka und als heimliches Highlight beim Allzeit-Klassiker „Pfefferminz“ mit Udo Lindenberg einen anderen der ganz, ganz großen deutschen Künstler. Man darf gespannt sein, was sich der große, alte Mann des deutschen Rock‘n‘Rolls für die Liveshow überlegt. In einem kann man sich dabei schon sicher sein: Es wird etwas Großes sein. Mit Alibi-Geschichten hielt sich Westernhagen nie lange auf. Was er anpackte, das tat er mit Hand und Fuß. Und als er keine Lust mehr darauf hatte, große Stadien zu bespielen, zog er das gnadenlos durch. „Du musst dich selbst so groß vermitteln, um solche Events zu bespielen, dass du zu so einem wagnerianischen Helden wirst“, so Westernhagen einst in einem Interview. Unfreiwillig wagnerianisch ist nicht das Ding des Typen, der dies lieber musikalisch erledigt. Und zwar weniger pompös als vielmehr durch grundsolides Handwerk. Was würde da besser passen, als eine rein akustische Platte zu veröffentlichen. Jetzt ist es soweit: 24 seiner Songs, von absoluten Gassenhauern aus allen Epochen seines Schaffens bis hin zu eher nicht groß in der Öffentlichkeit gespielten Werken reicht das Repertoire. Die besondere Atmosphäre eines Wohnzimmerkonzertes im großen Stil will Westernhaben seinen Anhängern nun auch live nahebringen. Ehe es in die großen Arenen der Republik geht, erst einmal im schmucken Coburger Ambiente. Gänsehautmomente garantiert!

 

Fotocredits:
Die „Söhne Mannheims“, Foto © Tommy Mardo

Andreas Bär
04.08.2017

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