Im Spiegel der Zeit – Die prachtvolle Museumsarchitektur im Florenz des Nordens

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Teil 2)

Im Spiegel der Zeit – Die prachtvolle Museumsarchitektur im Florenz des Nordens

 Nachdem wir die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der vergangenen Ausgabe („Auf den kostbaren Spuren der sächsischen Kurfürsten – Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Teil 1“) inhaltlich vorgestellt haben, möchten wir die Museumslandschaft nun von außen betrachten und dazu einen kleinen Exkurs in die Architekturgeschichte unternehmen.

Über 700 Jahre Stadtgeschichte gehören zum Elbflorenz, doch die prachtvollsten Bauten, für die Dresden so berühmt ist – jene, die, auf der Carolabrücke stehend, zu einem herüberfunkeln, und deren Panorama geschätzt die Hälfte aller in Dresden erhältlichen Ansichtskarten zieren – entstammen der Zeit der Renaissance, des Barock, des Klassizismus und des Historismus. Kaum ein Gebäude hat die Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 unversehrt überstanden, vor allem die Innenstadt erlitt schwere Schäden. Umso schöner, dass der Wiederaufbau der Altstadt inzwischen fast vollständig abgeschlossen ist.

Das älteste der Gebäude, die heute die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden beherbergen, ist das Residenzschloss, das mit dem Hausmannsturm eine prominente Position in der „Skyline“ einnimmt und zu einem der markantesten Gebäude der Stadt zählt. Das Schloss ist in Teilen auf der ehemaligen Stadtmauer und angrenzenden Handwerkssiedlung als Curie des Burggrafen von Dohna gegründet und wurde Ende des 13. Jahrhunderts erstmals urkundlich erwähnt. Der Ausbau zur Fürstenresidenz erfolge schließlich um 1400, die Geschlossenheit als Vierflügelanlage südlich der barocken Hofkirche erfuhr das Dresdener Schloss von 1468 bis 1480. Als gewachsene Anlage vereint es beinah sämtliche kunstgeschichtlichen Stilepochen in sich, wird aber durch die für den Bau charakteristische Neorenaissance-Fassade aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert dominiert. Besonders beeindruckend sind, neben den Sammlungen, die das Schloss beherbergt (Grünes Gewölbe, Kupferstich-Kabinett, Rüstkammer und Münzkabinett), die Nordfassade im großen Schlossinnenhof, die während der Spätrenaissance, ebenso wie die hofseitige Fassade des Langen Ganges zwischen Georgenbau und Stallhof, mit imposanten manieristischen Sgraffiti, wahrscheinlich von Heinrich Göding, versehen wurde. Schon von außen verheißt der geschlossene Residenzbau Großes, weist doch der „Fürstenzug“ auf der stadtwärtsgewandten Seite des Verbindungsganges, welchen man linkerhand erblickt, wenn man auf dem Weg vom Neumarkt zur Semperoper die Augustusstraße passiert, auf die glorreiche Vergangenheit Sachsens unter der fast 750-jähjrigen Herrschaft der Wettiner hin. Im Original ebenfalls in Sgraffitotechnik ausgeführt, findet der Besucher heute eine 1907 angefertigte Replik aus Porzellankacheln vor. Da das Schloss 1945 bis auf seine Grundmauern niederbrannte, dauern die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten bis heute an. Ein Großteil ist jedoch bereits fertigestellt. Einen interessanten Kontrast zu den an die Neuzeit angelehnten Rekonstruktionen bildet die membrane Überdachung des kleinen Schlosshofes nach Plänen des Dresdener Architekten Peter Kulka.

Das Residenzschloss inmitten der Altstadt liegt zwischen dem im Westen angrenzenden Zwinger, dem am nördlichen Königsufer gelegenen Japanischen Palais und Jägerhof sowie dem Albertinum und Lipsiusbau im Osten. Kehrt man dem Residenzschloss den Rücken, ist es ein Leichtes, zum Zwinger zu gelangen, der ja schon in Sichtweite ist – man überquere einfach die Sophienstraße, Richtung Schinkelwache und Theaterplatz, schaue nach links und schon ist er da, der Eingang zur Gemäldegalerie und Porzellansammlung im Zwinger. Wie gesagt, es wäre ein Leichtes. Da man sich in der Architekturgeschichte aber chronologisch vorarbeitet, machen wir einen Schwenk in Richtung Osten und kehren an späterer Stelle zum Zwinger zurück. Den Weg zum Albertinum kann man sich entweder über den Taschenberg (der schon lange kein Berg mehr ist) oder über die malerische Brühlsche Terrasse bahnen.

Einmal angekommen, findet man sich vor dem ehemaligen Zeughaus und somit dem einstigen Waffenarsenal der Stadt wieder, das seinerzeit europaweit als große Errungenschaft galt. Heute befinden sich in dem nach Plänen von Caspar Voigt von Wierandt und Paul Buchner errichteten vierflügeligen Bau die Skulpturensammlung und die Galerie Neue Meister. Der zweite wichtige Renaissancebau Dresdens, von 1559-63 errichtet, wurde jedoch ab 1884 binnen drei Jahren von Carl Adolph Canzler unter König Albert – daher auch die namensgebende Bezeichnung – zu einem Museumskomplex umfunktioniert und ist nicht nur deshalb Zeugnis zahlreicher Umbauten und Überformungen. Bereits im 18. Jahrhundert veranlassten August der Starke und Sohnemann Kurfürst Friedrich August II. großangelegte Umbauten. Das Albertinum schrieb auch weiterhin Geschichte und galt aufgrund seiner inneren und äußeren Gestalt als Vorbild für das 1898-1912 errichtete Puschkin-Museum in Moskau. Der Zweite Weltkrieg hinterließ jedoch auch am Albertinum sichtbare Spuren, von denen heute allerdings nichts mehr zu sehen ist. Ab 1959 zogen in das Museum, neben der bisher untergebrachten und renommierten Skulpturensammlung, mangels Räumlichkeiten auch das Münzkabinett, die Porzellansammlung, das Grüne Gewölbe sowie das Kupferstich-Kabinett, das Historische Museum und die Gemäldegalerie Neue Meister ein. Nachdem ein Großteil der Sammlungen nun in das Residenzschloss verlagert werden konnte, haben im Albertinum heute nur noch die Skulpturensammlung, die Galerie Neue Meister und das acht Jahre nach der verheerenden Hochwasserkatastrophe (2002) fertiggestellte Sicherheitsdepot, das zuvor unter dem Zwinger und Theatervorhof untergebracht war, ihren Platz.

Kaum merkbar in der Zeit, machen wir trotzdem einen großen Sprung über die Elbe hinüber zum Jägerhof – das dritte und letzte Relikt der Renaissance auf der Exkursion durch die Museumsgeschichte der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Am besten geht das, indem man die Augustusbrücke überquert. Erbaut wurde der Jägerhof, in dem sich seit 1913 das Museum für Sächsische Volkskunst befindet, 1569 im Stile der Renaissance unter Kurfürst August von Sachsen. Heute gilt es als das älteste Gebäude in der Dresdener Neustadt. Zuvor befand sich an selber Stelle bis 1546 das Dresdener Augustinerkloster, das jedoch nach Einzug der Reformation kurzerhand abgebrochen wurde. Unter Johann Georg I., zu deren Interessen vor allem die Jagd zählte, erfuhr der Jägerhof 1617 seine Vollendung. Viele Gebäude sind heute jedoch nicht mehr erhalten, da die Anlage 1830 seine ursprüngliche Funktion verlor und erneut große Teile abgebrochen wurden. 1945 brannte der übriggebliebene Teil, der bis 1877 als Kavalleriekaserne genutzt wurde und seither die Museumsräume beherbergte, zu allem Überfluss vollständig aus und wurde später mühsam wiederaufgebaut. Erst 1952 wurde der ehemalige Jägerhof als erstes der zerstörten Dresdener Museen wiedereröffnet und um eine Puppentheatersammlung erweitert.

Um nun endlich zum Zwinger – einem der bekanntesten barocken Kunstdenkmale Europas – zurückzukehren, ist es vonnöten, die Flussseite abermals zu wechseln. Warum der Zwinger so heißt, wie er heißt, wird deutlich, wenn man sich seine Lage auf dem Mauerkranz der westlichen Bastion der alten Festung Dresden vor Augen führt. In der Festungsbaukunst war der sogenannte Zwinger der Platz zwischen zwei Mauereinfassungen, der zum Schutz vor Feinden diente, sich in Friedenszeiten aber darüber hinaus auch bestens zur Tierhaltung oder Abhaltung festlicher Spiele eignete. Der Dresdener Zwinger ist der wichtigste Prestigebau August des Starken, wurde zu seinen Lebzeiten jedoch nicht vollendet. Auf Grundlage eines hölzernen Vorbaus begannen der Architekt Matthäus Daniel Pöppelmann und Bildhauer Balthasar Permoser 1711 mit den ersten Arbeiten am Zwinger, die 1728 vorerst ein Ende finden sollten. Als Vorbilder und Inspirationsquellen galten der Park von Marly-le-Roi in Frankreich und das Schloss Het Loo in den Niederlanden, von denen sich Pöppelmann beeindruckt zeigte. Das wohl bedeutendste Werk des Architekten sollte der Wallpavillon mit seiner geschwungenen Treppe zum ovalen Festsaal werden. Die Bebauung der Nordseite des Areals blieb bis zum Tod August des Starken unbebaut und wurde lediglich von einer Kulissenwand begrenzt, weil der König bis zur Elbe hin eine Norderweiterung plante, die später die Verbindung zwischen Zwinger und neuem Schloss bilden sollte. Diese Pläne wurden jedoch aus Kostengründen und dem Bedeutungsverlust barocker Architektur Mitte des 18. Jahrhunderts verworfen. Wie alle hier vorgestellten Bauten, zeugt besonders der Dresdener Zwinger von einer spektakulären Architektur- und Baugeschichte. Erhalten oder nicht, diese Frage stellte sich beim Zwinger nicht nur ein Mal. Gott sei Dank wurden sämtliche Abriss- und Neubaupläne verworfen und schließlich doch eine Fertigstellung anvisiert. Für diese – also die Gemäldegalerie – zeichnete kein Geringerer als Gottfried Semper verantwortlich, der jedoch 1849 aufgrund seiner Teilnahme am Dresdener Maiaufstand aus Dresden fliehen musste. Die abschließenden Arbeiten an der Schließung der Elbseite wurden Karl Moritz Haenel, der mit Semper in stetiger Korrespondenz stand, übertragen, sodass das Projekt „Zwinger“ 1855 endlich einen Abschluss fand.

Pöppelmann, der sich als Barock-Architekt – wie bereits erwähnt – schon beim Bau des Zwingers verdient gemacht hatte, war es auch, der das ehemalige Rittergut Schloss Pillnitz, das sich von Dresden aus 13 Kilometer flussaufwärts direkt an der Elbe befindet, für August den Starken umbaute. Nachdem dieser seiner langjährigen Mätresse Gräfin Cosel den Rücken zukehrte – ihr hatte er das alte Schloss zunächst geschenkt – sollte es zu Repräsentations- und Unterhaltungszwecken für die höfische Gesellschaft standesgemäß umgebaut werden. Schließlich war August der Starke bekannt für seine ausschweifenden barocken Feste. Der Umbau begann 1720 und erstreckte sich über drei Bauphasen, in denen verschiedene Architekten an den Maßnahmen mitwirkten. Hoch in Mode war zu damaliger Zeit jene, die Kunstwelt prägende Chinoiserie: asiatische und orientalische, nach Belieben eingebrachte Einflüsse, die sich vor allem anhand neuer architektonischer Stilelemente zeigten und die herrschaftliche Anlage in Pillnitz noch heute zieren. Neben dem Schlossmuseum Pillnitz, das sich im Neuen Palais befindet, und verschiedenen Tagungsräumen, Festsälen und Ferienwohnungen, beherbergt das Schloss Pillnitz seit 1963/64 zudem das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Wieder flussabwärts, auf Höhe des Jägerhofes, befindet sich das Japanisches Palais, das, ebenso wie das Pillnitzer Schloss, der chinesischen Mode huldigen sollte und auf Pläne von Pöppelmann, Zacharias Longuelune und Jean Bodt zurückgeht. Das Palais gehört zu jenen Bauten, die August der Starke aufkaufte und – vom Canal Grande inspiriert – zu Repräsentationszwecken umbauen ließ. Auch Schloss Pillnitz fällt in diese Kategorie. In den Gemäuern des Palais brachte der Monarch Teile der Kunstkammer sowie seine umfangreiche Sammlung an ostorientalischem Porzellan unter. Seit 1786 dient das Palais ausschließlich musealen Zwecken – seit nun schon 63 Jahren beherbergt das Japanische Palais das Museum für Völkerkunde Dresden.

Zu guter Letzt kehren wir in die Dresdener Altstadt zurück und beenden unsere Exkursion vor dem berühmten Lipsiusbau, der wegen seiner markanten gläsernen Kuppel im Volksmund auch als “Zitronenpresse“ bezeichnet wird. Noch so ein Bauwerk, das nicht aus dem Stadtbild wegzudenken ist und jeden Besucher, der zum ersten Mal die Stadt erblickt, erstaunt innehalten lässt. Ebenso imposant wie sämtliche andere benachbarte Gebäude, wenn nicht sogar mehr, markiert der Bau das imposante Elbufer. Der Lipsiusbau, benannt nach Architekt und Architekturprofessor Constantin Lipsius und von 1887-94 im Stile des Historismus erbaut, befindet sich zwischen Residenz und Albertinum und ist Sitz der hochrenommierten Hochschule für Bildende Künste Dresden (früher: Königliche Kunstakademie). Dieser historische Ort bildet im Kontext der architekturgeschichtlichen Exkursion durchs schöne Dresden den perfekten Abschluss. Auch deshalb, weil sich in einem Teil des Gebäudes heute die Kunsthalle der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden befindet. Vor allem aber wurde an diesem prominenten Fleckchen Erde (Kunst-)Geschichte geschrieben. Und wird es wohl auch in Zukunft.


Fotocredits:

Blick von der Carolabrücke in der Abenddämmerung, Foto © pixybay.com

Residenzschloss Dresden: Der „Fürstenzug“ am Langen Gang, Foto © pixabay.com

Blick in die Bogengalerie der neu gestalteten Porzellansammlung, Foto © Jürgen Lösel, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Porzellansammlung

Franziska Krause-Gurk
04.08.2017

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