feierlich, misterioso: dem lieben gott

anton bruckner und mehr beim osterfestival in bayreuth

feierlich, misterioso: dem lieben gott

Der Karfreitag ist, zumal in der evangelischen Kirche, mit der Matthäus-Passion verbunden, und mit dieser wiederum der Name Bach. Zumeist wird sie heute in der Version Johann Sebastians aufgeführt, doch hat  auch dessen Sohn Carl Philip Emanuel die Leidensgeschichte Jesu Christi vertont. Carl Philip Emanuel Bachs Jubiläumsjahr – er ist am 8. März 1714 in Weimar geboren – nimmt das Osterfestival Bayreuth zum Anlass, beim Auftakt am 18. April in der Christuskirche von 17 Uhr an dessen Matthäus-Passion zu geben. In den Chorälen noch vom Vater geprägt („In der Composition und im Clavierspielen habe ich nie einen anderen Lehrmeister gehabt als meinen Vater“, so Carl Philip Emanuel), geht der Sohn vor allem in den Arien neue, in die Zukunft weisende Wege.

 

Solisten sind die Münchnerin Monika Lichtenegger (Sopran), die in Melbourne geborene, in Mannheim ausgebildete Alexandra Hebart (Alt), Max Ciolek (Tenor; er hat bereits unter Tom Koopman und Philippe Herreweghe gesungen) und der Bariton Florian Rosskopp (Stipendiat des Richard-Wagner-Verbandes). Unter der Leitung des Bayreuther Dekanatskantors Michael Dorn sind außerdem das Bamberger Barockensemble Armonia dell’Arcadia und die Stadtkantorei Bayreuth zu hören. Mit dem Eröffnungskonzert feiert das Osterfestival nicht nur das Jubiläum des bekanntesten Bach-Sohnes, sondern zugleich auch sein eigenes: 2014 findet die Konzertreihe, die neben der Kultur auch den internationalen Austausch und das soziale Engagement pflegt, zum zwanzigsten Male statt. Als Schirmherr konnte erneut der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, gewonnen werden.

 

Das Festkonzert am Karsamstag im Kunstmuseum wird der Pianist und zweifache Echo-Preisträger Hardy Ritter gestalten. 1981 in Rüsselsheim geboren, hat Ritter bei dem Meisterpianisten-Schmidt Karl-Heinz Kämmerling am Salzburger Mozarteum studiert. Wesentliche künstlerische Impulse hat er von Größen wie Maria João Pires, Sylvain Cambreling, Ivo Pogorelich und Krystian Zimerman erfahren. Ritter wird die Joseph Haydn gewidmete Klaviersonate Nr. 3 C-Dur op. 2 von Ludwig van Beethoven spielen. Die restlichen Programmpunkte gelten sämtlich Frédéric Chopin, beispielsweise dem in Paris entstandenen Nocturne Des-Dur op. 27,2 und dem Nocturne cis-Moll op. posthum. Mit den 24 Préludes op. 28, von denen Theodor W. Adorno sagte, sie seien aufgrund ihrer „fragend ins Unendliche deutenden Kurzform“ beachtenswert, ist auch ein absolutes Gipfelwerk Chopins vertreten.

 

Zwei unvollendet gebliebene Klassiker des romantischen Repertoires wird das Symphonieorchester der Internationalen Jungen Orchester-Akademie am Ostersonntagabend in der Ordenskirche St. Georgen zu Gehör bringen. Zum einen ist da Franz Schuberts bekannte zweisätzige Siebte Symphonie in h-Moll, zum anderen die „dem lieben Gott“ gewidmete Neunte von Anton Bruckner. Sie weist in ihrer gewagten Harmonik (vor allem im Scherzo und im langsam-feierlichen Adagio) ins 20. Jahrhundert voraus, zu Mahler und Schönberg, zu Edgar Varèse sogar und zu György Ligeti. Vor dem Konzert lädt Frank Piontek um 19 Uhr zu einer Werkeinführung in die Evangelischen Familienbildungsstätte (St. Georgen 1). Weitere Aufführungen der beiden Unvollendeten schließen sich in Weiden, Selb und Jena an.

 

Am Pult des Symphonieorchesters der Internationalen Jungen Orchester-Akademie steht im Jubiläumsjahr Simon Gaudenz. Der aus Basel stammende Dirigent, Jahrgang 1974, arbeitet regelmäßig mit Solisten wie Arabella Steinbacher, Gidon Kremer und Andreas Ottensamer zusammen sowie mit international renommierten Orchestern wie der Dresdner Staatskapelle, der Zürcher Tonhalle, dem Orchestre National de France und den Bamberger Symphonikern. Mit Letzteren hat Gaudenz im vergangenen Sommer Symphonien des Wiener Komponisten Karl Weigl auf CD eingespielt.  

 

1995 hatte Ulrich Schubert das Osterfestival ins Leben gerufen. Schubert ist Professor für Organische und Makromolekulare Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, obendrein aber ein ausgewiesener Klarinettist, der beispielsweise bei Alfons Kontarsky und bei François Benda (der mit der mit dem Bamberger Instrumentenbauer Jochen Seggelke zusammengearbeitet hat) Kammermusikkurse besuchte. Bereits im Jahr zuvor hatte Schubert gemeinsam mit Andreas Göldel, August Everding und Sir Charles Mackerras die Internationale Junge Orchesterakademie gegründet.

 

Die maßgebliche Vision dieser Kultur- und Sozialstiftung besteht in der Konzeption eines ehrgeizigen, völkerübergreifenden Musikprojektes, bei dem die Kunst in den Dienst eines humanitären Gedankens gestellt wird. Aus Musikern verschiedener Nationen wird mit angesehenen Dozenten – etwa aus den Reihen der Münchner Philharmoniker und des Gewandhausorchesters Leipzig – ein Klangkörper geformt. Auch 2014 arbeitet die Akademie mit dem Auswärtigen Amt und dem Goethe-Institut daran, Studenten aus der Demokratischen Volksrepublik Korea und anderen Krisenregionen an dem Projekt teilnehmen zu lassen. Hier trifft Nachwuchsförderung auf den Wunsch des interkulturellen Austausches. Die Stiftung hat sich auf ihre Fahnen geschrieben, Zeichen setzen zu wollen: Zeichen für eine bessere, friedlichere, kulturvollere und humanere Zukunft.

 

Am Freitagabend nach Ostern nimmt das Festival mit einem Konzert für Orgel und Blechbläser wieder Fahrt auf. Zu hören sind Werke vom Barock bis zur Moderne, von Bach und Händel über Richard Strauss (auch er einer der Jubilare 2014) bis hin zu Sigfrid Karg-Elert, dessen Schaffen in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten Anerkennung fand, hierzulande aber nahezu vergessen ist. Es musiziert das Blechbläserquintett Culma Brass. Ihm zur Seite rückt an der Orgel Christoph Krückl, der als Regionalkantor in Kulmbach und Hof wirkt. An der katholischen Mutterkirche Bayreuths, der Schlosskirche eben, hat sich unter der künstlerischen Leitung von Krückl ein munteres Konzertleben mit Solisten und Ensembles von Rang entwickelt, in deren Zentrum sowohl die sogenannte Alte als auch die zeitgenössisch-zeitgemäße Musik steht.

 

Zum Ausklang des Osterfestivals ist Jazz angesagt. Im AUDItorium (es darf tatsächlich gehorcht werden) von Motor Nützel sind am 26. April die Schweizer Claudio Strüby (Schlagzeug), Fabian Gisler (Bass) und der Pianist Stefan Rusconi zu Gast. RUSCONI mischt Elemente aus Avantgarde, Elektronik, Jazz, Rock und Pop. Vergangenes Jahr gewann das Trio den Echo Jazz in der Kategorie „Liveact des Jahres“. In Bayreuth präsentieren Stefan Rusconi & Co. Auszüge aus ihrem fünften, bislang erfolgreichsten Album, „RUSCONI Revolution“. Das Publikum darf sich auf Lieder und Improvisationen freuen, die an Flügel, Kontrabass und Drum-Set entstehen und für deren Klanggestalt Echoeffekte, Verzerrungen, Kassettenrecorder und präparierte Instrumente à la John Cage nicht ganz unbedeutend sind.

 

Der entspannte Sonntagsbrunch im Nützel’schen VWtorium vereint Kulinarisches mit kurzweiligem Jazz, geboten von einem Trio aus Leipzig: Philip Frischkorn (Klavier), Alma Neumann (Kontrabass) und Eva Klesse (Schlagzeug). Die drei wollen altbekannte Standards auf eine neue, ihnen ureigene Art zum Klingen bringen.

 

Abgerundet wird das Festival durch zwei Matineen im Rokokosaal der Klaviermanufaktur Steingraeber & Söhne. Der 1989 in Moskau geborene Nikita Tonkonogov interpretiert am Karsamstag Franz Schuberts Vier Impromptus op. 90 sowie dessen Lieder „Auf dem Wasser zu singen“, „Der Lindenbaum“ und „Erlkönig“, naturgemäß in der Bearbeitung von Franz Liszt. Das Rezital schließt mit Liszts exorbitant schwieriger, Robert Schumann zugeeigneter Klaviersonate h-Moll, über die der gefürchtete Wiener Kritiker Eduard Hanslick sagte, jedem, der die Sonate gehört habe und sie schön finde, sei nicht mehr zu helfen. Brahms soll, als Liszt ihm sein Opus 1853 vorspielte, eingeschlafen sein. Dergleichen dürfte dem Publikum bei Steingraeber nicht widerfahren, denn niemand anderer als Van Cliburn konzedierte Nikita Tonkonogov, dass er über eine wundervolle Persönlichkeit und eine exzellente Fingerarbeit verfüge und dass ihm darüber hinaus die Kunst zu eigen sei, seine Liebe für großartige Musik den Zuhörern auch zu vermitteln.

 

Eine Woche später finden sich die Namen Schubert und Liszt abermals auf dem Programm, wenn die taiwanesische Mezzosopranistin I Chiao Shih, begleitet von dem Pianisten Clemens Müller, ihre Liedermatinee im Rokokosaal gibt. Außerdem kommen Hugo Wolf und Johannes Brahms zu Gehör. I Chiao Shih hat unter anderem bei dem weltbekannten, aus dem oberpfälzischen Waldsassen gebürtigen Wolfram Rieger Liedinterpretation studiert und Meisterkurse bei Thomas Hampson und Irwin Gage belegt. Aus der Schule von Gage und Rieger stammt auch Clemens Müller. Zwei vielversprechende Begabungen, von denen mit Spannung abzuwarten bleibt, wie weit sie in die Fußstapfen ihrer großen Lehrmeister treten werden. Ihr Bayreuther Debüt sollte man sich nicht entgehen lassen, auch, weil sie ihr Rezital weise zusammengestellt haben. Es beginnt der Jahreszeit gemäß mit „Im Frühling“ (Schubert), es endet mit etwas, von dem man nicht nur im April träumen mag, mit dem Brahms-Lied „Von ewiger Liebe“.

 

Copyright Foto: © Eman Faith

Jürgen Gräßer
08.04.2014

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