jazz oder nie - rhythm is it!

vier dekaden jazzclub bamberg

jazz oder nie - rhythm is it!

 (Doch) Mit den Clowns kamen die Tränen heißt ein Roman von Johannes Mario Simmel aus dem Jahre 1987, und mit den Amis, lässt sich das variieren, kam der Jazz. Das gilt für Frankfurt am Main mit seinem 1952 von dem Trompeter Carlo Bohländer in der Kleinen Bockenheimer Straße gegründeten Jazzkeller, dem „Domicile du Jazz“, Albert Mangelsdorffs zweitem Zuhause, wo sich neben lokalen Helden GIs und Musiker von der anderen Seite des Atlantiks trafen, um gegen einen Whiskey oder einen sonstigen Tropfen zu jammen, während die Zuhörer Gauloises rauchten oder, alternativ, Rothhändle; das gilt für das „Cave 54“ in der Heidelberger Altstadt, wo Oscar Peterson auftrat, Louis Armstrong und Ella Fitzgerald; das gilt für Nürnberg und sein 1954 ins Leben gerufenes „Jazz Studio“, in welchem Max Greger genauso zu hören war wie Chet Baker und Count Basie. Und das gilt für Bamberg.

 

„Freunde des Jazz, bitte melden“ – dieser 1974 im „Fränkischen Tag“ zu lesende Aufruf hatte zur Folge, dass sich am 17. September sage und schreibe hundert Anhänger (zunächst war es lediglich ein Quintett um Randolf John gewesen) dieser so anderen, dieser so lebendigen, dieser einst in düsterer Zeit als entartet abgestempelten Musik in so etwas wie einer konstituierenden Mitgliederversammlung zusammenfanden und die im Januar 1975 umgesetzte Eintragung des „Jazzclub Bamberg e. V.“ ins Vereinsregister beschlossen. Auf keinen Fall wolle man Vereinsmeierei betreiben, ließen die Gründer verlauten. Man wolle „ein Angebot für Bambergs Jugend“ schaffen und statt Gewinne zu erwirtschaften wolle man eine Alternative zum kommerziellen Musikangebot ermöglichen.

 

Doch in der Domstadt lassen sich noch ältere Spuren des Jazz finden. Ihnen geht Oliver van Essenberg, der als Musikkritiker die Geschicke des Clubs seit 1998 begleitet, in seinem im vergangenen Oktober im selekt Verlag herausgekommenen Buch „Jazz Keller Bamberg“ nach. Essenberg, der „eigentlich gar nicht so jazz-affin“ war, aber immerhin, über seine Mutter, „Sonntagsmatineen mit Jazz am Theater“ kannte, wo „all die Leute zwanghaft mit den Fingern schnippten“, spricht von „winzigen, verstreuten Einheiten“ aus denen der Jazz in Bamberg hervorgegangen sei. Diese macht er etwa aus im Keller des früheren Clubs „La Paloma“ in der Oberen Königstraße, wo vor allem Amerikaner zu Gast waren, im „Café Stadelmann“ in der Franz-Ludwig-Straße und in der „Atlantik-Bar“, sodann im „Café Jäger“ (in dem im Frühjahr 1960 ein erster Bamberger Vorläufer-Jazzclub von einer Clique um Martin Marquardt und Otto Herzog initiiert wurde) in der Pödeldorfer, im „Café Leiterlein“ in der Judenstraße und im „Elefantenhaus“ in der Generalsgasse.

 

Die „eigentlich einflussreichen Brutstätten der Jazz-Szene“ habe allerdings kaum jemand wahrgenommen, denn die wenigsten Bürger hatten Zugang zu ihnen. „Glücklich, wer hinein durfte“, schreibt Essenberg in seiner Historie des Bamberger Jazz, und meint damit die Ami-Clubs auf dem Gelände der Warner Barracks. Dort, wo man auch „Torten, Hamburger und dreifarbiges Eis“ genießen durfte, gab der Bamberger Tex Döring 1958 sein Debut zu einer bis heute fortdauernden Laufbahn als Jazz-Pianist.

 

Der Höhepunkt der frühen Jahre war das 7. Deutsche Amateur-Jazz-Festival im April 1961, veranstaltet vom Jazzclub, der im Keller unter der „Wilden Rose“ ein erstes, kurzzeitiges, aber festes Domizil gefunden hatte, das Jazzfreunde wie der Photograph Werner Kohn sowie Elfi und Bertel Müller frequentierten. Diese Klimax markierte zugleich das Aus. Im Nachspann des Festivals musste der Club den Keller, den der Wirt nicht zu sanieren gewillt war, aufgeben, war also ohne Bleibe und 1962 gezwungen, sich aufzulösen.

 

Eine neue Heimat auf Dauer fand der Jazzclub erst anderthalb Jahrzehnte später im Keller der Oberen Sandstraße 18, der nach einer intensiven Renovierung durch engagierte Freiwillige im Oktober 1977 offiziell eröffnet wurde, übrigens im Beisein politischer Würdenträger, darunter der CSU-Bürgermeister Theodor Matthieu, Essenberg zufolge ein „heimlicher Jazz-Sympathisant“. Als der Jazz in der Subkultur der Siebziger und frühen Achtziger wieder auflebte, konnte man im Sandstraßen-Keller immer wieder auch Bamberger Symphonikern lauschen, die zumindest für einige Stunden die Seiten (und, bisweilen, Saiten) wechselten, darunter der Schlagzeuger Klaus Karger. Und natürlich der Geiger Max Kienastl,  Jahrgang 1931, der – „Rhythm is it!“ – behauptet, die rhythmische Präzision eines Jazzmusikers übertreffe in der Regel die der Klassik bei weitem. Heute ist es von der Bayerischen Staatsphilharmonie vor allem der Kontrabassist Christian Hellwich, der im Jazzkeller hin und wieder aufspielt.

 

Lokalen und Nachwuchstalenten kann man bei den von dem Pianisten Harald Hauck organisierten Jazzclub-Jamsessions begegnen, die bei freiem Eintritt an jedem ersten Mittwoch des Monats veranstaltet werden. Zu den regelmäßigen Gästen im Keller zählt die Big Band der Otto-Friedrich-Universität und die Schweinsohr Selection um Uwe Gaasch, die am 17. April zum Frühlingstanz bittet. Dann sind da natürlich Starkonzerte mit Legenden wie dem Schlagzeuger Günter Baby Sommer (am 5. April) oder, seit Jahren und immer wieder, dem Pianisten Alexander von Schlippenbach. Ack van Rooyen (Flügelhorn), Attila Zoller (Gitarre), dem Saxophonist Klaus Doldinger, den Posaunisten Albert Mangelsdorff und Nils Wogram, der Pianistin und Komponistin Aki Takase: Große Namen, die einen kleinen Keller ein ums andere Mal zu einer Kapitale des Jazz werden lassen.

 

Am 10. Mai kommt das Johanna Schneider Quartett in die Sandstraße. Schneider kehrt dorthin zurück, wo für sie, die den Jazzclub Bamberg ihren Heimathafen nennt, alles begann. „Hier lernten sich meine Eltern kennen, hier hatte ich den ersten Wackelzahn und machte auf den monatlichen Sessions meine ersten Gehversuche als Jazzsängerin“, erinnert sich die Folkwang-Studentin. Auch die Wochenenden verbrachte Schneider im Jazzkeller, da sie dort „Gelegenheit hatte, den Profis auf die Finger zu gucken und sie nach dem Konzert auszuquetschen, wie sie dorthin gekommen sind, wo sie jetzt stehen und wie sich so ein Leben als professioneller Musiker eigentlich gestaltet. Ich habe auf diese Weise schon vor meinem Studium die ersten Kontakte geknüpft, die in unserem Beruf so wichtig sind.“ Obwohl sie bereits „auf fast allen Kontinenten dieser Welt auf Bühnen stand, die meistens weitaus größer waren als die des Jazzclubs“, sei sie „auch heute noch froh und dankbar, dort auftreten zu können“, da ihr nirgendwo anders „bereits im Vorfeld soviel Vertrauen und Liebe entgegengebracht“ würden wie hier.

 

Rund vierhundertfünfzig Mitglieder hat der 2006 mit dem Berganza-Preis ausgezeichnete Jazzclub derzeit, darunter auch solche, die selbst nach ihrem Wegzug aus Bamberg dem Verein die Treue halten und ihn unterstützen. Auch sind da Zuwendungen der Stadt und von Sponsoren. Von den Auftritten der Lokalmatadoren wie Döring und Kienastl abgesehen, erwirtschaftet der Club selbst bei ausverkauften Konzerten keinen Gewinn, denn feste Künstlergagen müssen erst einmal bezahlt werden. Dann sind da vor allem Ehrenamtliche, die ihren nicht unerheblichen Teil dazu beitragen, dass die Konzerte in der gemütlichen Atmosphäre des Gewölbekellers zu einem Erlebnis werden, auch über das Gehörte hinaus (Stichwort, beispielsweise, Kulinarik). Übrigens wird auch dem Auge etwas geboten. Noch bis zum 24. Mai sind in der Galerie des Jazzclubs bildkünstlerische Arbeiten der Bambergerin Franziska Götz und des aus der Oberpfalz stammenden Thomas Gleixner zu sehen. An Konzerttagen kann die Ausstellung von 18 Uhr  bis 21 Uhr besucht werden, von Konzertbesuchern natürlich bis zum Ende der Veranstaltung.

 

Zu den treibenden Kräften hinter dem Jubilar stehen, neben der Vorsitzenden Marianne Benz, Leute wie der Programmgestalter Georg Fößel, Kassenwart Manfred Erhard, der pensionierte Lateinlehrer Peter Makowsky, welcher den Newsletter verschickt und die Geschichte des Clubs aus Passion in die Sprache der alten Römer geschmuggelt hat. Makowsky ist es zudem ein wichtiges Anliegen, ein junges Publikum für den Jazz zu gewinnen. Geht es um die Frage, wohin man an den Wochenenden wolle, so weiß der jugendlich-freche Aus- und Aufruf „JAZZ oder nie!“ die Antwort darauf. Für gerade einmal fünfzehn Euro erlaubt eine Schnupperkarte Schülern und Studentinnen den Besuch von vier Konzerten. Vier Konzerte, bei denen Weltstars auf der Bühne stehen mögen, Spitzenmusiker des europäischen Kontinents oder eben lokale Jazzgrößen. Und für einen Fünfer mehr kommt das Nachwuchspublikum in den Genuss einer einjährigen Mitgliedschaft. Dem Verein sind viele Jungmitglieder zu wünschen, auf dass es ihm auch in den kommenden Jahrzehnten noch gut gehe. Und der Jazz in seinen vielen Spielarten zwischen Latin, Modern, Swing und Vocal ein Zuhause behält.

 

Copyright Foto: © Rudi Hein

Jürgen Gräßer
08.04.2014

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