bamberger institution an der otto-friedrich-universität

der schweizer peter stamm übernimmt die poetikprofessur

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Ein Blick auf die Namensliste derer, die seit Eugen Gomringer, der 1986 den Auftakt machte, die Bamberger Poetikprofessur innehatten, lässt keinen Zweifel daran, dass darunter etliche Größen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sind. Da ist beispielsweise Tankred Dorst (1991), der Dramatiker und Wagner-Regisseur, da ist der ubiquitäre Michael Krüger (1998), da sind Adolf Muschg (2003) und Hanns-Josef Ortheil (2007), da sind aber auch die aus Budapest gebürtige Autorin und Übersetzerin Zsuzsanna Gahse (1996), der deutsch-georgische Schriftsteller Giwi Margwelaschwili (1994) und zuletzt der Finalist des Deutschen Buchpreises, Thomas Glavinic (2012), sowie die unter anderem mit dem Joseph-Breitbach- und mit dem Hans-Fallada-Preis ausgezeichnete Jenny Erpenbeck.

 

In diesem Sommersemester wird der Schweizer – er ist in Winterthur zuhause – Peter Stamm die Poetikprofessur an der Otto-Friedrich-Universität übernehmen. Stamm, Jahrgang 1963, ist mit zahlreichen Preisen bedacht worden und hat es mit seinem Gesamtwerk im vergangenen Jahr sogar in die Endauswahl des bedeutendsten britischen Literaturpreises, des mit 60 000 Pfund ausgestatteten Man Booker Prize, geschafft. Wie sein Vater auch, arbeitete Stamm zunächst als Buchhalter. Es folgte ein Studium der Anglistik, Informatik, Psychopathologie und Psychologie, das er allerdings nicht abgeschlossen hat, da er sich von 1990 an als Journalist und freier Schriftsteller zu etablieren versuchte. Seine ersten Bücher wurden vielfach abgelehnt, sein Debütroman „Agnes“ von 1998 aber ist inzwischen Pflichtlektüre an Gymnasien. Zu Stamms Erfolgstiteln zählen außerdem  die Romane „Ungefähre Landschaft“ (2001, im Zürcher Arche Verlag), „Sieben Jahre“ (2009, Frankfurt am Main, S. Fischer) und zuletzt „Nacht ist der Tag“ (2013, S. Fischer). Stamm hat auch eine Handvoll Theaterstücke und mehr als ein Dutzend Hörspiele verfasst.

 

„Die Poetikprofessur ist ein großes Plus der Bamberger Germanistik. Das ist wirklich eine ganz besondere Institution“, sagt Andrea Bartl, die in diesem Semester für die Veranstaltung verantwortlich zeichnet. „Auch“, ergänzt Bartls wissenschaftliche Hilfskraft Kathrin Wimmer, „für Studierende, die sich auf die Verknüpfung von Literaturvermittlung und dem nahen Kontakt zu Autoren freuen dürfen.“ In einem Hauptseminar, das Bartl und Wimmer leiten werden, können sich die Studenten ganz intensiv mit Peter Stamms Texten auseinandersetzen. Stamm selbst wird viermal in das Seminar kommen und über sein Werk diskutieren. Auch Bamberger Gymnasiasten sollen diesmal mit eingebunden werden. Peter Stamm sei eine interessante Figur der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Er könne und wolle poetologisch-intellektuell über sein Tun nachdenken und könne seine Gedanken auch gut an die Studierenden vermitteln.

 

1986 hatte Wulf Segebrecht die Poetikprofessur ins Leben gerufen. Sein Nachfolger am Lehrstuhl für Neue deutsche Literaturwissenschaft, Friedhelm Marx, führte 2005 begleitende Forschungskolloquien ein, bei denen Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker, Übersetzer und Literaturvermittler zusammenkommen. Die Früchte dieses Austauschs (im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia) werden in der von Marx im Göttinger Wallstein Verlag verantworteten Reihe „Poiesis. Standpunkte der Gegenwartsliteratur“ veröffentlicht. Soeben erschienen ist deren zehnter Band "Ziwschen Alptraum und Glück. Thomas Glavinics Vermessung der Gegenwart", welcher neben einem Vorwort von und einem Interview mit Glavinic Analysen der Bamberger Literaturwissenschaftler Stephanie Catani, Iris Hermann, Christoph Houswitschka und anderen versammelt.

 

Copyright Foto: © Gaby Gerster

Jürgen Gräßer
08.04.2014

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