Shakespeare und kein Ende

Leseempfehlungen zum Jubiläum, erster Aufzug

Shakespeare und kein Ende

Große Literatur, solche von Weltrang, wird fortgeschrieben, über Generationen und über ganze Kontinente hinweg. Von keinem literarischen Korpus gilt das wohl mehr als von den über drei Dutzend Dramen, den epischen Ver(s)dichtungen und den einhundertvierundfünfzig Sonetten, welche der am 26. April vor 450 Jahren in Stratford-upon-Avon getaufte, also vermutlich am 23. April 1564 geborene Sohn eines Handschuhmachers hinterlassen hat, über den Goethe schon im Sommer 1813 in einem Beitrag zum „Morgenblatt für gebildete Stände“ stöhnte: „Shakespeare und kein Ende!“

 

Beispiele für diese Anrufungen und Beschwörungen, für das, wie Lyrikerinnen und Dichter – auch heute noch – Zwiesprache mit dem Schwan vom Avon halten, finden sich in der von Tobias Döring edierten und mit einem kundigen, arg lesbaren Nachwort versehenen Jubiläumsanthologie „Wie er uns gefällt. Gedichte an und auf William Shakespeare“, die soeben beim Zürcher Manesse Verlag herausgekommen ist. Damit werden gleich mehrere Jahrestage gefeiert. Zunächst Shakespeares runder Geburtstag und, im Vorgriff, sein 400. Todestag am 23. April 2016; weiters die Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft (deren Vorsitz Döring innehat) im April 1864 in Weimar, nicht zuletzt der siebzigste Verlagsgeburtstag von Manesse, gegründet 1944 in Zürich.

 

Zehn Autoren, darunter der Göttinger Germanist, Bob-Dylan- und Thomas-Mann-Mann (und Lyriker) Heinrich Detering, darunter Friederike Mayröcker, darunter die ehemalige Stipendiatin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia Bamberg, Marion Poschmann, sind der Einladung gefolgt und haben für den Band eigens Shakespeare-Gedichte verfasst oder haben solche, die bislang noch unveröffentlicht geblieben waren, zur Verfügung gestellt. Ein weiterer ehemaliger Concordia-Stipendiat, der Berliner Schriftsteller und Mahler-Kenner Wolfgang Schlüter, ist vertreten als Übersetzer von William Wordsworth.

 

Besonders zahlreich ist die Auswahl an poetischen Ophelia-Bildern. „Zuviel des Wassers hast du, arme Schwester“, ruft ihr, in August Wilhelm von Schlegels Übertragung, Hamlet nach. Ophelias Wasserleiche, längst ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt, ist „Inbegriff der schönen, stummen, reinen und doch gefallenen Weiblichkeit, einer Verbindung von Tod und Begehren“, wie Döring kommentiert. Das Wasser-Kapitel hebt an mit Arthur Rimbauds „Ophélie“ von 1870 (sämtliche Gedichte, ob sie nun aus dem Polnischen, dem Schwedischen, dem Italienischen, dem Japanischen oder eben dem Französischen stammen, werden im Original und in der Übersetzung geboten), bringt García Lorcas Elegie „Ophelias Tod“, vergisst Brecht nicht noch Benn, lässt Ted Hughes mit einstimmen in die Nachrufe, Peter Huchel, Gerhard Rühm, Barbara Köhler, Doris Runge („ophelias blumen“) und Terézia Mora („OPHELIA anstatt wahnsinnig zu werden fängt sie langsam an zu kapieren und hält – wenn auch nur dem leeren Thronsaal – einen MONOLOG“).

 

„Hamlet-Reden“ werden gehalten von Hölderlin, von Grillparzer und Ernst Jandl, von Boris Pasternak und Marina Zwetajewa, von Peter Henisch und, in der Verdeutschung durch den Herausgeber, von Wole Soyinka. Und über den „tod des hamlet“ denkt Rainer Maria Gerhardt nach, der in seiner Freiburger Zeitschrift „FRAGMENTE. blätter für freunde“ schon in den frühen Fünfzigern hierzulande William Carlos Williams und Ezra Pound, Basil Bunting und Aimé Césaire bekannt zu machen suchte und, finanziell am Ende und trotz Zuspruchs, beispielsweise von Hans Magnus Enzensberger, kaum anerkannt (das gilt bis heute), siebenundzwanzigjährig es Ophelia gleichtat und in den Tod ging.

 

Als ganz frühes Exempel des dichterischen Dialogs mit dem holden Schwan vom Avon eröffnet Ben Jonsons „Dem Gedächtnisse des Autors, meines geliebten William Shakespeare, und dessen, was er uns hinterließ“ die Sammlung, das Widmungsgedicht zur ersten Folio-Werkausgabe von 1623 also, aus der Feder des jüngeren Kollegen und Rivalen. Die Anthologie schließt mit einer knappen komischen Coda, in welcher Theodor Fontane „Shakespeares Strumpf“ beschwört („Laut gesungen, hoch gesprungen, / Wenn verschimmelt auch und dumpf, / Sei’s! wir haben ihn errungen, / William Shakespeares wollnen Strumpf.“) und sich Erich Kästner einen Reim auf „Hamlets Geist“ macht. Dass dieser, und der seines wort- und wirkmächtigen Schöpfers, fortlebt bis ins 21. Jahrhundert hinein, davon legt diese handwerklich schön gemachte Jubiläumsausgabe ein vielstimmiges Zeugnis ab. Vier Jahrhunderte sind vertreten und Verseschmiede aus über zwanzig Ländern, die in zehn Sprachen schreiben.

 

Apropos Geist: „Es ist über Shakespeare schon so viel gesagt, daß es scheinen möchte, als wäre nichts mehr zu sagen übrig, und doch ist das die Eigenschaft des Geistes, daß er den Geist ewig anregt.“ Was Goethe da vor zwei Jahrhunderten konstatierte, gilt noch immer. Und immer wieder aufs Neue.

 

Tobias Döring (Hrsg.), Wie er uns gefällt. Gedichte an und auf William Shakespeare. Mehrsprachige Jubiläumsausgabe. Zürich: Manesse, 2014. 336 Seiten. 24,95 Euro.

 

Fotocopyright: Gerald Raab, Staatsbibliothek Bamberg

Jürgen Gräßer
22.04.2014

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