Die Bundeskunsthalle Bonn

Wo Ferdinand Hodler unter donnerndem Getöse, Blitzen und Nebel auf Raubkunst trifft

Die Bundeskunsthalle Bonn

 Vier Jahre ist es her, dass Schlagzeilen wie “Der Hüter des väterlichen Schatzes” internationale Zeitungsstände zierten und der Name Cornelius Gurlitt in aller Munde war. Und auch heute hat die Gurlitt‘sche Kunstsammlung nichts an Faszination eingebüßt. Nach langen Diskussionen nahm das Kunstmuseum Bern schließlich das Erbe an und ist nun im Besitz von rund 1500 Werken: Gemälde, Gouachen, Zeichnungen und Druckgraphiken von namhaftesten Künstlern der Klassischen Moderne und des 20. Jahrhunderts wie Beckmann, Chagall, Kirchner, Liebermann, Macke, Nolde, Picasso, aber auch Arbeiten aus dem 19. bis hin zum 16. Jahrhundert, beispielsweise von Canaletto und Courbet.

So kostbar und einzigartig, atemberaubend und betörend nehmen sich die Artefakte aus, dass sie nicht länger der Öffentlichkeit vorenthalten werden können, viel zu lange schlummerten diese Schätze bereits in Gurlitts Münchener Wohnung. Nun soll das mannigfache Werkkonvolut erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dazu entwarfen zwei renommierte Häuser Ausstellungen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten, die dennoch eng aufeinander abgestimmt sind. So zeigt das Kunstmuseum Bern unter dem Titel “Bestandsaufnahme Gurlitt. ‘Entartete Kunst’ - Beschlagnahmt und Verkauft” von November bis März 220 Werke und legt sein Augenmerk dabei auf “entartete” Kunst und Arbeiten aus dem Kreis der Familie Gurlitt. Die Bundeskunsthalle Bonn hingegen konzentriert sich auf Werke, die NS-verfolgungsbedingt entzogen wurden sowie Arbeiten, deren Herkunft noch nicht geklärt werden konnte, und eröffnet diese sehenswerte Ausstellung am 3. November 2017. Bis zum 11. März 2018 befasst sich die, ähnlich wie in Bern betitelte, Exposition “Bestandsaufnahme Gurlitt. Der NS-Kunstraub und die Folgen” nicht zuletzt mit den Schicksalen verfolgter, zumeist jüdischer Kunstsammler wie auch -händler und stellt diese anhand biographisch angelegter Fallbeispiele in anschaulicher Manier den Viten der Enteigner gegenüber.

Um ein umfassendes Verständnis dieses fatalen Sujets zu garantieren und zu fördern wie auch einen Orientierungsrahmen zu gewähren, bietet eine durchlaufende Zeitleiste mit relevanten historischen Ereignissen unverzichtbare Informationen zum zeitgenössischen Geschehen. Neben aller Historie und den rationalen, erschütternden Fakten überwiegt jedoch klar das Schöngeistige, das sich trotz aller Gräuel der Geschichte in diesen Tagen in der Bundeskunsthalle offenbart: die Kunst. Einen großen Höhepunkt der Gurlitt-Ausstellung stellt dabei unter anderem Claude Monets “Waterloo Bridge” von 1903 dar, welches als Geschenk an Maria Gurlitt durch ihren Ehegatten Cornelius Gurlitt senior in den Besitz der Familie eintrat.

Nebelschwaden ruhen verträumt, ein wenig verspielt, beinahe neckisch über London. Jedoch ohne die städtische Kulisse in ein monotones Grau zu tauchen, wie dies bei Zeitgenossen bisweilen zu beobachten war. Monets Nebel lässt keine Monotonität zu. Sein Nebel enthält Anflüge von rosa, von lila, von stimmungsvollen Nuancen, die ein geheimnisvolles, verklärtes Licht, einen weichen, betörenden Schleier über die Waterloo-Brücke und die darunter gemächlich dahinfließende Themse legen. Monet sagte einst, dass gerade dieser Nebel London erst seine Schönheit verleihe. Damit ist der Künstler nicht der einzige, der sich innerhalb der Bundeskunsthalle Bonn mit Naturphänomenen befasst.

Eine weitere Ausstellung namens “Wetterbericht. Über Wetterkultur und Klimawissenschaft” widmet sich, wie der Titel bereits verrät, ebenfalls dem Nebel sowie dem Einfluss kurzfristiger Wetterereignisse und langfristiger klimatischer Veränderungen auf Natur und Kultur. Mithilfe eines interdisziplinären Ansatzes präsentiert die Kunsthalle vom 7. Oktober 2017 bis zum 4. März 2018 künstlerische, kulturgeschichtliche und naturwissenschaftliche Exponate aus aller Welt. Die künstlerische Seite mannigfaltiger Wetterphänomene vertreten dabei namhafte Maler wie John Constable, William Turner, Goustave Courbet, Otto Modersohn und Germaine Richter. Otto von Guericke, Daniel Fahrenheit und Alfred Wegener hingegen repräsentieren den wissenschaftlichen Aspekt zusammen mit Preziosen wie den ersten wasserdichten Gummischuhen und einem originalen Thermometer von Fahrenheit.

12 Räume voller Kuriositäten zur Geschichte der Meteorologie und aktuellen Aspekten des Klimawandels warten in Bonn auf den Besucher. Einem Tageslauf folgend kann dieser Elemente und Phänomene des Wettersystems in ganzer Bandbreite erleben. Beginnend mit mythisch verklärter Morgendämmerung und Sonnenschein, Luft und Meeresrauschen am Vormittag über den bereits von Monet thematisierten Nebel, graue Wolken, seichten Regen und stürmischen Wind am Nachmittag bis hin zu tosendem Sturm und Gewitter sowie puderweißem Schnee und klirrendem Eis am Abend. Das Staunen über die Schönheit der Wetterphänomene trifft dabei gleichberechtigt auf ihre wissenschaftliche Vermessung und Erklärung.

Wer das Wetter in all seiner Authentizität lieber draußen erlebt, sei an die Ausstellung „Der Persische Garten. Die Erfindung des Paradieses“ verwiesen, die bis zum 15. Oktober 2017 auf dem Museumsplatz präsentiert wird, wo ein Garten vor oder nach dem Museumsbesuch zum Verweilen einlädt.

Der Iran besitzt eine reiche und vielfältige Gartenkultur, stammt hierher doch auch das Sprichwort „Man muss nicht erst sterben, um ins Paradies zu gelangen, solange man einen Garten hat.“ Eine solche Aussage zeugt wahrhaftig von der immensen Wertschätzung, die Gärten im Iran entgegengebracht wird, so gehören dort mehrere Gartenanlagen zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der Bonner Garten bildet keine originalgetreue Nachbildung einer dieser Meisterwerke, sondern vielmehr eine allgemeine Komposition betörend paradiesischer Elemente und verdeutlicht auf diese Weise, dass die in Persien während der Antike entwickelte Gartenkunst bis heute unsere Vorstellung eines idealtypischen Gartens prägt.

Konträr zu dieser Naturthematik nimmt sich eine weitere aktuelle Exposition aus, die bis zum 28. Januar 2018 zu sehen ist. Keine Wolken, keine Nebelschwaden, keine idyllischen Gärten. Vielmehr das eigene Leben. Ausbildungszeit, Auslandsreisen, Wettbewerbsbeteiligung, Skandale und Ausstellungstätigkeiten auf großen Flächen, in klaren Konturen. Doch wer bei den Themen an rein rationale Darbietungen denkt, hat weit gefehlt, handelt es sich bei dieser Schau doch um einen bemerkenswerten Vertreter des Symbolismus wie auch des Jugendstils: Ferdinand Hodler. Ihm widmet die Kunsthalle in der schlicht mit seinem Namen und dem Zusatz „Maler der frühen Moderne“ betitelten Schau seit fast 20 Jahren nun die erste monographische Ausstellung in Deutschland und bringt den Besuchern rund 100 Gemälde sowie über 40 Zeichnungen nahe, die sich mit Etappen und Ereignissen im Leben Hodlers auseinandersetzen, die maßgeblich zu seinem Erfolg beitrugen. Ein Augenmerk liegt dabei auf formalen Besonderheiten der frühen Moderne wie klaren, geschlossenen Formen, einer großflächigen Malweise, parallelen Strukturen und einem unverwechselbaren Rhythmus, die sich durch mannigfache Gattungen von Landschaftsmalerei über Portraits bis hin zu Historienmalerei ziehen. Neben diesen monumentalen Artefakten finden sich überdies Fotografien, die einen umfassenden Einblick in das familiäre Umfeld, das Atelier, die Arbeitsweise und den Freundeskreis eines der prägendsten Künstler des frühen 20. Jahrhunderts bieten.

Neben diesem renommierten Maler würdigt die Bundeskunsthalle vom 10. November 2017 bis zum 28. Januar 2018 auch den künstlerischen Nachwuchs. So befasst sich die fünfte aktuelle Schau mit dem Bundespreis für Kunststudierende und präsentiert Werke des 23. Bundeswettbewerbs, der sich jährlich an Studierende deutscher Kunsthochschulen richtet. Die Ausstellung setzt sich zum Ziel, die Preistragenden auf ihrem Weg in die freiberufliche Tätigkeit voranzubringen.

Ein solches Anliegen geht auch mit dem Selbstverständnis der Bundeskunsthalle einher. Diese verfolgt in der Auswahl ihrer Ausstellungen keinesfalls einen einseitigen Ansatz. Prämisse ist, stets eine globale, vielfältige Perspektive aufzuzeigen und dem interessierten Besucher nicht nur Exponate aus der bildenden Kunst jeglicher Epochen zugänglich zu machen, sondern auch die Bereiche Kultur, Geschichte, Wirtschaft, Wissenschaft sowie Technik abzudecken.

Anders als andere Museen von europäischer Dimension besitzt die Bundeskunsthalle keine eigene Sammlung, kann so jedoch mit wechselnden Ausstellungen auf aktuelle Entwicklungen reagieren, wobei ihre primäre Aufgabe darin liegt, mit ihren Expositionen ein Schaufenster für jenen offenen Kulturbegriff zu sein, der für die Identität der Bundesrepublik Deutschland von zentraler Bedeutung ist.

Dieses Anliegen wird vor allem bei der Betrachtung des Entstehungsdatums der Bundeskunsthalle nachvollziehbar: 1989–1992 wurde sie neben dem städtischen Kunstmuseum Bonn errichtet. Mit Blick auf das geteilte Deutschland sollte sie eine einheitsstiftende Funktion erfüllen, was sich bisweilen in der architektonischen Gestaltung widerspiegelt. So erheben sich vor dem Bau 16 rötlich patinierte Stahlsäulen, die die Bundeskunsthalle zur Friedrich-Ebert-Allee hin flankieren und die 16 Bundesländer der Bundesrepublik symbolisieren. Auf diese Weise wird das Museum weithin seinem Anspruch gerecht, immer wieder an die zu ihrer Entstehung erlangte deutsche Einheit zu erinnern.

Auf 5.600 Quadratmetern Ausstellungsfläche gelingt der Bundeskunsthalle jedoch noch viel mehr als diese bloße Erinnerung aufrecht zu erhalten. Nämlich zu zeigen, dass die alte Hauptstadt ein enormes Kunstverständnis besitzt und stets das richtige Gefühl für aktuelle Tendenzen in Kombination mit historischen Aspekten und mannigfachen, spannenden wissenschaftlichen Themen aufweist.

Von der frühen Moderne über verführerische Gärten, Wetterphänomene bis hin zu geraubten Kunstschätzen und aufstrebenden jungen Künstlern gilt es in den nächsten Monaten eine Menge auf der Bonner Museumsmeile zu entdecken.


Fotocredits:
Ferdinand Hodler, Schafe am Sentier des Seules, 1878, Foto: Privatbesitz © SIK-ISEA, Zürich (Philipp Hitz)
Ausstellungsansicht, Foto: Simon Vogel, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Regina Littig
06.10.2017

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