Berliner Kunstprojekt ANKUNFT fördert Austausch der Kulturen

Bamberger Künstler Werner Assenmacher ist mit einer Rauminstallation beteiligt

Berliner Kunstprojekt ANKUNFT fördert Austausch der Kulturen

Das Übergangswohnheim Marienfelde in Berlin ist seit dem 14. Juni (und noch bis zum 13. Juli 2014) nicht mehr nur Heimstätte für Flüchtlinge aus aller Welt, sondern auch ein Ort der Kunst. Vierzehn Künstlerinnen und Künstler gestalteten unter dem Motto "ANKUNFT" die Räume einer leer stehenden Etage eines Wohnblocks. Die Idee für das ungewöhnliche Projekt hatte der Berliner Galerist Gunter Haedke, der die Künstler und Künstlerinnen einlud, „denn Kunst ist eine Sprache, die über Kulturen hinweg verstanden wird, die Gemeinsamkeiten schafft und zum Austausch anregt“.

 

Einer dieser Künstler ist Werner Assenmacher aus Bamberg. Sein Thema für das Kunstprojekt hatte er schnell gefunden. Weiße Blätter mit dem Wort „Perspektive“ sind in 10 Sprachen an der Türe seines Kunstraumes befestigt, Fäden in den Grundfarben rot, gelb, blau hängen chaotisch über zwei den Raum diagonal trennenden Holzleisten. Will man den Raum betreten, muß man sich durch das Fadengewirr einen Weg bahnen. In diesem wird dem Besucher schnell deutlich, daß Kunst eine Sprache ist, die auch ohne Worte verstanden wird und zum Austausch, zum Nachdenken anregt.

 

Meist werden Kunstwerke an Orten gezeigt, die für Kunst hergerichet sind. Hier geht nun die Kunst zu den Menschen. Sie erfordert Auseinandersetzung und Bereitschaft zum Verständnis. Werner Assenmacher gestaltete seinen Raum mit Arbeiten, die er von Bamberg mit nach Berlin brachte und mit einer Rauminstallation, die vor Ort entstand.

 

Seine farbigen Fadenobjekte strahlen in ihren schwarzen Rahmen eine Ordnung aus, haben ein festes Prinzip der Progression. Durch die „Zerstörung“, ausgedrückt mit den beiden Holzleisten, über die beliebig lange und beliebig viele rote, blaue und gelbe Schnüre hängen, erfährt der Besucher intuitiv, wie es den Menschen ergehen mag, die alle Bindungen verlassen müssen, ihre Heimat, ihre Familie, ihren Beruf, ihre geordnete Welt. Betritt man nun den schmalen Raum, sieht man auf der rechten Wand vier Fadenbilder, die durch eine Drehung der Schnüre eine neue Farbperspektive bekommen, da die im Hintergrund liegende Farbe nach vorne kommt. Dadurch entsteht eine neue Farbzusammensetzung, neue Möglichkeiten der Wahrnehmung. Gleichzeitig geben die schwarzen Holzkästen den Fadenbildern einen Rahmen. Für den Betrachter wird sichtbar was es heißt, neu anzukommen, neue Verbindungen in einer fremden Welt zu knüpfen, eine neue Perspektive zu entwickeln. Drei weitere großformatige Bilder zeigen verschiedene Bewegungen an, deren Farben sich je nach Perspektive verändern. Ein Variationsreichtum von Bewegungsrichtungen und Farbmischungen liegt in diesen Bildern und dennoch bleiben sie voller Ruhe. Die Dynamik der Drehung in den vorausgegangenen vier Bildern hat sich hier in eine stille Ordnung gewandelt. Diese Arbeiten sind aus dem gleichen Material, wie die Fadeninstallation, durch die man den Raum betritt. Mit dem Titel „Perspektive“ gibt der Künstler den Hinweis, daß die Vergangenheit nicht ausgelöscht ist, sondern sich neu fügt und in der Vielfalt von Veränderung auch Hoffnung und Kraft, eben neue Möglichkeiten, neue Perspektive verstanden werden kann. Assenmachers konstruktiv konkrete Arbeiten wollen nicht belehren, sondern besitzen eine inhaltliche Offenheit, die anregt.

 

13 weitere Künstlerkolleginnen und -kollegen aus Deutschland, Österreich zeigen in ihren Arbeiten eine spannende Umsetzung des Themas „Ankunft“ in äußerst unterschiedlichen Ansätzen. So wird in den Arbeiten des Syrers Khaled Daghistany und des Irakers Ahmed Barakizadeh besonders eindringlich die Situation der Menschen, die hier vorübergehend leben, deutlich. Denn beide sind vor Krieg oder Unterdrückung aus iher Heimat geflohen und haben erfahren, was es heißt, in einem Schwebezustand zu leben, nicht zu wissen, wie es weiter geht, ob ihrem Antrag auf Asyl stattgegeben wird oder nicht. Der Maler Khaled Daghistany stammt aus Damaskus und lebt noch in diesem Wartezustand in Marienfelde. Ahmed Barakizadeh ist seit zwei Jahren in Deutschland und hat bereits begonnen, sich eine neue Existenz aufzubauen.

 

 

Mit dieser Ausstellung wird ein wichtiger Austausch zwischen den Menschen und ihren Kulturen in Gang gesetzt, Vorurteile abgebaut und vielleicht ein kleiner Baustein gegenseitigen Verständnisses und Normalität füreinander geschaffen. Mit eindrucksvollen Arbeiten aus den Bereichen der Fotografie, Malerei, Bildhauerei, Zeichnung und Rauminstallation zeigen die Künstler und Künstlerinnen auf Einladung von Haedke ihre Sicht von „Ankunft“. Seit nunmehr 60 Jahren ist das Übergangswohnheim ein Ort der Ankunft. Ein bemerkenswert mutiges Projekt, für das der Gunter Haedke zwei Jahre arbeitete, viele Unterstützer in der Politik wie in der Nachbarschaft fand. „Ankunft ist der Beginn von etwas Neuem, eröffnet Perspektiven , und diesen Blick gilt es zu zeigen“, so lautet das Credo des Galeristen Gunter Haedke, und sein Projekt ist beeindruckend gelungen.

 

Copyright Foto: Dietlinde Schunk-Assenmacher

Dietlinde Schunk-Assenmacher
23.06.2014

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