Schräges Jubiläum und innovatives Programm

Die Thüringer Bachwochen widmen sich heuer dem „weltlichen Bach“ – an dessen 333. Geburtstag

Schräges Jubiläum und innovatives Programm

 So kann man der üblichen Jubiläumsarithmetik mit ihren 25ern, 50ern oder 100ern auch mal etwas zum Schmunzeln abgewinnen: ausgerechnet die Schnapszahl 333 haben die Macher der Thüringer Bachwochen 2018 augenzwinkernd ins Visier genommen, denn vor genau so viel Jahren wurde der Thomaskantor geboren. Mal was anderes… Wenn es allerdings ernst wird, und das ist diesmal zwischen dem 21. März und dem 15. April der Fall, wird natürlich ein inhaltlicher Schwerpunkt fokussiert. Nicht der Kirchenmusiker der Leipziger Zeit steht heuer im Mittelpunkt, sondern der „weltliche Bach“. Freilich muss man der Kirchenjahreszeit ein wenig Tribut zollen, und da diese Ende März im Zeichen der Passion steht, wird zur Eröffnung am 21. März, dem Geburtstag Bachs, die Matthäuspassion geboten. Damit nicht genug des Leidens, steht nach diesem Auftakt in Weimar drei Tage später die Johannespassion in Gothas Margaretenkirche zur Aufführung.

Danach geht es Schlag auf Schlag weiter mit einem dichten Programm, das sich durch alle Gattungen und Besetzungen zieht. So kombiniert das Per Arne Glorvigen Trio die Kunst der Fuge mit Werken Piazzollas, während das Armida Quartett denselben Zyklus mit Fugenkompositionen Mozarts und Beethovens konfrontiert. Dem Wohltemperierten Klavier widmet sich der österreichische Pianist Aaron Pilsan, den Violoncello-Suiten der baskische Künstler Josetxu Obregón, der großen D-Dur-Partita der persische (!) Cembalist Mahan Esfahani. Am Karsamstag gastiert das Freiburger Barockorchester mit den großen Orchesterouvertüren und Brandenburgischen Konzerten, am Ostersonntag das Stuttgarter Kammerorchester mit Bachs Klavierkonzerten und Werken Mendelssohns und Bartóks. Alexandre Tharaud steuert am Ostermontag in einer Matinee die anspruchsvollen Goldberg-Variationen bei, während am Abend wieder der geistliche Bach mit der großen H-Moll-Messe dran ist. Hans-Christoph Rademann leitet in der Arnstädter Bachkirche die Gaechinger Cantorey für dieses opus summum.

Von weit her kommt das Bach Collegium Japan, das am 7. April Hochzeitskantaten aufführt, tags drauf dann weitere Kantaten und das 5. Brandenburgische Konzert. Zwischendurch haben sich bereits die Basler Madrigalisten, die „lautten compagney“ aus Berlin, die Deutsche Hofmusik und das Scroll Ensemble mit sehr vielfältigen Programmen vorgestellt. Die letzte Woche des Festivals beginnt am 9. April mit dem Trio „Fantasticus“ und geht weiter mit einer „elektrobarocken Hommage“ an Bach unter dem Titel „Erobique“, dargeboten von dem Keyboarder, Komponist, DJ und Theatermusiker Carsten Meyer. Bachs schwierigen Englischen Suiten widmet sich Bernhard Klapprott am Cembalo in der Erfurter Michaeliskirche, und in derselben Stadt wechselt man am 12. April in das Bundesarbeitsgericht (!), um sich dem Thema „Bach als Justiz-Subjekt“ zu widmen. Dessen berufliche Karriere war nämlich von dauernden arbeitsrechtlichen Konflikten geprägt. Wie diese aus heutiger Sicht wohl ausgegangen wären, wird Gegenstand dieser originellen Veranstaltung sein, die natürlich nicht ohne Musik Bachs auskommen muss.

Martynas Levickis, der Popstar des Akkordeons, gibt am 13. April (ein Freitag!) Proben seines sensationellen Könnens ab. Der junge Litauer hat sowohl an der altehrwürdigen Royal Academy of Music in London studiert als auch die litauische Version der „Got Talent“-Castingshow haushoch gewonnen. Er ist ein absolutes Ausnahmetalent, dem man gerne folgt, wenn er sich auf die Spuren Bachs begibt. Noch ausgefallener hört sich an, was der Bläservirtuose Balthasar Streiff am selben Tag anbietet: eine Performance für Alphorn, Büchel, Tierhörner und Orgel! Und bevor unsere Leser verzweifelt nach einem Wikipedia-Artikel über das „Büchel“ suchen, sei die Antwort gleich hier geboten: Es ist eine Art Naturtrompete, also ohne Ventile. Als würde das nicht schon reichen, offeriert der 13. April auch noch einen Abend mit Klavierarrangements des amerikanischen Pianisten Chad Lawson, der sich Bach auf eine sehr eigene Art nähert.

Die Thüringer Bachwochen gehen am Wochenende ins Finale mit einem „Konzert mit Kaffeetafel“, das vom Ensemble „Il Gardellino“ angeboten wird und ein wenig an das legendäre Café Zimmermann in Leipzig erinnern soll, wo einst weltliche Kantaten Bachs – wie die berühmte Kaffeekantate – aufgeführt wurden. Am Sonntag, 15. April, ist dann Festivalausklang mit zwei Konzerten: zunächst holt „german hornsound“ in der Mühlhausener Kornmarktkirche klassische Waldhorn-Klänge in den Konzertsaal. Das Abschlusskonzert in Erfurts altem Güterbahnhof (!) präsentieren gleich drei junge Quartette mit Programmen, die von Bach über Mendelssohn und Ravel bis zu Piazzolla reichen. Es ist eine Art neue Generation Bach, die da auf die Bühne kommt und in ungewöhnlichen Besetzungen – Saxophone und Schlagwerk werden die dominierende Rolle spielen – ihre sehr spezielle Sicht auf Bach zeigt. Alles in allem ein sehr innovatives und originelles Programm!

 

Fotocredits:

Thüringer Bachwochen, Foto © Marco Borggreve

Bach Collegium Japan, Foto © Marco Borggreve

Gächinger Cantorey, Hans Christoph Rademann, Foto © Holger Schneider
 

Martin Köhl
01.02.2018

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