Niki de Saint Phalle und das Theater

At Last I Found the Treasure

Niki de Saint Phalle und das Theater

 Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle – kurz Niki genannt – wird 1930 in Neuilly-sur-Seine, nahe Paris, in eine großbürgerliche, streng katholische Familie hineingeboren. Der Vater ist Franzose, die Mutter Amerikanerin. Als Sechsjährige zieht sie mit ihrer Familie nach New York. Im Alter von achtzehn Jahren heiratet sie ihren Jugendfreund, den amerikanischen Schriftsteller Harry Matthews, mit dem sie zwei Kinder hat. 1951 zieht Niki de Saint Phalle nach Paris, wo sie später Jean Tinguely kennenlernen und 1970 heiraten wird. Erste künstlerische Erfolge hat Niki de Saint Phalle mit ihren „Schießbildern“. Das sind Gipsreliefs mit eingearbeiteten Farbbeuteln, die ab 1955 entstehen und auf die sie während der Vernissagen schießt. Ab 1962 widmet sie sich einem neuen Thema, plastischen Objektbildern von Frauenfiguren, in denen sie sich auf ungewöhnliche Weise mit der Frauenrolle auseinandersetzt. Wenig später, ab 1965, entstehen die ersten „Nanas“ – Frauenfiguren mit betont üppigen und runden Formen – die die Künstlerin weltweit berühmt machen. 1966 installiert sie im Stockholmer Moderna Museet eine 29 Meter lange, liegende Skulptur mit dem Namen Hon (Sie), die durch die Vagina betreten werden kann und in deren Inneren sich unter anderem eine Bar und ein Kino befinden. 1979 beginnt sie mit dem Bau des Giardino dei Tarocchi, dem Garten des Tarot und ab 1982 entsteht in Zusammenarbeit mit Jean Tinguely der Strawinski-Brunnen vor dem Centre Pompidou in Paris. In Folge ihrer Arbeit mit Polyester und Kunstharz leidet Niki de Saint Phalle in den 1990er-Jahren an schweren Atemwegserkrankungen und zieht nach San Diego in Kalifornien, wo sie 2002 verstirbt.

1966 wird Niki de Saint Phalle von dem Regisseur Rainer von Diez nach Kassel eingeladen, um Bühnenbild und Kostüme für die Inszenierung der Lysistrata von Aristophanes am Staatstheater zu entwerfen. Sie identifiziert sich mit dem Stück, in welchem sich Frauen aus ganz Griechenland gegen ihre Männer und den Krieg verschwören. Die Künstlerin lernt das Theater auch als Ort der aktiven Beteiligung des Publikums schätzen und beginnt ein eigenes Theaterstück namens ICH zu schreiben, das dann 1968 anlässlich der documenta IV in Kassel uraufgeführt wird. In diesem Stück ergreift eine weibliche Figur namens ICH die Macht über die Menschheit, die von „Monsteranern“ repräsentiert wird. Zunächst bringt ICH als junges Mädchen ihre Eltern um, dann erreicht sie in verschiedenen Disziplinen, unter anderem als Rennfahrerin und Sängerin, Weltruhm. Schließlich heiratet ICH sich selbst und regiert die Welt. Die Inszenierung des humorvollen, erotischen, aber auch grausamen Stücks regt die Fantasie und Kritik des Publikums gleichermaßen an. Mit ihrem Stück ICH gelingt es Niki de Saint Phalle, Kunst und Theater zu vereinen. Das burleske Streben einer jungen rebellischen Frau nach rücksichtsloser Selbstverwirklichung findet viel Zustimmung, wird jedoch im konservativen Publikum weniger geschätzt.

Die Ausstellung „Niki de Saint Phalle und das Theater – At Last I Found the Treasure“ in der Kunstsammlung Jena (zu sehen bis 8. April 2018) würdigt erstmals Niki de Saint Phalles Arbeit für das Theater. Nahezu einhundert Objekte, Modelle, Siebdrucke, Plakate und Dokumente zeugen von der Kraft, mit der die Künstlerin die performative Kunst und das Theater der 1960er-Jahre beeinflusst hat. In der von Beate Kemfert für die Opelvillen Rüsselsheim erarbeiteten Ausstellung werden jene Impulse deutlich, mit denen Niki de Saint Phalle Kunst und Publikum auf neue Art und Weise vereinen kann. Gemeinsam mit den Kunstschaffenden der New Yorker Avantgarde, den Künstlern der Nouveaux-Réalistes in Paris und den Theaterpionieren in Kassel in den 1960er-Jahren verfolgt Niki de Saint Phalle das Ziel, der Kunst neue Möglichkeiten zu eröffnen. Das umfangreiche Ausstellungsprojekt ist in enger Kooperation mit der Niki Charitable Art Foundation in Santee, Kalifornien, USA entstanden.

Ausstellung „Niki de Saint Phalle und das Theater – At Last I Found the Treasure” bis 8. April 2018 in der Kunstsammlung Jena.


Fotocredits:

„I would like to give you everything“, 1970, Foto © Kunstsammlung Jena

Nana Rouge, jambes en l air, ca. 1968, Foto © Kunstsammlung Jena
 


02.02.2018

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