Die gar nicht so biederen Bilderwelten Carl Spitzwegs

Eine Auswahl aus der weltweit größten Sammlung im Museum Georg Schäfer

Die gar nicht so biederen Bilderwelten Carl Spitzwegs

 Gegenwärtig zählt die Sammlung von Werken Carl Spitzwegs im Schweinfurter Museum Georg Schäfer 290 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Collagen. Aus diesem Bestand werden noch bis Ende November 171 Werke präsentiert. Der erste Raum im oberen Stockwerk, das man über eine lange Holztreppe erreicht, zeigt Exponate, auf welchen Spitzweg Gesellschaftskunde betreibt und leise Zeitkritik übt. Da ist, beispielsweise, „Wo ist der Pass?“, entstanden zwischen 1848 und 1850 (Öl auf Eichenholzplatte, 32,8 x 29,7 cm). Ein uniformierter Polizist kontrolliert eine Gruppe fahrender Musikanten, die sich ausweisen sollen. Da die Obrigkeit aber fränkischen Dialekt spricht, statt „P“ ein weiches „B“, mutiert in seinem Munde, und im Ohr des Angesprochenen, das Dokument zum Instrument, sodass der Musiker auf den Kontrabass deutet.

Der Wassermann und Musikfreund Franz Carl Spitzweg kommt 1808 (fünf Jahre vor Richard Wagner, zwei vor Robert Schumann) im nordwestlich der bayerischen Kapitale gelegenen Unterpfaffenhofen zur Welt. 1833 wird zu Spitzwegs Schicksalsjahr. Nachdem er vorzeitig das Gymnasium verlassen musste, da man ihn für untauglich hielt und ihm Zerstreutheit und Gedankenlosigkeit vorwarf, schlägt er auf Wunsch des Vaters eine Apothekerlaufbahn ein und macht sich in Chemie, Pharmazie, Mineralogie, Physik, Toxikologie und Botanik kundig. Nachdem er – der der Schule Verwiesene – an der Münchner Universität das Examen als praktischer Apotheker mit Auszeichnung bestanden hatte und nachdem auf einer Italienreise ein erstes Skizzenbuch entstanden war, erleidet Spitzweg, der leidenschaftlich Zigarren raucht, 1833 eine Darmerkrankung, die ihn zu einem Kuraufenthalt in Bad Sulz zwingt. Es reift in ihm der Entschluss, Maler zu werden, und so kommt das feine Sprichwort zur Geltung, selten ein Schaden (die Krankheit), wo nicht auch ein Nutzen (das Malen) dabei ist.

Jens Christian Jensen, Spitzweg-Experte par excellence und lange in Schweinfurt tätig, schrieb hierzu: „Man weiß nicht recht, was in Carl Spitzweg vorgegangen ist, als er nach einer Krankheit […] beschloss, seinen Beruf an den Nagel zu hängen und Künstler zu werden.“ Rauchen schadet der Gesundheit, das mag sein, aber es kommt, zumindest im Falle Spitzwegs, der Kunst zugute. Denn häufig malt Spitzweg in ganz kleinem Format auf das Holz seiner Zigarrenkisten. Davon sind im Museum Georg Schäfer zahlreiche Beispiele zu sehen.

Spitzweg, man glaubt es kaum, verstand sich im Übrigen auch als Dichter. Kostprobe gefällig? „Willst du ein Weilchen selig sein, / So leg dich auf den Bauch / Dort in die nächste Wiese ‘nein / Inmitt‘ der Blumen hauch!“ Spitzweg zählt also zu den zahlreichen Mehrfachbegabungen, zu den Dichtermalern und Malerdichtern, zu denen etwa Paul Klee gehört, Jean Cocteau und der Schweizer Beat Brechbühl. In der Ausstellung werden Spitzwegs mehr humor- als kunstvolle Verse immer wieder zitiert. Die Liebe zum Schrei-ben, zur Schrift und zu Geschriebenem hat auch in seine Bilderwelten Einzug gehalten.

Eines von Spitzwegs bekanntesten Gemälden, in Öl auf grober Leinwand, ist „Der Bücherwurm“, um 1850 herum entstanden. Der Titel dieses mit viel Liebe zum Detail gemalten Bildes ist sprichwörtlich geworden. Es zeigt einen auf der Leiter stehenden, vielleicht leicht weltfremden Gelehrten, der angespannt und wissbegierig in einem Buch zur Metaphysik liest. Oder ist es doch, wie Jensen in seinem Katalogkommentar vermutet, ein selbstgenügsamer, totaler Ignorant, der sein persönliches Glück gefunden hat und darum den Betrachter zum Lächeln provoziert?“

Neben dem „Armen Poeten“, der sich in der Münchner Sammlung der Neuen Pinakothek befindet und dem „Bücherwurm“ ist „Der abgefangene Liebesbrief“ das wohl populärste Werk Spitzwegs. Ein fescher Student in bunten Farben lässt an einem Bindfaden sein rot versiegeltes Werbebrieflein um die Gunst seines angebeteten Mädchens, das in die Handarbeit vertieft ist, zum offenen Fenster herab. Zu dumm, dass der Brief von der frommen Tante oder Gouvernante entdeckt wird. Wie das Ölbild deutlich macht, ist es mit der heimlichen Liebe und Verehrung nicht leicht, damals wie heute.

In Schweinfurt stößt man auch auf die ein oder andere Überraschung. Beispielsweise auf das Kochbuch für Line, auf „Rezepte und Anweisungen für die gutbürgerliche Küche“. Es sind Illustrationen zu Köstlichkeiten wie einer „Marmelade von Erdbeeren“, „Löffel-Bisquit“, „Roth-Wild“, „Suhr-Fleisch“, „Kraftbrühe“ und „Dem Herrn Doctor Trautner seine Leib-Speise“. Bon appetit!

Die Ausstellung ist Jens Christian Jensen gewidmet, der im April letzten Jahres kurz vor seinem fünfundachtzigsten Geburtstag verstorben ist. Von 1972 bis 2005 war der Kunsthistoriker und Spitzwegfachmann wissenschaftlicher Berater der Sammlung Georg Schäfer; von 1997 an gehörte er dessen Kuratorium an. Der in Lübeck geborene Jensen war ein ausgewiesener Museumsmann, dessen Urteil immer prägnant, stichhaltig und von lebenskluger Weitsicht getragen war. Er hatte über mehrere Jahrzehnte hinweg die Schweinfurter Spitzweg-Sammlung aufgearbeitet, kommentiert und in einem wunderbaren Bestandskatalog zusammengeführt, der zur aktuellen Ausstellung in einer zweiten, um eine Konkordanz erweiterte Auflage herausgekommen ist.

Copyright Foto: © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Jürgen Gräßer
23.06.2014

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