Klassikstars beim 29. Kissinger Sommer

David Garrett gibt Vivaldi, Grigory Sokolov Chopin

Klassikstars beim 29. Kissinger Sommer

Sommer für Sommer kommen seit 1986 von Mitte Juni bis Mitte Juli Dirigenten, Solistinnen, Kammermusikensembles und Klangkörper von Weltrang an der Fränkischen Saale in Bad Kissingen zusammen. Eröffnet wird der Kissinger Sommer in seiner 29. Auflage am 13. Juni im Max-Littmann-Saal des Regentenbaus von der Nationalphilharmonie Warschau unter der Leitung von Jacek Kaspszyk mit Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll. Als Solist ist Igor Levit zu erleben. Der 1987 im russischen Gorki Geborene soll bereits im Alter von vier Jahren mit dem Orchester seiner Heimatstadt aufgetreten sein. Er stammt aus Karl-Heinz Kämmerlings Hannoveraner Wunderpianistenschmiede und wird von führenden Kritikern schon jetzt als einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts gehandelt.

 

Levit, der vor vier Jahren in Bad Kissingen mit dem Luitpoldpreis für junge Künstler ausgezeichnet worden ist, ist heuer Residenzartist des Kissinger Sommers. In seiner Klaviermatinee am 28. Juni im Rossini-Saal nimmt sich der Jungstar der drei späten Sonaten Beethovens an, op. 109 bis op. 111. Ein drittes Mal präsentiert sich Levit mit dem zweiten Residenzkünstler des Festivals, dem Geiger Ning Feng. Im Kloster Maria Bildhausen bei Münnerstadt spielen die beiden Virtuosen am 15. Juni Werke von Mozart, Schostakowitsch und César Franck. Ning Feng, der in Berlin zuhause ist, gilt als Chinas Antwort auf David Garrett.

 

Der nun wird am 29. Juni in einer Soiree gemeinsam mit der Tschechischen Philharmonie unter Jirí Belohlávek Vivaldis Vier Jahreszeiten interpretieren. Der Konzertabend mit Garrett ist allerdings längst ausverkauft. So bleibt nur, sich auf die Warteliste setzen zu lassen und dadurch womöglich doch noch an eine Karte zu kommen. Wer auf hinreißende Violinklänge nicht verzichten mag, dem sei zum Nachmittagskonzert am 21. Juni im Kloster Maria Bildhausen geraten. Die so bezaubernde wie phänomenal begabte Vilde Frang wird unter anderem Eugène Ysaÿes Fünfte Solosonate zu Gehör bringen. Frang zur Seite steht ihre norwegische Landsmännin Tine Thing Helseth. Die Trompeterin versteht sich auf Standardwerke wie die Hindemith-Sonate genauso wie auf die Tangos Astor Piazzollas. Begleitet werden die beiden Norwegerinnen von dem usbekischen Pianisten Michail Lifits, der wie Igor Levit aus Kämmerlings Hannoveraner Klasse kommt.

 

Zu den großen Geigern unserer Tage zählt zudem der Grieche Leonidas Kavakos, der am 18. Juni das Violinkonzert Nr. 2 von Karol Szymanowki geben wird. Am Pult der Wiener Symphoniker steht Vladimir Jurowski. Außerdem wird Kavakos in Ravels Tzigane-Rhapsodie zu hören sein. Der Konzertabend klingt aus mit Beethovens „Eroica“, allerdings in der Bearbeitung von Gustav Mahler. Solist in Mozarts G-Dur-Violinkonzert ist am 27. Juni der mit vielen Preisen bedachte Berliner Geiger Iskandar Widjaja. Mozarts „Figaro“-Ouvertüre eröffnet den Abend, an dessen Ende Beethovens „Pastorale“ steht. Christoph Eschenbach leitet die Münchner Philharmoniker.

 

Von 2003 bis 2008 war Eschenbach Chefdirigent des Philadelphia Orchestra. Dessen derzeitiger Musikdirektor hört auf den Namen Yannick Nézet-Séguin, wird, neben ein, zwei anderen, als Nachfolger von Simon Rattle bei den Berlinern vermutet und am 20. Juni mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Regentenbau zu Gast sein. Neben Smetanas „Moldau“ und Robert Schumanns „Rheinischer“ steht Ravels Klavierkonzert auf dem Programm. Am Flügel wird Hélène Grimaud sitzen.

 

Zu einem Höhepunkt des 29. Kissinger Sommers dürfte der Klavierabend mit Grigory Sokolov am 24. Juni im Max-Littmann-Saal (der übrigens aufgrund seiner Akustik den Beifall zahlreicher Interpreten findet) werden. Sokolov, der früh vom großen Emil Gilels gefördert wurde, wird Frédéric Chopins dritte (und finale) Klaviersonate h-moll op. 58 geben. Mehr steht, wie das bei den Rezitals des bescheiden-zurückhaltenden Pianisten Usus ist, noch nicht fest und wird sich erst weisen. Gewiss aber dürfte zweierlei sein: Dass Sokolov, der „offenbar Schmetterlinge statt Hände hat, so leichtschönschmerzlich-schillernd ist sein Spiel“, wie Fritz J. Raddatz am 11. Mai 2010 im Tagebuch festhält, auch einen Komponisten abseits des rauf- und runtergespielten Repertoires berücksichtigen wird, und dass es mit drei, vier Zugaben nicht getan sein wird. Bei Sokolov, der seit anderthalb Jahrzehnten regelmäßig in Bad Kissingen konzertiert, kann man schon mal das Doppelte dessen veranschlagen.

 

Zu den Dependancen des Kissinger Sommers gehört der Kursaal in Bad Brückenau. „With Shakespeare in Love“ ist der Abend betitelt, zu welchem Senta Berger und die Lautten Compagney Berlin am 14. Juni einladen. Zwar verbeugt man sich auch vor Lola Montez und Ludwig I., doch huldigt man vor allem dem Schwan vom Avon, dessen 450. Geburtstag es im April zu feiern galt. Berger wird eine Auswahl aus Shakespeares Sonetten rezitieren, die Lautten Compagney Werke von William Byrd, von John Dowland und Henry Purcell darbieten. Shakespeares Sonetten eignet schon durch Klang und Rhythmus ein musikalischer Reiz. Musik aber wird auch thematisiert, etwa im 128. Sonett. Das lyrische Ich wendet sich im Schlusscouplet so an seine das Virginal spielende „dark lady“, seine Herzliebste: „Wenn kecke Tasten denn so schwelgen müssen, / Laß sie die Hand, laß mich die Lippen küssen“ (in der Übertragung durch Johann Gottlob Regis, anno 1836).

 

Copyright Fotos: © Romana Kochanowski, Bo Mu, Robert Schultze Mat Hennek, Eric Brissaud und Felix Broede

Jürgen Gräßer
23.06.2014

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