Rückerts ist der Orient, Rückerts ist der Okzident

Ein Dichter und Orientalist in seiner fränkischen Heimat

Rückerts ist der Orient, Rückerts ist der Okzident

 Neben E. T. A. Hoffmann und Jean Paul ist es unter den bedeutenden Autoren vergangener Jahrhunderte vor allem Friedrich Rückert, der eng mit Franken verbunden ist, der jüngste dieses romantischen Terzetts. Der im Heinrich Heine zufolge „wunderschönen Monat Mai“ 1788 in Schweinfurt geborene, nach einem fruchtbaren Leben als Dichter und Übersetzer 1866 in Neuses bei Coburg an Darmkrebs verstorbene Rückert ist, ungeachtet seiner Bedeutung und der Vielzahl seiner Gedichte (insgesamt sind es weit mehr als 10 000), heute nicht wirklich mehr präsent.

Mit am bekanntesten sind noch seine „Kindertodtenlieder“, in welchen er den Schmerz über den Tod seiner beiden Kinder Luise und Ernst verarbeitete. Alle sechs Rückert-Kinder waren im November 1833 an Scharlach erkrankt. An Silvester erlag die dreijährige Luise der gefürchteten Infektionskrankheit, zwölf Tage nach seinem vierten Geburtstag folgt Ernst der Schwester nach. Der nicht ganz ein halbes Tausend Gedichte umfassende Zyklus sollte erst postum 1872 – fast vier Jahrzehnte nach ihrem Entstehen – veröffentlicht werden. Präsent ist diese „größte Totenklage der Weltliteratur“ (wie es bei Hans Wollschläger heißt) bis heute durch die Vertonung Gustav Mahlers.

Rückert war der Spross einer fränkischen Juristenfamilie (seine Eltern sind in Schweinfurt begraben). Auf den Besuch des Gymnasiums Gustavianum in seiner Geburtsstadt, das er mit ausgezeichneten Noten verlässt, folgte zunächst in Würzburg, später in Heidelberg und zuletzt wieder in Würzburg, das Studium der Jurisprudenz, das er aber alsbald zugunsten der Philologie – genauer: „Griechische Mythologie“, „Naturphilosophie“ und „Metrik“ – an den Nagel hing. Im Februar 1811 erlangte er in Jena die Promotion. In seiner einigermaßen sensationellen Disputation beleuchtete Rückert die orientalischen Nährböden des Geisteslebens der Griechen.

Nach einer Romreise ging Rückert nach Wien und widmete sich dem Studium der orientalischen Sprachen, mit so großem Erfolg, dass er von 1826 bis 1841 die Professur für Orientalistik in Erlangen innehatte. Das Interesse an und Talent für fremde Sprachen spiegelt sich auch in seiner Lyrik, die bisweilen orientalische Formen nachbildet und sich an klassischen Versmaßen orientiert.

Wer auf Rückerts Spuren und Versfüßen durch Franken gehen mag, kann dies auf dem Friedrich-Rückert-Wanderweg tun. Über eine Strecke von nicht ganz 150 Kilometern führt er von Schweinfurt über Oberlauringen, wo Rückert seine Jugend verbrachte, den Landschaftspark Bettenburg (das Schloss war einmal das geistige Weimar der Haßberge, Jean Paul weilte dort, Gustav Schwab, der Shakespeare-Übersetzer Johann Heinrich Voß der Jüngere, der Komponist Ludwig Spohr und, naturgemäß, Rückert), über Rentweinsdorf, wo die Amtmannstochter Agnes Müller zuhause war, in die sich Rückert leidenschaftlich verliebte. Dreieinhalb Dutzend Gedichte hat er ihr gewidmet. Weiter geht es über Ebern, an dessen ehemaligen fürstbischöflischen Amtshaus, es ist das heutige Finanzamt, eine Tafel an den Dichter erinnert, über Schloss Eyrichshof und die Burgruine Rotenhan, Sesslach und Ahorn nach Coburg, dem Rückert folgende Zeilen widmete: „Ich preise laut die Stadt, / die nicht zwar mich geboren / Und doch zum Bürger hat in Ehren / mich erkoren“.

Der Wanderweg endet am Goldberghäuschen bei Neuses. Es gilt als „Lieblingsstätte“ von Rückerts „Ruhen und dichterischem Sinnen“. In der Abgeschiedenheit des Goldberggartens hat Rückert immer wieder zur Ruhe und zu neuer Schaffenskraft gefunden. Der Welt abhandengekommen ist er am letzten Januartag 1866 (Mahler, der in seinen Rückert-Liedern auch „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ vertonte, war damals sechs Jahre alt) im für die damalige Zeit recht hohen, palindromischen Alter von 77 Jahren.

Abschließend sei noch gesagt, dass die erste Titelzeile dieses kleinen Essays auf die gleichnamige CD anspielt, welche 2005 bei Cavalli Records herausgekommen ist und auf der Hans Wollschläger ein Jahrtausend persischer und arabischer Dichtung in Übersetzungen von Friedrich Rückert liest. Das Bamberger Label wurde 1990 von dem völlig überraschend und viel zu früh im September 2007 verstorbenen Cembalisten Egino Klepper gegründet. Begreift man seinen Nachnamen als Plural und taucht ihn ins Lateinische, ergibt sich: Cavalli.

 

Bildquelle: Rückert-Gesellschaft e. V.

Jürgen Gräßer
24.06.2014

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