Starke Frauen und mehr

Stilistische Vielfalt beim Würzburger Hafensommer

Starke Frauen und mehr

 Auch 2014 verspricht der Hafensommer Würzburg – er dauert vom 25. Juli bis zum 10. August – zu einem Dreh- und Angelpunkt diverser kultureller Strömungen und aktueller Bewegungen zu werden. Es ist vor allem die bunte, international gefärbte Vielfalt, das Sprengen von Genre- und Stilgrenzen, das dieses Festival so einzig macht. In inzwischen sieben Jahren waren bislang nahezu tausend Künstler aus vierzig Nationen und allen fünf Kontinenten im Alten Hafen zu Gast und erlaubten ein ums andere Mal eine spektakuläre Reise um die musikalischen Welten.

Weil die alte Kaimauer noch immer saniert wird, zieht man abermals auf die Mainwiesen zwischen dem Alten Hafen und dem Großparkplatz Talavera. Sie sind nur einen Katzensprung vom angestammten Veranstaltungsgelände entfernt. Der Standort vermag mit dem Blick auf den Kulturspeicher, auf den Kran des Alten Hafens, auf die Festung Marienberg und direkt auf den Main zu punkten.

Einen gewichtigen Akzent werden in diesem Sommer starke Frauen setzen. So kommt am 29. Juli beispielsweise Suzanne Vega nach Würzburg. Die Königin unter den Singer-Songwriterinnen, gebürtig aus dem kalifornischen Santa Monica, hat im Februar nach einer siebenjährigen Auszeit ein neues Album herausgebracht und ist damit in Hamburg auf Welttournee gestartet. Die mystisch anmutenden „Tales from the Realm of the Queen of Pentacles“ (die ein ganz klein wenig auch an Edgar Allan Poe und das, was Alan Parsons Project 1976 aus dessen Kurzgeschichten gemacht haben, denken lassen) versammeln zehn neue Songs. Vega hat sie mit Weggefährten solch illustrer Musiker wie Peter Gabriel, Bob Dylan und David Bowie erarbeitet und wird sie, neben ihren Klassikern, in Würzburg präsentieren.

Am letzten Julitag ist, von 21.30 Uhr an, die aus Kopenhagen stammende Agnes Obel zu erleben. Erst 2010 debütierte sie mit dem Album „Philharmonics“, das sich alleine in Europa fast eine halbe Million Mal verkaufte. Obels eigensinnige, kammermusikalische Popmusik geht ins Minimalistische. Ihre zarten, ihre innigen, ihre fragilen (Sting, 1987, zu finden auf „Nothing like the Sun“, zugleich also eine Einladung, wieder einmal Shakespeare zu lesen) Lieder mit hochpoetischen Texten orientieren sich an der Kanadierin Joni Mitchell, Jahrgang 1943, und, man glaubt es kaum, an dem Franzosen Claude Debussy (1862 bis 1918; „La Mer“, „Syrinx“ für Flöte solo, und solche Sachen).

Am Abend zuvor tritt Judith Holofernes auf. Man kennt die Berlinerin vor allem als Sängerin und Gitarristin der Gruppe „Wir sind Helden“ (eine Referenz an David Bowies „Heroes“, aber auch eine Allusion an Thomas Brussigs Schelmenroman um den Mauerfall, „Helden wie wir“ aus dem Jahre 1995). Freilich macht Holofernes auch solo eine gute Figur. „Ein leichtes Schwert“ heißt ihr im Februar herausgekommenes Album. Charmant ist das, locker, und zeugt auch von einer ungeheuerlichen Kreativität. Eine ihrer Freundinnen sagt, diese Musik sei „unerzogen und ungekämmt“ und habe „im besten Fall eine kleine Meise“. Aber auch Meisen, wie man weiß, singen schön.

Am gleichen Abend wie Holofernes präsentiert sich beim Hafensommer Mélissa Laveaux. Die Singer-Songwriterin ist 1985 geboren und hat Vorfahren aus Haiti. Mit ihrer so frischen wie leidenschaftlichen Stimme und zeitgemäßen Rhythmen bringt sie Popmusik auf die Bühne, wie man sie heutzutage hören will. Die Texte dazu bringt sie in drei Sprachen: Englisch, Französisch, Kreolisch. Ihr jüngstes Album nennt sich „Dying is a Wild Night“. Dass sie im Titel die psychisch labile, lebenslang von Depressionen heimgesuchte Emily Dickinson, die größte amerikanische Lyrikerin des vorvergangenen Jahrhunderts, zitiert, ist kein Schaden.

Mit Gabby Young & Other Animals eröffnet der Hafensommer den August. Von der britischen Sängerin und Gitarristin heißt es, sie sei eine auf dem Vulkan tanzende Prinzessin. Nach 2012 ist Young nun ein zweites Mal zu Gast auf der Hafenbühne. „Circus Swing“ nennt Young ihr gemeinsam mit ihrer furios aufspielenden Band geschaffenes Gesamtkunstwerk. Mal klingt das nach Chanson, dann scheint eine Prise Big-Band-Jazz durch, dann grüßen Spaghetti-Western und Musik vom Balkan, und wenn sich die Violine mit Tuba und Trompete ein Duell liefert, glaubt man sich in einem surrealen Never-Ever-Land.

Zu weiteren Höhepunkten des gewiss hitzigen Hafensommers versprechen die Konzerte mit Helge Schneider (9. August), Jan Josef Liefers & Oblivion (26. Juli), mit dem türkischen Taksim Trio am 28. Juli, mit der brasilianisch-niederländischen Formation Lenine & Martin Fondse Orchestra am 27. Juli und mit dem italienischen Komponisten, Akkordeonspieler und Pianisten Maurizio Minardi zu werden, der in London zuhause ist und als Support von Suzanne Vega am 29. Juli zu hören sein wird.

 

Copyright Foto: © Hafensommer Würzburg

Jürgen Gräßer
24.06.2014

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