Dauerhafte Direktorin der Villa Concordia

Nora Gomringers Arbeit gewürdigt

Dauerhafte Direktorin der Villa Concordia

 Nein, für Nora Gomringer, inzwischen eine Frau von nahezu Mitte Dreißig, dürfte der April keinesfalls der „grausamste“ (Ernst Robert Curtius), noch der „ärgste“ (Eva Hesse), und schon gar nicht „der übelste Monat von allen“ (Norbert Hummelt) sein, denn im April 2010 trat sie die Stelle als Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia zu Bamberg an. Das Zitat aber – es eröffnet T.S. Eliots Jahrhundertgedicht „The Waste Land“ („April is the cruellest month“) – erkennt die studierte Anglistin sicherlich sofort. Jüngst ist Gomringer und der von ihr vorzüglich geleisteten Arbeit große Anerkennung widerfahren: Kunstminister Ludwig Spaenle übertrug ihr Mitte Juni mit der Vertragsunterzeichnung die unbefristete Leitung der Villa Concordia auch über den März des kommenden Jahres hinaus.

 

Gomringer sorge an der Regnitz für eine „junge, eigenständige Handschrift“, so Spaenle.  „Nora-Eugenie Gomringer ist es in den vergangenen vier Jahren gelungen, dem Internationalen Künstlerhaus als Kultureinrichtung eine junge, eigenständige Handschrift mit einem anspruchsvollen Veranstaltungsprogramm zu geben“, erklärte der Minister. Sie sei als erfolgreiche Künstlerin, also überwiegend als Lyrikerin und als fulminante Rezitatorin eigener und auch fremder Texte, international vernetzt und zugleich in Bamberg und Franken zuhause.

 

Schon ehe sie die Leitung des Künstlerhauses in die bei ihren Einführungen und Vorträgen oft auch sprechenden Hände nahm, hatte sich Gromringer als freischaffende Autorin und Veranstalterin – beispielsweise von Poetry-Slams – einen Namen gemacht. Ihre Gedichte trugen ihr neben dem Lob von herausragenden Kritikern wie Heinrich Detering eine beständig wachsende Fülle an Auszeichnungen ein, darunter der Kulturpreis der Oberfrankenstiftung (2009), die Liliencron-Poetikdozentur an der Universität Kiel (2011), im Folgejahr den Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik der Stadt Cuxhaven sowie die P.E.N.-Mitgliedschaft. 2013 wurde ihr auf Einladung des Kantons Thurgau die künstlerische Leitung der Lyriktage Frauenfeld übertragen, war der Poesiewettbewerb „Wortsegel“ im saarländischen Tholey – Gomringer ist gebürtige Saarländerin – ihrem Schaffen gewidmet, kam es in Basel zur Premiere ihrer ersten abendfüllenden Libretto-Arbeit, „Drei fliegende Minuten“ geheißen. Vor wenigen Wochen erst wurde Gomringer mit dem Otto-und-Hildegard-Grau-Preis der Stadt Erlangen bedacht, den kommenden September wird sie als Stadtschreiberin in Helsinki verbringen.

 

„Neben der erfolgreichen Leitung des Künstlerhauses als Kultureinrichtung ist Nora-Eugenie Gomringer den Künstlerinnen und Künstlern, die als Stipendiaten zu Gast in der Villa Concordia sind, eine hervorragende Ansprechpartnerin“, führte Spaenle aus. „Daher freue ich mich sehr, dass es gelungen ist, Frau Gomringer als Leiterin der Villa Concordia zu halten.“ Mit seiner Freude war der Minister nicht allein. Aus allen Himmelsrichtungen erreichten die nun dauerhafte Direktorin persönlich dargebrachte oder in den sozialen Medien ausgesprochene Glückwünsche. Denen wir uns sehr gern anschließen wollen.

 

In das Internationale Künstlerhaus werden jedes Jahr insgesamt bis zu zwölf Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und aus jeweils einem anderen Land als Stipendiaten des Freistaats eingeladen. Ziel ist es, die Pflege der Künste und die Vertiefung der kulturellen Beziehungen des Freistaates Bayern zu anderen Ländern zu fördern. Die Stipendiaten aus den Sparten bildende Kunst, Musik und Literatur können von Mitte April bis Mitte März des Folgejahres die Wohn- und Arbeitsräume der Villa Concordia unentgeltlich nutzen und erhalten darüber hinaus ein monatliches Barstipendium in Höhe von 1500 Euro. Sie nehmen mit ihren Arbeiten an öffentlichen Veranstaltungen des Internationalen Künstlerhauses teil und tragen so nicht wenig zur Bereicherung des kulturellen Lebens der Stadt Bamberg und der Region bei, auch an Schulen und in der Justizvollzugsanstalt Ebrach.

 

Dass die Künstlerhausdirektorin sich im Übrigen mit dem Schreiber dieser Zeilen den Geburtsort teilt, ist dem Zufall geschuldet. Und während eines Essens bei den Portugiesen in Gaustadt, wo es eben um die nahenden Stipendiaten aus Portugal ging (es war der erste von ihr verantwortete Jahrgang, 2010/2011), sagte Gomringer, ihre Mutter sei lediglich zur Entbindung in Neunkirchen / Saar gewesen. Das immerhin reicht uns, um den aus dem Saarland gebürtigen Dichterkreis – der sich, nimmt man die Großen, also den barocken Theobald Hock und die beiden nun in den Achtzigern stehenden Johannes Kühn und Ludwig Harig, arg viril gibt – cum grano salis hier um eine weibliche Stimme zu erweitern. Gomringers Stimme jedenfalls ist eine, die gehört wird. In Bamberg und weit über die Regnitz hinaus. Auf Dauer, so wie es scheint.

 

Ein Hinweis noch in eigener Sache: In der August/September-Ausgabe von ART.5/III wird ein ausführliches Interview mit der Künstlerhausdirektorin zu lesen sein. Dass der Erscheinungstermin auf den 1. August fällt, an welchem die Schweizer Eidgenossenschaft ihren Bundesfeiertag begeht, dürfte Gomringer, die aufgrund der (ehemaligen) Heimat ihres Vaters sowohl die deutsche als auch die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzt, nicht wenig freuen. Und dass auf dieses Datum auch der Geburtstag des Wiener Lyrikers Ernst Jandl fällt, der gleich ihrem Vater die Poesie, jedenfalls oft, ins Konkrete gekleidet hat, sollte Gomringer als Dichterin, die sie ja neben der Direktorin nach wie vor ist, ansprechen.

 

Copyright Fotos: © Jürgen Bauer und Gabriele Witter, Poetry on the Road, Bremen 2013

Jürgen Gräßer
24.06.2014

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