Zwischen „nacktem Wahnsinn“ und „magischen Momenten“

Die Spielzeit 2014/15 in fränkischen Theatern – Eine Um- und Vorschau

Zwischen „nacktem Wahnsinn“ und „magischen Momenten“

Ach ja, das Theater: es „läuft vor sich davon und treibt sich dort herum, wo es nicht hingehört“. So lautete kürzlich der Befund eines FAZ-Kritikerpapstes, garniert noch mit der Prognose, das Theater schaffe sich dergestalt ab. Die Exempel der Umschau des Kollegen reichten von Oldenburg bis Graz und unterzogen diverse Spielplanankündigungen einer rigorosen Anamnese des Zeitgeistes. Fazit: das Theater betrügt die Zuschauer um die Fernreisen ins Unbekannte, Erhabene und Poetische, bewirft es statt dessen mit „Alltagsdurchgeknalltheiten“.

 

Ob es wohl Ähnliches festzustellen gilt, wenn wir uns in einem vorauseilenden Rundblick bescheiden auf fränkische Gefilde beschränken? Mal sehen. Eine Umschau zwischen Selb und Würzburg, zwischen Coburg und Nürnberg sei also gewagt – und nicht davor gescheut, auch dem nahe gelegenen Südthüringen einen kleinen Abstecher zu gönnen.

 

Wer ein kapitales Dreisparten-Dickschiff steuert, zumal ein Landes- oder gar Staatstheater, hat es nur scheinbar leicht, denn die üppig zur Verfügung stehenden Mittel erheischen einen besonders hohen Rechtfertigungsgrad. Da gilt es, ständig und PR-affin mit der konzeptionellen Fahne zu wehen oder jeder noch so dürftigen Modeaktualität hinterher zu laufen – bei Strafe der Verbannung aus den Hitlisten des Feuilletons. In Mainz beispielsweise ist für die kommende Saison ein „performativer Stadtspaziergang“ angekündigt, der flugs noch zu einem „großdimensionalen, interaktiven und internetbasierten Stadtraumspiel“ hochgeschwurbelt wird. Freilich geht es auch noch eine Nummer größer, z.B. in Freiburg, wo unter dem dankbaren, weil vielseitig verwendbaren Thema ‚Migration‘ eine „Völkerwanderung“ als Premiere angekündigt wird.

 

Doch zurück nach Franken und schnurstracks zur Gegenwelt der Staatstheater, nämlich ins ebenfalls von einer Völkerwanderung (besser: -abwanderung) betroffene Ostoberfranken. In Selb hätte man gerne die Budgetprobleme Münchens, wo der auch nur zaghafteste Einschnitt in die Ausstattungsopulenz staatstheatralen Zuschnitts unweigerlich zur Klage über „kulturellen Kahlschlag“ führen würde. In der gebeutelten Porzellanstadt, wo noch nicht einmal an ein festes professionelles Bühnenensemble zu denken ist, aber zwei Volkstheater für eine Art Grundversorgung bürgen, realisiert das wackre Rosenthal-Theater Selb eine Spielzeit, die alle Genres – und damit auch alle Geschmäcker – berücksichtigt.

 

Zum Glück gibt es mit dem Hofer Theater ein gut ausgestattetes Dreispartenhaus ganz in der Nähe, das zusammen mit den Gastauftritten der Hofer Symphoniker einen wesentlichen Teil des Selber Programms bestreitet. Oper und Operette, Musicals und Revuen, Theater und Kabarett, Tanz und Ballett, das alles gibt es in Selb und sogar noch einen sicherlich nostalgisch verbrämten Havanna-Abend unter dem unvermeidlichen Stichwort ‚Buena Vista‘. Mein vielleicht etwas einseitiger Tipp für einen Besuch in Selb: „Sounds of Hollywood“, berühmte Filmmusiken, gespielt von der Vogtlandphilharmonie.

 

Das Theater Hof wartet in seiner Schauspielsparte mit Shakespeares ‚König Lear‘ und mehreren Ur- bzw. Erstaufführungen zeitgenössischer Werke auf, während das Musiktheater sich erstmals an Puccinis ‚Turandot‘ wagt und die Ballettsparte in Tschaikowskys ‚Schwanensee‘ hüpft. Hinter dem Etikett „Junges Theater Hof“ steckt ab Herbst eine eigenständige Sparte, womit Hof eigentlich zum Vierspartenhaus mutieren würde... Bliebe nur noch zu klären, welch kryptische Anspielungen sich hinter dem Spielzeitmotto „Patrioten, Flüchtlinge, Vaterlandsverräter“ verbergen. Ein Anruf beim Marketingchef bringt einen erhellenden Hinweis auf den Roten Faden, der sich durch die kommende Spielzeit zieht: Mit Fragen von Heimat und Identität, so heißt es, setzten sich diverse Stücke des Programms auseinander, und die Preview Mitte September böte diesbezüglich Einsichten.

 

Westwärts stolpert man in Bamberg über das Einspartenhaus mit dem umständlichen Namen E.T.A.-Hoffmann-Theater, und dort neigt sich gerade eine ganze Ära ihrem Ende zu. Verständlich also, dass die kommende Spielzeit ganz im Zeichen des scheidenden Intendanten Rainer Lewandowski steht. Ob „Palmbülbül und Wundersylphe“ als muntere Offenbachiade, ob „Sieh, was du nicht siehst“ oder zum guten Schluss eine Freilicht-Fassung von „Robyn Hod“ für die Calderón-Festspiele in der Alten Hofhaltung - der ewige Prinzipal langt noch einmal so richtig zu. Als abschließenden Erfolg wird er sich wohl auch zugute halten können, die Bayerischen Theatertage im Mai 2015 abermals nach Bamberg holen zu können.

 

Nördlich von Bamberg, im beutebayerischen Coburg, widmet sich das dortige Landestheater ebenfalls allen drei klassischen Sparten. Die Premierenübersicht verordnet den Aficionados und Aficionadas der Ballettkunst noch eine Wartezeit bis Ende Februar, wenn Choreographien unter dem Titel „Magische Momente“ geboten werden. Im Mai folgt dann ‚Peer Gynt‘. Komödienfans könnten bei Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ auf ihre Kosten kommen, während die Liebhaber des Musiktheaters mit ‚Salomé‘, der ‚Bohème‘ und Mozarts „Entführung“ recht klassisch versorgt werden. Ähnliches gilt für die leichtere Muse, denn ‚Hänsel und Gretel‘ sowie der ‚Der Vogelhändler‘ sind ebenso so zuverlässige Publikumsmagneten wie die Blockbuster ‚My fair Lady‘ und ‚Hair‘ im Musicalbereich.

 

Auf dem Weg ins Mainfränkische staunt man beim obligatorischen Stopp in Schweinfurt über die Vielfalt, die ein reines Gastspielhaus zu bieten vermag. Öffnet man das neue Programmbuch, so fallen gleich vier Teilbroschüren heraus, die mit dem Zusatz „Faszination“ den üblichen Sparten gewidmet sind. Im Konzertbereich vertrauen die Schweinfurter fast monopolmäßig auf die Bamberger Symphoniker, die „Faszination Tanz“ ist sehr international aufgestellt, den Schauspielsektor bedienen renommierte Ensembles aus ganz Deutschland, und die „Faszination Musiktheater“ greift gerne auf die nahe gelegenen Standorte in Hof und Meiningen zurück.

 

Apropos Meiningen: Nach der Grenz-

öffnung haben die Westfranken zwischen Schweinfurt und Würzburg recht schnell eine von allerlei kulturellen Bustouren unterstützte Affinität zu dem legendären Theaterort Meiningen entwickelt. Das kulturgeschichtsbeladene Dreispartenhaus in einer Kleinstadt, die in Bezug auf ihre Einwohnerzahl vor Jahren sogar schon von Forchheim überholt wurde, firmiert jetzt als „Südthüringisches Staatstheater“ und zieht nicht nur aufgrund seines legendären Orchesters, der altehrwürdigen Meininger Hofkapelle, Besucher aus dem weitem Umkreis an. Auch die Meininger wissen, dass mit einer Vorschau qua Eröffnungsgala die Lust auf mehr Theater, Tanz und Musik zu wecken ist, wozu am 14. September eingeladen wird. Dominiert wird der Saisonauftakt von dem hauseigenen ‚Tannhäuser‘, einer neuen ‚Phädra‘ und dem Musical „Bloodbrothers“.

 

Zurück im Fränkischen, gelangen wir nach Würzburg, wo das 210 Jahre alte Mainfranken Theater seine kommende Spielzeit unter das kapitale Motto „Krieg und Frieden“ zu stellen gedenkt und sich dabei natürlich von Tolstoi inspirieren lässt. Folglich wird Puccinis ‚Madame Butterfly‘ unter dem Aspekt eines „Clash of civilisations“ gesehen, und in der Revue „Frontgarderobe“ laufen die Amüsierdamen des II. Weltkriegs zur Abwechslung kurz mal auf die Feindesseite über. Ob Lili Marleen das wohl auch gemacht hätte? Um Krieg und Eroberung geht es ebenfalls in Baldassare Galuppis 1755 entstandener Metastasio-Oper ‚Alessandro nell‘Indie‘, während das Schauspiel mit seiner dramatisierten Fassung von Ernst Jüngers 1923 entstandenem Roman ‚Sturm‘ die ganze Sinnlosigkeit des Weltkrieges thematisiert. Gespannt sein darf man auf die Würzburg-Revue „Hundert Jahre, ein Abend“, die das Schicksal dieser besonders vom Krieg betroffenen Stadt erzählen wird. Auch die Ballettsparte beteiligt sich thematisch und steuert darüber hinaus die Würzburger Balletttage bei.

 

Wird der Sprung über den Spessart gewagt, so ist man zwar noch in Bayern, gerät jedoch in Aschaffenburg zwangsläufig ins Schwerefeld des südhessischen Raumes, wo die Kulturdampfer aus Darmstadt und Frankfurt für weit mehr als nur eine Grundversorgung bürgen. Kann das aber ein Grund sein, sich auf ein derart mageres Angebot - für eine Stadt mit 60 000 Einwohnern und dem vielleicht schönsten klassizistischen Theaterraum Süddeutschlands – zu beschränken? Immerhin gibt es Trost für die Anhänger der klassischen Musik: das mittlerweile regelmäßig stattfindende Bachfest hat es zu hohem Renommée gebracht.

 

Nun aber auf nach Mittelfranken, wo sich mit der Troika Erlangen/Fürth/Nürnberg so viel urbane Kultur wie sonst nur noch in München konzentriert. Allen voran sollte natürlich Frankens kulturelles Schlachtschiff namens Staatstheater Nürnberg möglichst oft besucht werden, denn das lohnt sich immer. Allein neun Opernpremieren warten diesmal auf passionierte Freunde und Freundinnen des Musiktheaters, die zudem an diesem Ort bislang vor den exzessivsten inszenatorischen Ego-Trips gewisser Dramaturgen und anderen fragwürdigen Auswüchsen des Regietheaters verschont geblieben sind. Auf die Wiederaufnahme der ‚Hugenotten‘ des Jubilars Giacomo Meyerbeer darf man sich freuen. Für die Spielzeit 14/15 hat Intendant Peter Theiler das Motto „Mythen und Märchen“ ausgerufen. Da fügt sich die Neuproduktion eines Wagnerschen ‚Siegfried‘ bestens hinein, ähnlich wohl die bemerkenswerte Ersttat, Karol Szymanowskis ‚König Roger‘ in die Noris zu holen. Gespannt warten wir auf die Uraufführung des Auftragswerkes ‚Quai West‘. Auch das Schauspiel geizt nicht mit Premieren (sechs an der Zahl), die sich am Saisonmotto orientieren, während sich Goyo Monteros Ballettensemble neben zwei weiteren Neuproduktionen anlässlich einer Uraufführung dem Thema ‚Cyrano de Bergerac‘ widmet.

 

Meine besondere Zuneigung gilt seit Jahren dem Stadttheater Fürth. Schon allein das Haus, welche Perle! Den Fürthern gelingt stets und verlässlich eine gelungene Mischung aus Eigenproduktionen (Neu: das Kinder- und Jugentheaterensemble) und qualitätvollen Gastspielen, die besonders im Bereich Tanztheater einen hohen internationalen Anspruch haben. Wer im Fürther Theater ein Abonnement besitzt, wird in diesem edlen Haus mit allen nur denkbaren Gattungen der musikalischen und theatralischen Welt konfrontiert. Nix wie hin!

 

Im nahen Erlangen harrt ein weiteres architektonisches Juwel der Besucher, das Markgrafentheater. Es widmet sich fast ausschließlich dem Sprechtheater, dieser wohl intellektuellsten aller Sparten, die einer traditionsreichen Universitätsstadt auch am angemessensten ist. „Verantwortung“ lautet der Leitbegriff für die nächste Spielzeit, präziser gefasst in den Leitsatz: „Verantwortung bekommt man nicht, man muss sie sich nehmen“. Insofern ist es nur konsequent, wenn die Intendantin Katja Ott das Theater als „Ort gesellschaftlichen Hinterfragens“ verstanden wissen will. Neben Klassikern von Schiller bis O‘Neill wird zum Spielzeitauftakt (und im Anschluss an ein „Theaterfest“) die Premiere von Duncan Macmillans ‚Atmen‘ geboten, einem Stück, das mit seiner Fokussierung auf die demographische und ökologische Zukunft unseres Planeten wohl eine gehörige Prise Endzeitstimmung verbreiten wird.

 

Ziemlich problemorientiert geht es also in Erlangen zu - fragt sich nur, ob diese Kopflastigkeit die pure Lust auf‘s Theater nicht ein wenig bremst...

 

Fazit: Der eingangs erwähnten pessimistischen Prognose unseres FAZ-Kollegen, das heutige Theater treibe sich dort herum, wo es gar nicht hingehöre und schaffe sich dergestalt ab, können wir mit Blick auf Frankens nahe theatralische Zukunft nicht zustimmen. Im Gegenteil: Wenn Oscar Wilde recht hatte mit seinem Bonmot, dass die Bühne „der Treffpunkt von Kunst und Leben“ sei, dann wird es in Franken und Umgebung ab Herbst wieder sehr kunstvoll und lebendig zugehen.

 

Copyright Fotos:

Mainfrankentheater Würzburg, Foto © Manger

Landestheater Coburg, Großes Haus, Foto © Andrea Kremper

Theater Erlangen, Foto © Jochen Quast

Theater Schweinfurt, Foto © Theater Schweinfurt

Stadttheater Fürth, Foto © Stadttheater Fürth

Theater Selb, Foto © Theater Selb

Theater Meiningen, Foto © Theater Meiningen

E.T.A. Hoffmann Theater, Foto © Thomas Bachmann

Theater Hof bei Nacht, Foto © Theater Hof

E.T.A. Hoffmann Theater, Foto © Thomas Bachmann

Stadttheater Fürth, Foto © Stadttheater Fürth

Staatstheater Nürnberg

Martin Köhl
04.08.2014

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