Die Schrecken des Ersten Weltkriegs

Sommer Vierzehn im Dokumentationszentrum

Die Schrecken des Ersten Weltkriegs

Sarajevo, 28. Juni 1914: Der Gymnasiast Gavrilo Princip erschießt den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie (die er eigenen Aussagen zufolge gar nicht hatte treffen wollen). Es kommt zur Julikrise, die Habsburgermonarchie greift Serbien an, Deutschland erklärt den Russen am 1. August den Krieg, zwei Tage später den Franzosen, und marschiert in Belgien ein. Ein von den Briten gefordertes Ultimatum lassen die Deutschen verstreichen, „la Grande Guerre“, „the Great War“, das große Sterben, die Urkatastrophe des Zwanzigsten Jahrhunderts, von der die Geschichtswissenschaft spricht, nimmt ihren Anfang. Als der „Große Krieg“ im November 1918 mit der Niederlage Deutschlands endete, waren rund neun Millionen Soldaten gefallen und sechs Millionen Zivilisten gestorben. Hinzu kamen Millionen Verstümmelte und Kriegsversehrte. Wer überlebt hatte, war auch psychisch angegriffen, war traumatisiert.

 

Noch bis zum 11. November gilt dem Beginn des Ersten Weltkrieges vor einem Jahrhundert eine außergewöhnliche Ausstellung in der Großen Halle des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. 

 

Die mit viel Aufwand betriebene Rauminszenierung einschließlich Panoramaprojektion erinnert den Betrachter daran, welche Schrecken der industrielle Maschinenkrieg hervorbrachte, deren weitere Entwicklung sich im Zweiten Weltkrieg noch steigerte und die bis heute kein Ende gefunden hat.

 

Die Besucher werden mit einem aufrüttelnden Kontrastprogramm konfrontiert. Zunächst glauben sie, einen Urlaub am Meer zu verbringen. Sauberer, weicher Sand, Strandkörbe, bequeme Liegestühle sorgen für diese Vorstellung. Ein Blick zur Saaldecke hin aber genügt, um die lediglich scheinbare Idylle umgehend zunichte zu machen, denn der Himmel hängt hier nicht voller Geigen, sondern voll von Bomben und Granaten. Hinzu kommen dann – auf einer 37 Meter breiten und sieben Meter hohen Leinwand – Projektionen von Filmen und Photographien, von Zitaten (beispielsweise aus Ernst Jüngers 1920 im Selbstverlag erschienenen Debut „In Stahlgewittern“, also dem „Tagebuch eines Stoßtruppführers“, das die Erlebnisse des Autors an der Westfront schildert), von Landkarten und Grafiken.

 

Vor den Augen des sich zunächst entspannt am Strand wähnenden Publikums entfaltet sich eine Collage des Horrors. Ein Reigen von Bildern des menschen- und maschinengemachten Grauens wird da gezeigt, ein Szenario der Schrecken des Krieges, die bis heute nicht aufgehört haben. Man muss nur, um ein aktuelles Beispiel anzuführen, die Geschehnisse im Gazastreifen verfolgen. Historisches Quellenmaterial, etwa ein Photo, das zwei Soldaten in Gasmasken im Schützengraben an der Front zeigt, trifft auf Bilder von heutigen Soldatenfriedhöfen in Belgien und Frankreich.

 

Im Begleitprogramm zu „Sommer Vierzehn“ werden Ausstellungsführungen mit Besuch der Panoramaprojektion angeboten. Außerdem hat das Dokumentationszentrum in Kooperation mit dem Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum Nürnberg für die Klassenstufen acht bis zwölf (an Realschulen wie an Gymnasien) ein dreistündiges Programm erarbeitet. Auch Filme werden gezeigt. „Unternehmen Michael“ (1937; Regie: Karl Ritter, übrigens ein gebürtiger Würzburger) schildert eine Offensive im Frühjahr 1918, mit der versucht wird, den so gut wie verlorenen Krieg doch noch zu gewinnen. Alexander Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Dokumentationszentrums, führt in den NS-Propaganda-Film ein. Es besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Am 22. Oktober wird „Cabaret“ (Regie: Bob Fosse, USA, 1972) gezeigt, mit Liza Minnelli in der Rolle der Sängerin Sally Bowles. Angesiedelt im Berlin des Jahres 1931, illustriert der auf dem gleichnamigen Musical basierende Film den zunehmenden Einfluss der Nazis und der politisch motivierten Gewalt auf den Alltag.

 

Mit „Weltenbrand“ wird am 20. September eine szenische Collage aus Text-, Musik-, Klang- und Bild-

elementen präsentiert. Passagen des expressionistischen Romans „Heeresbericht“ von Edlef Köppen werden Gedichten von August Stramm, Feldpostbriefen, Alltagssituationen und Fragmenten offizieller Militärkommunique´s gegenübergestellt. Das Bühnenbild besteht aus Projektionen wechselnder Motive. Vor Ort gespielte Musik und vorproduzierte Kompositionen und Klänge geben dem Programm eine zusätzliche akustische Dimension.

 

Am 16. September referiert Bernd Sösemann über „Kriegsheroismus in der formierten Volksgemeinschaft“. Das Augenmerk des Berliner Historikers gilt den nationalsozialistischen Sinngebungen des Ersten Weltkrieges. Diesen wie auch den „Schmachfrieden von Versailles“ nutzten die Nazis, um mittels Propaganda die Bevölkerung zu mobilisieren. Hierzu passt ein Zufallsfund, der abschließend angeführt sei. Er stammt aus dem im Frühjahr herausgekommenen zweiten Band der Tagebücher von Fritz J. Raddatz. Der Hamburger Feuilletonist und Biograph hatte am letzten Julitag 2002 das „Reichsparteitagsgelände und Doku-Center“ besucht und hielt fest: „Dort eben jene bekannten, doch beim Betrachten immer aufs Neue abstoßend-schauerlichen Fotos, Stimmen, Dokumente à la ‚Wollt ihr den totalen Krieg?‘ und das Jaaa-Geheule all der im Widerstand Tätigen; die feixenden Gesichter der jungen Soldaten, die alle nur gezwungen; die, wie heute ihren Michael Jackson, orgiastisch ihren Führer anbetend anschreienden, ‚tränenerstickten‘ Frauen: das ganze widerliche mitmachende deutsche Volk, von allem nichts gewußt …“.

 

Copyright Fotos:

Foto © Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Stefan Meyer

Foto © Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Stefan Meyer

Foto © Museen der Stadt Nürnberg, Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände

Jürgen Gräßer
04.08.2014

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