Ich schreibe Gedichte, weil ich sie brauche

Der Bamberger Lyriker Nevfel Cumart im Gespräch

Ich schreibe Gedichte, weil ich sie brauche

Im Juli ist Nevfel Cumart mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet worden. Grund genug, sich mit dem Bamberger Autoren, Übersetzer, Referenten und, ganz wichtig, Vermittler zwischen zwei Welten, zwischen Ost und West, zu unterhalten.

 

Kam denn, lieber Nevfel Cumart, die hohe Auszeichnung in Berlin überraschend für Sie?

 

Das kann man wohl sagen. Ich wollte das anfangs gar nicht glauben, dachte zunächst, dass mir jemand einen Streich spielt. Ich habe mit so einer Auszeichnung nie gerechnet! So manches Mal, wenn ich über meine Arbeit sprach, habe ich zwei Sätze gesagt: „Mit Gedichten kann man in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen.“ Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass Gedichte ja nicht so viel gelesen werden in Deutschland und man auch nicht sehr bekannt wird als Lyriker. Der zweite Satz: „Für das, was ich mache, bekommt man kein Bundesverdienstkreuz.“ Damit meinte ich, dass ich ja sehr oft an der Basis arbeite, oft an Schulen in sogenannten sozialen Brennpunkten bin und nicht ständig in einer Talkshow im Fernsehen auf der Couch sitze. Ich ging davon aus, dass meine „Basis-Kulturarbeit“ nicht wahrgenommen wird. Das war wohl ein Irrtum.

 

Nicht Sie kommen zum Vers, sondern der Vers kommt zu Ihnen. Stimmt das? Wie ist es bei Ihnen mit der Inspiration?

 

In meinem Gedicht „dichterleben“ habe ich 1999 geschrieben: „nicht ich suche die gedichte / die gedichte finden mich“. Daran hat sich nichts geändert. Ich setze mich nicht an den Schreibtisch und überlege mir, worüber ich denn ein Gedicht schreiben könnte. Ich glaube, ich bin eher ein Fänger, eine Gedichtfänger, wie ich es mal ausgedrückt habe. Das Gedicht heißt auch „der fänger“. Einige Zeilen daraus lauten:

 

Moleskin-Notizbuch, Notebook, PC, Bleistift, edler Montblanc oder schlichter bic-Kugelschreiber?

 

Notebook oder PC kommen nicht in Frage! Das könnte ich gar nicht. Ich schreibe alles mit der Hand, sonst hätte ich gar keinen Kontakt zum entstehenden Gedicht. Ich habe zwar auch ein Notizbuch, ein Journal wie viele andere Schriftsteller, aber das führe ich im Alltag nicht ständig bei mir, eher auf größeren Reisen. Ich habe schon Inspirationen auf Obsttüten, Servietten, Quittungen, Briefumschlägen und vielem anderen mehr geschrieben. Vor einem Einfall bin ich ja nirgendwo sicher. Es gibt nur eine Voraussetzung: Mein Kopf muss frei, ich muss inspirationsempfänglich sein. Sonst geht es nicht.

 

Ihre Gedichte sind auch übersetzt worden (ins Englische, ins Polnische, Griechische), Sie sind selbst als Übersetzer tätig. Kann man denn den Zauber der lyrischen Sprache überhaupt in einer fremden Zunge wiedergeben?

 

Übersetzen ist eine harte Arbeit, ein schwieriges Unterfangen, und wird leider von vielen Menschen maßlos unterschätzt. Die Kunst besteht darin, adäquate Bilder in der Zielsprache zu finden. Bei meinen Gedichten, die ins Englische und Türkische übersetzt worden sind, hatte ich ja die Kontrolle in der Hand. Ich beherrsche beide Sprachen so gut, dass ich beurteilen kann, ob die Übertragung gelungen ist. Ich habe da übrigens eine sehr schmerzhafte Erfahrung gemacht. Es gibt einen türkischen Dichter, den ich sehr verehre. Sein Name ist Fazil Hüsnü Daglarca, und wenn der Literatur-Nobelpreis nicht in einem bestimmten Maße ein politisch vergebener Preis wäre, so hätte ihn statt Orhan Pamuk mit Sicherheit Daglarca erhalten müssen. Er gilt als der bedeutendste türkische Lyriker der Gegenwart. Mich hat er total fasziniert. Über einen Zeitraum von fünf Jahren studierte ich die Lyrik Daglarcas. Ich habe seine Gedichte gelesen, geatmet, gegessen, geschlafen, getrunken. Ich reiste dreimal zu ihm nach Istanbul und übersetzte rund 350 Gedichte in Rohfassung. Viele der Rohfassungen gelangten nicht in eine Endfassung, weil ein Wort, ein Bild, eine Chiffre, eine Redewendung aus dem Original nicht adäquat ins Deutsche übertragen werden konnte. Es war für mich eine schmerzhafte Erkenntnis, dass viele wunderbare Gedichte dieses Dichters nicht angemessen zu übersetzen waren.

 

Was wünschen Sie sich für das kulturelle Leben Ihrer Heimatstadt?

 

Ich bin eigentlich mit dem Kulturleben in Bamberg zufrieden. Wenn ich zurückblicke auf die Zeit, als ich 1986 hierher kam, so hat es eine enorme Entwicklung gegeben. Ich finde, dass wir mittlerweile eine reiche Kulturlandschaft haben, besonders im Bereich Musik und Literatur.

 

Der Dialog zwischen dem Islam, dem Christentum, den Juden. Ein Ding der Unmöglichkeit?

 

In den Momenten, in denen ich müde und erschöpft bin, denke auch ich manchmal, dass der interreligiöse Dialog nicht gelingt. Aber das ist sehr selten. Zumeist überwiegt mein Optimismus. Ich bin ja nicht nur als Lyriker unterwegs. Vorträge und Seminare zum Thema Islam absolviere ich schon seit fast dreißig Jahren. Und ich kann sagen: Die Stimmung hier in Deutschland ist trotz Islamkonferenz und Nationalem Integrationsplan in den letzten Jahren zusehends frostiger geworden. Mit meinen gesammelten Impressionen bei Veranstaltungen zum Thema Islam und mit den unzähligen Klischees und Vorurteilen, die mir ständig an den Kopf geworfen werden, könnte ich Bücher füllen. Kurz: Wer wie ich als muslimischer Referent in Sachen Islam landauf landab unterwegs ist, muss eine dicke Haut haben. Gelegentlich hat man das Gefühl, am Pranger zu stehen. Und manchmal reicht mein Honorar angesichts der Vorurteile und auch Attacken, mit denen ich aus dem Publikum konfrontiert werde, als Schmerzensgeld nicht aus! Aber dennoch: Ich mache weiter, denn ich sehe keine Alternative zum friedlichen Miteinander und Dialog.

 

Sie haben zwar auch Erzählungen und kurze Prosa verfasst, sind aber doch eigentlich Lyriker durch und durch.

 

Das stimmt, ich empfinde mich im Herzen in erster Linie als Lyriker. Ich schreibe ja in unterschiedlichen Zusammenhängen. Kurzprosa, Aufsätze, Reden, Rezensionen und auch journalistische Beiträge. Aber am liebsten schreibe ich Gedichte. Mit Gedichten kann ich sehr komplexe Sachverhalte kurz und bündig auf den Punkt bringen. Dadurch kann ich bei meinen Lesungen gelegentlich eine intensive Wirkung erzielen. Ich spüre, bemerke und höre oft spontane Reaktionen an entsprechenden Stellen von Gedichten, etwa solchen, die sich mit dem Leben von Migranten beschäftigen, noch während ich das jeweilige Gedicht vortrage. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass ich die Menschen erreicht habe. Ich schreibe Gedichte, weil ich sie brauche, um mich, Gott, die Welt und ein wenig auch meine Tochter zu verstehen! Ich habe mich nie um den finanziellen Aspekt gekümmert oder gesorgt. Ich habe ja diesen Weg der „brotlosen Kunst“ bewusst eingeschlagen. Ich hatte während des Studiums ein Stipendium und bekam auch ein Promotionsstipendium. Meine akademische Karriere war mehr oder weniger vorgezeichnet. Aber ich habe mich dagegen und für die Schriftstellerei entschieden und diese Entscheidung bislang nie bedauert.

 

Was würden Sie einer jungen Frau raten, die Gedichte schreibt und veröffentlich werden möchte? Hilft der Besuch von Schreibwerkstätten, von Veranstaltungen wie dem Erlanger Poetenfest, ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig?

 

Natürlich helfen diese Dinge. Ich werde ja sehr oft mit dieser Frage konfrontiert, und das nicht nur von jungen Menschen. Es gibt dann etwas Elementares, was ich denen rate. Schreiben, schreiben, schreiben! Literatur zu verfassen ist ja auch zum großen Teil ein Handwerk. Und je mehr man sich im Umgang mit der Sprache und dem Schreiben übt, umso besser wird man. Um mit dem Philosophen Peter Sloterdijk zu sprechen: „Du musst üben!“ Das Veröffentlichen kommt erst danach und manchmal auch viel später.

 

Zum Schluss noch: Grüne Sauce, blaue Zipfel oder doch lieber rote Bete? Türkische Küche oder Kloß mit Sauce?

 

Ich war neun Jahre lang Vegetarier, da komme ich mit roter Beete gut zurecht. Spaß beiseite: Wenn es drauf ankommt, ziehe ich die türkische Küche einem Kloß mit Sauce vor. Zumal ich eine Mutter hatte, die eine begnadete Köchin gewesen ist. Ich habe ihr und ihren Kochkünsten sogar ein Gedicht gewidmet. Ich vermisse sie und auch ihr Essen schmerzlich. Aber ich bin auch ein großer Fan der indischen und thailändischen Küche, allerdings nicht hier in Deutschland, sondern vor Ort. Für manche Andere ist es ob der hygienischen Verhältnisse ein Grauen, aber ich liebe es, in Bangkok oder in Mumbai an einer Garküche am Straßenrand scharfe Gerichte zu essen.

 

Was macht Bamberg für Sie lebens- und erlebenswert?

 

Ich mag Bamberg und das Leben hier wirklich sehr. Und ich sage das nicht, weil das Gespräch in einem Bamberger Kulturmagazin erscheint. Man kann hier gut und in Ruhe leben und arbeiten. Ablenkungen sind überschaubar gering. Natürlich hat Bamberg mittlerweile eine reiche Kulturszene, aber es ist eben keine Großstadt wie Berlin oder Frankfurt. Dafür lässt sich der Alltag mit weniger Adrenalinschüben bewältigen als in Hamburg und anderen Städten. Die wenigsten wissen wahrscheinlich, dass ich ein Fan von Biergärten bin. Für ein Nordlicht wie mich sind die Keller in und um Bamberg angenehme Erscheinungen des Lebens. Ich liebe die ausgelassene, fröhliche Stimmung „auf´m Keller“. Familien kehren mit Kind und Kegel ein, manche bringen ihre Brotzeit und auch ihre Bierkrüge mit, verschönern ihre Tafel mit einer Tischdecke aus dem Picknickkorb. Andere tun sich gütlich an den zumeist deftigen Speisen. Kinder spielen und balgen herum. An manchen Tischen wird Karten gespielt, an anderen lebhaft diskutiert, und ehe man sich versieht, bricht die Nacht herein. Ein ruhiger, im Grünen gelegener Keller unter hohen, Schatten spendenden Bäumen an einem Sommerabend vermittelt eine fast mediterrane Atmosphäre. Wenn man sich die riesigen Bierkrüge, die typischen Klappstühle und Holzbänke weg- und an ihrer Stelle kleine Kohlegrills, Backgammon-Spiele und dampfende Tee-Samoware hinzudenkt, fühlt man sich in die Türkei versetzt.

 

Copyright Fotos:

Fotos © Helmut Ölschlegel

Foto © Hans Schmidt

Jürgen Gräßer
04.08.2014

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