Klärendes, Aufklärendes und Verklärendes

Das Würzburger Mozartfest beschäftigt sich heuer mit dem Licht der Erkenntnis

Klärendes, Aufklärendes und Verklärendes

 Wolfgang Amadeus Mozart war ein recht aufgeklärter Mensch, wofür nicht nur seine Sympathien für die Freimaurer und jegliche Freigeisterei ein Indiz sind. Das diesjährige Mozartfest Würzburg hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, jene Aspekte der Lebens- und Schaffenszeit des Komponisten in den Vordergrund zu stellen, die vom „Licht der Erkenntnis“ infiziert sind. Für Europas große Philosophen, Naturwissenschaftler, Techniker und Künstler des ausgehenden 18. Jahrhunderts stand der aufgeklärte Mensch im Mittelpunkt einer sich verändernden Welt. Deshalb schmückt sich das Mozartfest 2018 mit dem Motto „Aufklärung. Klärung. Verklärung“.

Das Würzburger Festival lädt ab dem 25. Mai ein zu 61 Konzerten und Veranstaltungen, die den Geist der Aufklärung musikalisch erlebbar machen. Freiheit, Humanität und Toleranz prägen die Sprache der Kunst jener Zeit ebenso wie die Haltung all der eingeladenen hochkarätigen Künstler, die wieder eigens für das Mozartfest Programme in Sinfonik, Vokalmusik und Weltmusik erarbeitet haben. Als Porträtkünstler haben die Festivalmacher erstmals gleich ein ganzes Kammermusik-Ensemble ausgesucht: das Schumann Quartett, eine sich gerne auf Neues einlassende Formation, die in verschiedensten Kombinationen auftreten wird, u.a. am 6./7. Juli mit den Bamberger Symphonikern. Als „Komponist im Porträt“ steht der aus Estland stammende Arvo Pärt im Fokus des „MozartLabors“ und ausgewählter Konzerte.

Das Eröffnungskonzert im Kaisersaal der Würzburger Residenz am 25. Mai (mit einer Wiederholung anderntags) ist bereits ein erster festlicher Höhepunkt. Die Camerata Salzburg wird unter der Leitung von Hartmut Haenchen, der gerade zum „Dirigenten des Jahres“ gewählt wurde, musizieren. Aus Frankreich kommen die „Musiciens du Louvre“, die sich am 28. Mai unter dem ebenfalls hochgeschätzten Dirigenten Marc Minkowski „Cosí fan tutte“ widmen, dem vielleicht kühnsten Stück Mozarts und seines Librettisten da Ponte. Tags zuvor interpretieren sie Haydn und Mozart im Kaisersaal. Die unsterbliche „Zauberflöte“, in der sich zwischen Aufklärung und Verklärung schwankende Freimaurer-Logik abbildet, wird am 19./20. Juni in einer modernen Version mit Rappern, Hip-Hoppern und Breakdancern präsentiert. Mozart reloaded!

Zu den Künstlern, die gerne neue Wege beschreiten, gehört auch Pierre-Laurent Aimard. Er wird Mozart am 20. Juni mit einem Komponisten konfrontieren, der wie kein anderer Licht und Farben direkt in Klänge umgesetzt hat: Olivier Messiaen. Auch Jörg Widmann, einer der Porträtkünstler der ersten Stunde, kehrt am 15. Juni zum Mozartfest zurück und wird das Irish Chamber Orchestra leiten. Die Liebhaber der Klaviermusik sollten sich den 1. und 2. Juli vormerken, denn an diesen beiden Abenden im Kaisersaal treten mit Ragna Schirmer und Jan Lisiecki zwei junge Tastenkünstler auf, die schon Furore gemacht haben. Eine Woche zuvor debütiert mit William Youn ein Pianist, der sich längst als Mozart-Spezialist im internationalen Konzertleben etabliert hat.

Unter den prominenten Sängern sind zu nennen: Julian Prégardien, der am 10. Juni von Kristian Bezuidenhout am Fortepiano begleitet wird, Marlis Petersen, die am 30. Mai auftritt, oder Patricia Petibon, die am 16. Juni mit dem La Cetra Barockorchester aus Basel gastiert. Besonders gespannt sein darf man im Vokalbereich auf den Auftritt der berühmten Tallis Scholars am 14. Juni in der Augustinerkirche. Beim Ensemble Jupiter übernimmt Lea Desandre die Sopranpartie (14. Juni). Ein ausgefallener Leckerbissen wird am 16. Juni präsentiert: Avi Avital spielt auf der Mandoline solo und begleitet die Sopranistin Bettina Maria Bauer. Flötenkonzerte haben Seltenheitswert, aber am 13. Juni ist es beim Mozartfest so weit, denn Jasmine Choi spielt Mozarts zweites Konzert für die Querflöte, begleitet vom Würzburger „Hausorchester“, den Opernphilharmonikern.

Eine naheliegende Idee ist es, die jeweils „frischesten“ ARD-Preisträger einzuladen, denn dass diese Absolventen des weltweit renommiertesten Musikwettbewerbes virtuose Künstler sind, steht außer Frage. Am 27. Mai, beim „Festival der ARD-Preisträger“, kann man das erleben. Andere Formate nennen sich „Teekonzert“ (mit dem Quatuor Arod am 3. Juni im Gartensaal der Residenz), „Nachklänge im Echoraum“ (mit dem Vokalensemble Crescendo in der Sepultur des Würzburger Domes), „Mozart-Labor“ (9. bis 12. Juni) oder „Jupiternacht“ am 24. Juni, bei der Wolfgang Amadé vom STEGREIF.orchester einer Frischzellenkur unterzogen wird.

Auch die Ausflüge des kommenden Mozartfestes ins Kabarett (am 15. Juni) und ins Kino sollten nicht unerwähnt bleiben. Ebenso wenig, dass die Bamberger Symphoniker unter der Leitung von Manfred Honeck wie schon im vergangenen Jahr eine große Bruckner-Symphonie im Dom aufführen werden, diesmal die Siebte am 2. Juni. Zum Ausklang am 5. Juli leistet sich das Festival einen Weltstar: den begnadeten Pianisten, Organisten und Dirigenten Wayne Marshall, der Leonard Bernstein musikalisch zum 100. Geburtstag gratuliert.

INTERVIEW mit der Geschäftsführerin des Mozartfestes, Katharina Strein

ART. 5|III: Warum der dezidierte Bezug zur Aufklärung? Hat das auch mit aktuellen Fragestellungen zu tun?

Jedes der vom Mozartfest gestellten Themen ist aus dem Hier und Jetzt zu verstehen. Das Mozartfest will die zeitgemäße Auseinandersetzung mit Mozarts Schaffen anstoßen. Ausgehend von Mozarts Lebenswelt hinterfragen wir, wo wir heute stehen – musikalisch, aber auch geistesgeschichtlich. Die Ideale der Aufklärer, ihr Streben nach Freiheit, Toleranz und Selbstbestimmtheit, sind so aktuell wie vor mehr als 200 Jahren und müssen immer neu verteidigt werden. Ein Blick in die politische Gegenwart zeigt, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung und Pressefreiheit keine Selbstverständlichkeit ist. „Sapere aude! Wage, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“: Um Populismus zu entlarven oder auch die Überfülle an Informationen von Fakten bis zu Fake News einordnen zu können, ist der kritische Verstand jedes Einzelnen notwendig.

ART. 5|III: Hätte der Freigeist Mozart, der sich ja von kirchlicher Bevormundung befreien wollte, nicht Probleme gehabt mit der heute so betonten Toleranz gegenüber allem Religiösen?

Jede Zeit hat ihren eigenen Kontext, direkte Vergleiche greifen hier zu kurz. Im 18. Jahrhundert war die Kirche als weltliche und kirchliche Macht gleichermaßen dominierend. Mozart emanzipierte sich von seinem Dienstherren, er befreite sich aus der Abhängigkeit vom Salzburger Fürsterzbischof. Das war ein gewagter Schritt. Als einer der ersten freiberuflichen Künstler war seine Existenz zunächst nicht mehr abgesichert. Heute nimmt Toleranz nicht nur im religiösen Kontext, sondern ganz allgemein einen zentralen Stellenwert in unserem Wertekanon ein. Das zeigt, wie stark die aufklärerischen Impulse uns prägen. Die Kirche hat die alleinige Deutungshoheit verloren, gerade weil es die Aufklärung gab, die jeden Einzelnen zu kritischem Denken befähigt und verpflichtet. Das könnte Mozart nur befürworten.

ART. 5|III: Was hat es mit dem „MozartLabor“ auf sich? Seit wann gibt es dieses „Format“, was versprechen Sie sich davon

Das MozartLabor ist das geistige Herzstück des Festivals. Hier wird das Thema des Festivals disziplin- und generationsübergreifend weitergedacht und kritisch durchleuchtet. Evelyn Meining, seit 2014 Intendantin des Mozartfestes, schuf in ihrem ersten Festivaljahr diesen Ort für die freie Gedankenentfaltung und nannte ihn einen offenen Schutzraum. Das MozartLabor bringt studentische Stipendiaten mit etablierten Wissenschaftlern und Publizisten, mit Experten der Musikbranche und interessierten Laien und Musikliebhabern zum interdisziplinären Gedankenaustausch zusammen. In der Art eines aufgeklärten Salons hat hier jeder die Möglichkeit mitzudiskutieren und sich einzubringen. Ganz ähnlich war es in den Logen der Freimaurer zu Mozarts Zeit. Dort begegneten sich die Logenbrüder – Fürst, Beamter, Wissenschaftler, Künstler – und bildeten die intellektuelle Avantgarde ihrer Zeit.

ART. 5|III:„Aufklärung.Klärung.Verklärung“ lautet das Festivalmotto. Was steht hinter dieser Trias?

Erstmal ist es ein Wortspiel, das den Impuls der Aufklärung voran stellt, den Gedanken des Lichts und einer neuen Mündigkeit. Aufklärung meint die gleichnamige Epoche mit ihrer Blüte im 18. Jahrhundert, die Mozart geprägt hat und aus der heraus er bahnbrechend Neues schaffen konnte, was uns heute noch angeht. Klären will die Zeit er-klären, die dazu führte, dass in Politik, Naturwissenschaft Technik, Kunst und Gesellschaft diese neue geistige Dimension aufbrach. Und da aufklären, klären und verklären einander bedingen und befeuern, sich aber auch behindern, darf die Verklärung nicht ausgeblendet werden. Nehmen Sie ein Beispiel: Unmittelbar nach Mozarts Tod beginnt die Nachwelt sein Bild zu verändern. Das einstige Wunderkind und die Verehrung des „göttlichen“ Genies werden wie Zuckerguss über Mozart verbreitet. Ein Bild, das zum Teil noch bis heute fortwirkt.

 

Fotocredits:

Residenz Treppenhaus, Foto © Schmelz Fotodesign

Mozartfest, Residenz und roter Teppich, Foto © Schmelz Fotodesign

Mozartfest Würzburg 2017, Fürstensaal, Foto © Schmelz Fotodesign
 

 

Martin Köhl
03.04.2018

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