Forever Young

Die Rock-Legende Bob Dylan kommt nach Nürnberg

Forever Young

 „Forever young, forever young, may you stay forever young“, tönte es 1974 aus den Radioempfängern nicht nur in Deutschland. Bob Dylan sandte eine Message an dauerhaft guten Wünschen über den Äther. Heute, 44 Jahre später ist Bob Dylan alles andere als forever young. Aber noch immer ein Garant für großartige Live-Erlebnisse. Der Großmeister des frühen Folk-Rock gibt sich am 22. April in der Nürnberger Arena die Ehre.

Vor inzwischen vielen Jahren galten Auftritte des Grandseigneur aus Minnesota in Deutschland als wahrhaft spektakuläre Ereignisse. Dann tat er etwas, was heutzutage viele Künstler so gerne tun: Er kündigte eine Tour an. 1988, die deutsche Mauer stand noch, der kalte Krieg war noch in seiner Blütezeit, niemand konnte ahnen, wie sich das Weltbild in den folgenden Monaten und Jahren ändern sollte, ließ der als Robert Zimmermann geborene Dylan verlauten, dass er Bretter, die die Welt bedeuten, wieder betreten würde. Mit einem kleinen, aber feinen Zusatz: Er taufte die Tour „Never-ending tour“ - und so läuft sie bis heute und ein Ende ist nicht in Sicht. Eine Abschiedstour quasi. Auch wenn er diese nie als solche propagierte.

Wie sehr Bob Dylan noch immer überraschen kann, davon durften sich die Franken zuletzt vor knapp drei Jahren in Bamberg überzeugen. Auf die Gitarre verzichtet der nimmermüde Künstler seit einigen Jahren schon. Er legt den Fokus auf die (noch immer grandios sauber klingende) Stimme, die Mundharmonika und den Stutzflügel. Der Überraschungsmoment bietet sich zur Genüge im Zusammenspiel mit seiner Band. Immer wieder werden altbekannte Klassiker so improvisiert dargeboten, dass selbst hartgesottene Anhänger mehr als nur eine Realisationssekunde benötigen, um das gerade gespielte dem gerade dargebotene Song zuzuordnen. Ein Stilelement, dass dem die Interaktion mit seinen Anhängern nach wie vor in fast schon sämtlicher Konsequenz vermeidenden Künstler und seinem Live-Erlebnis eine ganz besondere Note verleiht.

Und diese Live-Erlebnisse haben etwas anderes, was ihn (wohltuend) von anderen Künstlern unterscheidet. Die Setlist des Abends ist jedes Mal ein kleines Überraschungspaket. Oftmals wartet man vergeblich auf die Klassiker, die sich der Mainstream-Besucher so erhofft. Nicht selten performen Dylan und seine Fünf-Mann-Band Songs, die selbst eingefleischte Fans – und davon gibt es nach wie vor jede Menge – so nicht erwartet hätten oder sich zu erträumen gehofft haben. Der als Kind deutsch-ukrainisch-jüdischer Immigranten im Mittleren Westen Amerikas groß gewordene „Messias der Rockmusik“ begibt sich im zarten Alter von nur 20 Jahren auf eigene Faust in Richtung New York auf. Die Stadt war damals längst das, was sie noch immer ist: Melting Pot und Geburtsstadt unzähliger großer Karrieren. Nicht anders war das auch bei Dylan, der damals schon nicht mehr Zimmermann war. Nur ein Jahr später erhält der bis dahin mit Songs seines Idols Woody Guthrie durch kleine Clubs tingelnde Musiker als erster Folk-Musiker überhaupt einen Plattenvertrag bei Columbia Records, einem der absoluten Globalplayer im Musikbuisness. Was folgte, ist längst Geschichte. Einer der ersten ausgekoppelten Songs war „Blowing in the wind“ – bis heute ohne jegliche Zweifel einer der einflussreichsten und großartigsten Stück, die jemals produziert wurden. Als er mit seiner späteren Langzeit-Liebhaberin Joan Baez durch die Land tourt, war der Aufstieg des Autodidakten nicht mehr aufzuhalten, schon mit seinem zweiten und seinem dritten Album „Freewheelin‘ Bob Dylan“ (1963) und „The Times they are A-Changing“ (1964) und Songs wie „A hard Rains A-gonna fall“, oder „With God on Our Side“ und vielen anderen begann der damals noch in rockigeren Gefilden wandelnde Künstler Musikgeschichte zu schreiben. Vor allem in der Pazifisten-Bewegung genoss Bob Dylan Kultstatus. Auf Protestveranstaltungen weltweit laufen Dylans Songs auf und ab, die Presse – von ihm nicht selten als notwendiges Übel abgetan – stilisiert ihn zur Ikone hoch, die Menschen, männlich wie weiblich, liegen ihm zu Füßen. Faktoren, die im Laufe der Jahre zu einer zusehenden Müdigkeit bei Dylan sorgen. Ende der Dekade zieht er sich immer mehr zurück, erst einige Jahre später comebackt er umjubelt. Und war gekommen, um zu bleiben. Wie nachhaltig sein Dasein ist, das verriet kürzlich Kiss-Frontmann Gene Simmons. Im Interview mit The Pulse Of Radio verrät der Sänger über das Zustandekommen der Kollaboration mit Dylan: „Jeder kauft sich Lotterietickets. Aber wie groß ist die Chance zu gewinnen? Sie ist niedrig. Aber was solls? Es gibt eine Chance zu gewinnen und das reicht mir. Deshalb habe ich seinen Manager angerufen und gefragt ‚Kann ich mit Bob sprechen?‘ ‚Worüber willst du mit ihm reden?‘ ‚Ich… ich will einen Song mit Bob schreiben‘.“ Gesagt, getan: Zwei Tage später stand der vor Simmons‘ Haus. Nur mit seinem Van, einem Fahrer und seiner Akustik-Gitarre. Das Resultat: „Waiting For The Morning Light“, 1991 auf einer Soloscheibe von Simmons erschienen. Lang ist es her. Und mit den Jahren wurde Dylan sanfter. Bei Plattenaufnahmen schiebt er mit Jazz-Standards schon länger eine ruhige Kugel – Fachleute trauen ihm durchaus noch ein spätes Meisterwerk zu. Wann der Vorhang fällt, verrät der grosse Schweiger natürlich nicht. Das wäre so ganz untypisch für ihn. „Möge dein Herz immer fröhlich sein und dein Lied immer gesungen sein“ – so zwei Zeilen aus dem alten Gassenhauer „Forever young“. Über ein fröhliches Herz, wenn Dauergrantler Bob Dylan singt, können sich viele Leute und Anhänger ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dafür werden Dylans Lieder auch über Jahre gesehen noch immer gerne gesungen werden. Die Fußstapfen, die Bob Dylan hinterlässt, sind großartig. Und auch wenn das fast ein bisschen wie ein Nachruf klingt: Von seiner grandiosen Aura hat der 76-Jährige bis heute nichts, aber auch gar nichts, verloren. Eher im Gegenteil. Mögest du für immer jung bleiben, Bob!

 

Fotocredits:

Bob Dylan beim Akzena Rock-Festival, Foto: Alberto Cabello, Vitoria Gasteiz © CC BY 2.0, Wikimedia Commons

Andreas Bär
04.04.2018

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