Aufbruch in die musikalische Moderne

Der 33. „Kissinger Sommer“ fokussiert den Anfang des 20. Jahrhunderts

Aufbruch in die musikalische Moderne

 Die Zeit nach dem Ende des I. Weltkriegs war eine Zeit des künstlerischen Aufbruchs, gerade auch in der Musik. 100 Jahre später konzentriert sich ein wesentlicher Aspekt des Kissinger Sommers auf die Meister dieser Epoche und des 20. Jahrhunderts insgesamt. Mit „1918 – Aufbruch in die Moderne“ ist die 33. Edition dieses überaus erfolgreichen Festivals überschrieben, und es beginnt auch mit einem Werk, das sich wie ein Abschied von der alten romantischen Welt ausnimmt: Mit Edward Elgars Konzert für Violoncello und Orchester, das die diesjährige Porträtkünstlerin Sol Gabetta interpretieren wird. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, heuer hauptsächliches Festivalorchester, wird sie dabei unter der Leitung Paavo Järvi begleiten.

Was sich daran anschließt, ist einmal mehr ein imposanter Gang durch alle nur denkbaren Gattungen, Stile und Epochen sowie das Aufbieten zahlreicher Solisten und Ensembles von internationalem Rang. Der immer noch recht „frische“ Intendant Tilman Schlömp hat sich manches Neue ausgedacht, sogar weitere Spielorte sind hinzugekommen. Dabei war es schon seit Anfang an ein besonderes Merkmal dieses Musikfestivals, dass es über Räume mit besonders guter Akustik und besonders großem Charme verfügt; der prachtvolle Max-Littmann-Saal sei nur genannt oder der wunderbare Rossini-Saal. So wurde der Innenhof des historischen Luitpoldbades für Freiluft-Konzerte hergerichtet und soll am 30. Juni zu seiner Inauguration dem Venice Baroque Orchestra einen feierlichen Rahmen bieten.

Der Festivalauftakt ist heuer am 15. Juni und dessen Solistin Sol Gabetta wird man anderntags bei einem nachmittäglichen „Gipfeltreffen“ mit der Ausnahmegeigerin Janine Jansen und dem Pianisten Alexander Gavryluk gleich nochmals hören können. Abends dann ein Programm, das so recht zum Jahresmotto passt: „Neue Alte Musik“ wird vom Linos Ensemble aufgeführt, und damit ist u.a. Johann Strauß gemeint, dessen Walzer von Arnold Schönberg (der 1918 seinen „Verein für musikalische Privataufführungen“ gegründet hatte) sowie dessen Schülern Anton von Webern und Alban Berg arrangiert wurden. Tags drauf ist Janine Jansen abermals zu hören, diesmal mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms. Zu den seit langem arrivierten Stars gehört die Pianistin Elisabeth Leonskaja, die am 18. Juni zu Gast sein wird.

Kaum verabschiedet sich Sol Gabetta am 19. Juni vom Festival, steht auch schon der nächste prominente Künstler auf der Matte: Martin Grubinger, der Ausnahmeperkussionist, wird am 21. Juni ein Konzert mit den Wiener Symphonikern geben. Dasselbe Orchester begleitet einen Tag später auch die Pianistin Khatia Bunitishvili, die bereits im Vorjahr für Furore sorgte. Und wenn wir schon bei den ganz großen Stars im Klaviergewerbe sind: auch Arcadi Volodos und Grigory Sokolov, beide von Beginn an treue Künstlerpersönlichkeiten des Kissinger Sommers, kommen wieder und werden im Littmann-Saal am 1. und am 10. Juli sicherlich kaum Plätze frei lassen. Zu den großen Namen seines Faches zählt auch der Klarinettist Paul Meyer, der am 23. und 24. Juni unter dem Motto „Les vents francais“ antritt.

Politisch klingt die „Symphonische Friedensbotschaft“ die der Maestro Valery Gergiev am 23. Juni mit dem Orchester der Russisch-Deutsch Musikakademie entbieten wird. Am nächsten Tag markiert Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ das Ende des I. Weltkriegs: 1918 wurde das legendäre Musikstück uraufgeführt. In Bad Kissingen erklingt es in höchst prominenter Besetzung, nämlich mit Katja Riemann als Rezitatorin und in der Rolle des Teufels, Daniel Hope als geigendem Soldat sowie Thomas Quasthoff als Erzähler. Die Bamberger Symphoniker, seit Jahrzehnten wichtiges Festivalorchester, werden zweimal zu Gast sein: am 8. Juli unter der Leitung Enoch zu Guttenbergs (u.a. mit Mozarts Requiem) und am 13. Juli unter dem Dirigat Marek Janowskis. Dann spielt Arabella Steinbacher Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert unter der viel versprechenden Überschrift „Silbern schimmernder Streicherklang“.

„Odeonsplatz-Feeling“ verspricht das Konzert des BR-Symphonieorchesters unter der Leitung des Dirigenten Robin Ticciati am 14. Juli. Beim Abschlusskonzert am 15. Juli wird eine Frau am Pult stehen: Alondra de la Parra dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und abermals wird mit Werken von Claude Debussy, George Gershwin und Manuel de Falla die erste Jahrhunderthälfte ins Blickfeld gerückt. Der „Kissinger Klavierolymp“ wird als bewährtes Format fortgeführt, ebenso die „Kissinger Lieder-Werkstatt“ und der Meisterkurs für die Kissinger „Klavierolympier“ aus dem Vorjahr, der in den Händen Menachem Presslers liegt, des ebenso betagten wie hochberühmten Altmeisters der Pianistenzunft. Dem Klavier ist auch das Format „Schwarzweiss“ gewidmet: einige Schlüsselwerke der Moderne erklingen in vier Konzerten auf 52 weißen und 36 schwarzen Tasten.

 

Fotocredits:

Rossini-Saal Bad-Kissingen, Foto © Pressefoto

Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Foto © Sonja Werner

Martin Köhl
04.06.2018

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