Eine Aufführung zwischen Rührung und Jubel, Ironie und Wettgesang

Chor und Orchester der Universität Bamberg führen Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ auf

Eine Aufführung zwischen Rührung und Jubel, Ironie und Wettgesang

 Man darf sich alle Jahre wieder darüber wundern, auf welch exzellentem Niveau die universitäre Musikausübung zum Semesterausklang großformatige oratorische Aufführungen zu realisieren vermag. Über die Jahre von Michael Goldbach aufgebaut, führt seit gut drei Jahren Wilhelm Schmidts als musikalischer Leiter der Musik an der Universität diese längst zu einer festen Größen im Bamberger Kulturleben gewordene Tradition fort. Und man darf sagen: mit großem Erfolg, wie nicht zuletzt die erfreuliche Publikumsresonanz auf die jüngste Darbietung in der Konzerthalle zeigte. Man darf dabei nicht vergessen, dass es angesichts der ständigen Fluktuation in der Studentenschaft keine leichte Aufgabe ist, geeignete Sänger und Sängerinnen sowie Instrumentalisten nicht nur zu gewinnen, sondern auch – noch wichtiger! – zu halten. Wer, wie am Samstag bei der Aufführung von Joseph Haydns „Schöpfung“ gesehen, über 100 Vokalisten und ein angemessen besetztes Orchester zu mobilisieren vermag, muss schon über einige Überzeugungskraft verfügen.

Es gibt kaum eine oratorische Einleitungsmusik, die von den ersten Takten an so schonungslos offenbart, welches Aufführungsniveau zu erwarten ist, wie das anfängliche „Chaos“ in Haydns Opus summum. Hier liegen die musikalischen Strukturen bloß, die Harmonien werden lang gehalten, die Streicher müssen sauber intonieren, die Holzbläser dürfen ihre ersten Läufe absolvieren. Wenn dann der Chor das „Fiat lux“ besingt und das Tutti erklingt, weiß man schon recht genau, was von der gebotenen „Schöpfung“ zu halten sein wird. Bezüglich des Orchesters klang das so vielversprechend, dass man zumindest von einem semiprofessionellen Niveau sprechen muss. Und mal ehrlich: einige Gesichter lassen ja auch auf einen längst absolvierten künstlerischen Hochschulabschluss schließen…

Der groß besetzte Chor besticht durch seine akkurate Intonation und eine imposante Klangfülle. Die Fuge auf die Textzeile „Denn er hat Himmel und Erde“ wies ihn überdies als kontrapunktisch versiertes Ensemble aus. Und er ist hellwach: schön die dezenten Einsätze im Duett von Adam und Eva zu Beginn des dritten Teiles! Wenn Johannes Weinhuber in der Rolle des Erzengels Raphael mit seinem sonoren Bassbariton als alttestamentarischer Geschichtenerzähler auftritt, ahnt man schnell, dass es bei den entsprechenden Textstellen auch mal augenzwinkernd zugeht. Wenn er beispielsweise die Tierwelt präsentiert, macht es ihm sichtlich Spaß, vom brüllenden Löwen über das kriechende Gewürm bis zum Summen der Insekten diese kuriose Auswahl aus dem Bestiarium mit lautmalerischer Unterstützung vorzustellen. Dass hier auch besondere instrumentale Qualitäten gefordert sind, versteht sich von selbst.

Wer Martin Platz kürzlich als Telemachos in Monteverdis „Rückkehr des Odysseus“ an der Nürnberger Staatsoper erleben konnte, durfte auch Vorfreude über seinen Auftritt als Uriel empfinden. Spätestens beim Rezitativ „In vollem Glanze“ war die tenorale Welt im Glück: welch helle, schön timbrierte Stimme, die von den feinsten Pianissimi bis zum jubelnden Gesang keine Wünsche offen lässt. Geradezu berührend geriet seine Vorstellung des Menschenpaares im Rezitativ „Aus Rosenwolken bricht“. Man fragt sich allerdings, ob sich Haydn seine Apotheose auf das Vernunftwesen – aus aufklärerischer Perspektive verständlich – eher verkniffen hätte, wäre ihm früh genug souffliert worden, dass dieses fatale Schöpfungsresultat später einmal den Planeten ruinieren würde… Das Erzengel-Terzett wurde komplettiert durch den schlanken, gleichwohl strahlenden Sopran Maximiliane Schwedas, zunächst als Gabriel, dann als Eva.

Von Höhepunkten dieser Aufführung ließe sich viel erzählen, ein erster davon ist natürlich der Chor „Die Himmel erzählen“, in dem Wilhelm Schmidts demonstrierte, dass er nicht nur ein feinfühliger Chorleiter ist, sondern stets auch gestisch die angemessenen Impulse für das Orchester zu geben vermag. Gleich anschließend das Terzett „Dem kommenden Tage“, noch so ein Highlight, das einem das Herz aufgehen lassen konnte! Als dann endlich die beiden Menschenkinder das Turteln beginnen, Adam seine Besitzansprüche klarstellt und Eva ihm brav mit den Worten „Dir gehorchen bringt mir Freude“ beipflichtet, liegt eine gehörige Prise Ironie in der Luft. Aber Haydn duldet keine Zweifel und fegt später alle Bedenken mit seinem finalen „Wettgesang“ hinweg. Fazit: eine gehaltvolle Aufführung, rührend und jubelnd – die Bamberger Universität darf stolz sein!

 

Fotocredits:

Chor und Orchester der Universität Bamberg geben zum Semesterschlusskonzert Jospeh Haydns „Die Schöpfung“ zum Besten, Foto © Rudolf Hein/Universität Bamberg

Mrtin Köhl
04.07.2018

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