„Ich bin sicher, Rembrandt liebt mich.“

Jena zeigt Ausstellung über Marc Chagall

„Ich bin sicher, Rembrandt liebt mich.“

 Marc Chagall steht mit seiner Biografie stellvertretend für das Schicksal jener Menschen, die ihr Leben an einem anderen Ort und in einer anderen kulturellen Umgebung meistern mussten. Unter den vielen Künstlern aus zahlreichen Ländern, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Paris getroffen haben, ist er zunächst wenig auffällig, kann sich schnell integrieren. Er schließt Freundschaften mit den Malern Robert Delaunay, Fernand Léger, Amedeo Modigliani und mit Dichtern wie Guillaume Apollinaire, Max Jacob und Blaise Cendrars. Die in St. Petersburg erlernten Grundlagen der Malerei öffnet er in Paris für die neuen Stilrichtungen und verbindet diese in originärer Weise mit den traditionellen Sagen und Mythen der russischen Volkskunst. Schon bald wird er wegen dieser poetischen Abstraktionen von seinen Freunden le poète (Der Dichter) genannt und entwickelt sich in den folgenden Jahrzehnten zu einem der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Es gibt nur wenige berühmte Künstler, bei denen das Literarische, die Poesie, eine dermaßen grundlegende, das Werk bestimmende und formende Bedeutung haben, wie das bei Chagall der Fall ist. Mit seiner jüdisch-orthodoxen Herkunft, der Sehnsucht des Exilanten nach Heimat und seiner tiefen Verwurzelung im russischen Volksglauben verfügt Chagall über einen Fundus an Grundlagen, den er mit großem künstlerischen Einfallsreichtum zu nutzen weiß. ­Motive aus der Bibel, der russischen und französischen Literatur und dem Zirkus sind neben Reflexionen zu seiner osteuropäischen Heimat die Hauptthemen seiner Bilder. Er steht verschiedenen Strömungen der Künste nahe, findet jedoch zu einer so eigenständigen Bildsprache, dass sein Werk unverwechselbar ist.

Vom 2. September bis 18. November 2018 zeigt die Kunstsammlung Jena eine Ausstellung, die neben Gemälden, Zeichnungen und grafischen Zyklen Chagalls auch jene Eigenart, die Liebe zur Literatur und deren bildnerische Ausformungen herausarbeitet. Zusammen mit den Galeristen und Verlegern Ambroise Vollard und Tériade hat Chagall einige der bedeutendsten Malerbücher des 20. Jahrhunderts herausgegeben, die heute zu den Meisterwerken der Kunst der Klassischen Moderne zählen. Ein Teil dieser Bücher, so etwa die Bibel oder „Die toten Seelen“ (Gogol) ­wurden von Ambroise Vollard in Auftrag ­gegeben und später unter der Herausgeberschaft von Tériade vollendet.

So wie Chagall sind auch Pablo Picasso, Fernand Léger, Henri Matisse und andere Schöpfer dieser äußerst aufwändigen Kunstwerke zuallererst ­Maler, die oft sehr lange daran arbeiteten, kein abschließendes Bild suchten, sondern vielteilige grafische Folgen geschaffen haben, die sich zu einem Gesamtkunstwerk addieren. Das Ergebnis sind autonome Übereinkünfte zwischen Bildern und Texten, die sich begleiten, treffen, wieder entfernen und in jedem Falle eines sind: etwas Besonderes, etwas, das in Kassetten oder hinter Buchdeckeln schlummert und sich der schnellen Betrachtung entzieht. Es ist ein verborgener Reichtum; einer, der sich erst durch den Einsatz des Betrachters offenbart. Ganz nebenher verweisen die Werke auf jenes Miteinander von Dichtern und Malern, wie dieses in der Pariser Bohème gelebt wurde.

Neben Gemälden und Zeichnungen sind es vor allem jene Malerbücher, denen die Jenaer Ausstellung in besonderer Weise gewidmet ist. Einige davon werden in gebundener Form, versehen mit Prachteinbänden, vorgestellt. Eine Vielzahl der Bücher wird gerahmt gezeigt, so dass ein wesentlicher Teil dieser seltenen und wertvollen Gesamtkunstwerke betrachtet werden kann.

Der Dichter André Suarès schrieb einmal über Vollard: „Seine Leidenschaft für das Buch, so wie er es auffasste, war ungleich stärker als seine Liebe zu Bildern. Er wollte, dass ein Buch das Meisterwerk eines großen Malers sei.“ Dass dies kein leeres Versprechen geblieben ist, belegt die Ausstellung eindrucksvoll. Alle Malerbücher der Ausstellung durften wir aus einer umfangreichen Privatsammlung auswählen, die sich für die Ausstellung in der Kunstsammlung Jena erstmals geöffnet hat. Die Gemälde der Ausstellung wurden von Museen und Sammlungen aus Frankreich, Belgien, Deutschland und der Schweiz zur Verfügung ­gestellt.


Fotocredits:

Fernand Léger, Cirque, 1950, Lithografie, Privatsammlung, Foto © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Marc Chagall, Das gelbe Dorf, 1968, Öl auf Leinwand, Sammlung Würth, Foto © Köbi Jägli, Klosters, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Georges Rouault, Passion, 1939, Radierung, Privatsammlung, Foto, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Joan Miró, König Ubu, 1966, Farblithografie, Privatsammlung, Foto © VG Bild-Kunst, Bonn 2018


02.10.2018

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