So international wie nie!

Musik aus vielen Teilen der Welt beim Bayreuther Jazz-November

So international wie nie!

 Höher, schneller, weiter? Nicht immer muss das ein probates Mittel sein. Die Macher des Bayreuther Jazz-November haben vor der zwölften Auflage des traditionell elektrisierenden Festivals zumindest in einer Hinsicht einen Schritt zurück gemacht. Anstatt der sechs Locations aus dem Vorjahr bespielen die Künstler in diesem Jahr nur noch vier Lokalitäten. Doch auch da gibt es Neuigkeiten: Die Spätkonzerte werden in der Kult-Diskothek San Francisco, den Bayreuthern gemeinhin bekannt als „Frisco“, stattfinden. Ein Veranstaltungsort, der so manchen zurückversetzen dürfte in seine Jugend der 80er- und 90er-­Jahre. Nostalgie pur ist garantiert, wenn die Stimmungsgaranten des „Bahama Soul Club“ am 9. November ab 22.30 Uhr ihre Rückkehr in die Wagnerstadt mit afro-amerikanischen Beats feiern und die Tanzfläche füllen. Sie sind nur ein Teil eines international wie nie zuvor über die Bühne gehenden Jazz-Novembers. Künstler aus vielen europäischen Staaten werden, ebenso wie Akteure aus dem Senegal und den Vereinigten Staaten von Amerika, den Stimmungspegel hochhalten. Mit zwei absoluten Überfliegern, die in hiesigen Gefilden noch immer weit unter ihrem internationalen Radar fliegen, lassen die Macher dabei besonders aufhorchen: der Vollblut-Römer Antonio Farao, seines Zeichens begnadeter Jazz-Pianist mit legendären Arrangements und Wojtek Mazolewski, in seiner polnischen Heimat unumwundener Superstar mit hohem Hitpotenzial.

Neben dem bewährten Bechersaal werden die Gigs im Glashaus auf dem Universitätscampus und im ­Zentrum absolviert. Den Auftakt bildet dabei ein echter Kracher. Im Bechersaal wird am 8. November (19.30 Uhr) Antonio Farao zusammen mit Ira Coleman und Jeff Watts auf der Bühne stehen. Das BlacK InsidE Trio verspricht ein echtes Highlight zu werden. „Antonio ist nicht nur ein guter Pianist“, so Jazz-Ikone Herbie Hancock über den charismatischen Glatzkopf, „aber ein großartiger!“. Mit unzähligen Größen stand er schon im Studio, mit Preisen wurde er geradezu überhäuft. Einst spielte er mit Coleman und Watts 1988 das Album „Black Inside“ ein – mit den beiden spielte er seither nicht mehr zusammen. Bis jetzt. Zum Jubiläum haben sich die drei Virtuosen erneut zusammengetan, um mit ihrem Jazz die Anhänger zu begeistern.

Vier Stunden später wird es im Glashaus nicht minder spannend. Jan Roth, Pianist aus dem Geigenörtchen Markneukirchen im Vogtland, bespielt zusammen mit den vier Bläsern Antonia Hausmann, Alex Binder, Fritz Moshammer und Maximilian Stadtfeld die Bühne. Der inzwischen in Leipzig wohnhafte Roth überzeugt dabei mit beschaulichen ­Klangteppichen, mal minimalistisch, mal ruppig-forsch. Aber eines immer: intensiv.

Am Freitag geht es im Becher-Saal erneut rund. Das Wojtek Mazolewski Quintett gibt sich die Ehre. Polen ist musikalisch offen für mutige Experimenteure wie Wojtek Mazolewski. Deshalb ist der unkonventionelle Bassist und Komponist ein Star der polnischen Jazzszene. Mit seinem Quintett fügt er unterschiedlichste Fäden zum spannungsgeladenen Strickwerk. Ob harmonisch-edel, entspannt und melodiös oder hart und synthetisch – hier wächst zusammen, was überraschend gut zusammengehört. Die Mischung aus polnischer Jazztradition, frischen rockigen Sounds und klassischen Elementen ergibt in der Summe ein feines Klangbild, das Lust auf mehr macht.

Einen ganz anderen Stil wird Bayreuth am Samstag an gleicher Stelle zu hören bekommen. Reijseger-Fraanje-Sylla versprechen eine geniale Mixtur, verbinden modernen Jazz mit Neuer Musik und den traditionellen Klangwelten Westafrikas. Emotional, international, abseits jeder Kategorie. Wenn sich Holland und der Senegal zum wilden Tanz treffen, dann wird geswingt. Ernst Reijseger, einer der bekanntesten Improvisationskünstler der Niederlande, hüpft sprunghaft auf seinem Cello, wird dabei hörenswert unterstützt von Mola Sylla an den Rasseln und ­Harmen Fraanje am Klavier. Ganz großer Sport der Multi-Kulti-Truppe.

Im Zentrum wird um 22.30 Uhr ­Indra Rios-Moore eher politische Töne anschlagen. Eine Stimme zum Wegträumen, edel und virtuos, sanft, hell, tragfähig mit großer Substanz. Sie singt Jazz, der schöner kaum klingen könnte, verortet an der Schnittstelle von Gospel, Pop und erdigem Blues. Und dabei schwingt sie die gesellschaftskritische Keule mit aller Vehemenz. Nach Bayreuth kommt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem dänischen Saxofonisten Benjamin Traerup. Thomas Sejthen am Kontrabass und Knut Finsrud am Schlagzeug vervollständigen das Quartett.

Das große Finale am 11. November wird erneut im Becher-Saal vonstattengehen. Luciano Biondini (Akkordeon), Michel Godard (Tuba) und Lucas ­Niggli am Schlagzeug erzählen ihre Geschichten musikalisch. Aus Frankreich, Italien und der Schweiz stammen die drei Musiker, im Dreiländereck haben sie sich zum grenzüberschreitenden Trio verbunden. Genauso leichtfüßig überschreiten sie die Grenzen der musikalischen Genres. Ob Alte oder Neue Musik, Folkore, Tango oder jazzige Improvisation – das Trio aus dem Hochgebirge packt munter zusammen, was es zum Geschichtenerzählen braucht. Für die Zuhörer bietet sich am Ende Jazz mit nostalgischem Charme.

 

Fotocredits:

Indra Rios Moore, Foto © Pierrick Guidou

Biondini Godard Niggli, Foto © Thomas Radlwimmer

Bahama Soul Club, Foto © Presse

Andreas Bär
04.10.2018

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