„Ach Marie, komm doch zurück aus Berlin“

Dr. Umwuchts Tanzpalast - Freizeit als Beruf

„Ach Marie, komm doch zurück aus Berlin“

 Dr. Umwuchts Tanzpalast - Freizeit als Beruf

Dr. Umwuchts Tanzpalast – 2010 geboren, 2015 sechs geworden, seit zwei bis drei Jahren in aktueller Besetzung im Umlauf. 2018 endlich das erste vollständige Album „Freizeit als Beruf“, das nun auch in Vinyl geritzt wurde. Der Bandname war ein Schreibfehler, der viel Interpretationsspielraum lässt: Dr.?! Umwucht(en)!? Drumwuchten!? Tanzpalast??? – Unwucht war natürlich gemeint... irgendwas also, was um die eigene Trägheit kreist. Der „Dr.“ als Symbol für die Denkfreude der Musiker. Der Tanzpalast als Manifest der musikalischen Botschaft Richtung Bauch, Beine und Po, als Ort des Vergnügens und der stickigen Luft. „Wir sammeln inzwischen die Interpretationen“, verraten Andreas Klenk und Nikolaus Durst im Interview. Sie zeigen sich für jedwede Erklärung aufgeschlossen: „Am Ende geht es um Tanzmusik mit Köpfchen“, lösen Sie ihre Erklärungsmuster auf, die unter anderem auch die Theorie des triphasischen Homovokalismus bemühten; die drei Chinesen mit dem Kontrabass lassen grüßen. Aufgeschlossen sein – das trifft den Nagel auf den Kopf. Es zieht sich durch das Gespräch, spiegelt ihre Haltung musikalisch und im Rest des Lebens.

"Wir haben schon ­lange um kein Feuer mehr ­getanzt, wir zwei, drei, vier... um das Feuer.
Wie lange haben wir um kein Feuer mehr getanzt, wir drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, ...um das Feuer.
Ich glaub der Horizont geht mir aus dem Weg und der Zukunft lauf ich immer hinterher..."

Titel: Der Sommer will genutzt sein

Der Titel des Debüts ist also Programm: Irgendwo zwischen Freizeit und Beruf ist sie zu verorten, die musikalische Leidenschaft der sechs Künstler und Musiker zwischen Beruf und Berufung. Sie machen ernst mit klangvollem Spaß und bieten Raum für Gedanken in viele Richtungen – ohne Zeigefinger, aber mit klarer, wenngleich weicher Kante. Eine gewisse Unverbindlichkeit gehört zum Konzept, liegt in der Musik und in den Texten. „Glaubst Du an irgendwen?“ fragt das Ensemble im Track „Universum (ohne Hose)“ und zählt sie auf, die Terminologie der Wohlstandsgesellschaft, die Begrifflichkeiten der eigenen Lebenswelt. Die Suche nach verlässlichen Komponenten, nach den großen Erzählungen scheint durch – oder Sie haben sie schon abgeschrieben und besingen deren Ende?

Sie bejahen alles und nichts und werden besser nicht konkret. Nicht so richtig, nicht unbedingt im Liedtext, dafür von der Couch aus, in Unterbüchs!?

Wer hat ihn gesehen, wo ist er geblieben, was ist mit ihm geschehen, er wollte von der Kunst leben!
Ein Budget haben wir leider nicht, aber das ist doch Werbung für Dich.

Titel: Er wollte von der Kunst leben

Autobiographisch geprägt seien die Songs vor allem, sagen die beiden Musiker, in jedem stecke die ein oder andere persönliche Geschichte. Schon auch mal mit offenem Anfang, mit offenem Ende. Und dann gebe es doch klare Ansagen, eine klare Position. „Mal im Text, mal von der Bühne herab“, beteuert Andi, und liefert aus dem Effeff die Textpassagen als Beweismaterial: „Glaubst du an Effizienz, ...glaubst du dem bayerischen Kultusministerium...?“ Nein, eine ausformulierte Position sei es nicht immer, aber eine deutliche Lesbarkeit hier und da. Wie auch bei „Ach Marie, komm doch zurück aus Berlin“, das exemplarisch dafür stehe, eingefahrene Positionen zu hinterfragen und sich selbst und andere auch einmal vom Gegenteil zu überzeugen. Die Band sei stark dialektisch veranlagt, verpflichte sich auch selbst, Perspektiven- und Richtungswechsel zuzulassen. Und bekennt dann beispielsweise doch klar: „Ich will kein Lalalalala, ich will kein Leistungsträger sein.“ Sie überträgt das Experiment des Lebens in das Musikalische. Insbesondere die Disko-Facette des Liedermacher-Jazz-Punk, wie sie ihre Musik selbst beschreibt, schleicht an verschiedener Stelle in die Songs hinein und unterstreicht musikalisch die geistige Haltung der Abkehr von Verbindlichkeit und Konvention. Sie zieht den offenen, selbst- und fremdkritischen Ansatz in die Musik hinein, in die gefühlte Welt, die körperliche Ekstase, die zum Lösungsansatz der „Tanzpalastkapelle“ zwingend dazu gehört.

Dr. Umwuchts Tanzpalast können alles und müssen nichts. Schwer denken, leichtfüßig musizieren und auch mal umgekehrt. Ein wenig Dada darf dann sein. Ein bisschen Intellektualität. Deutschsprachige Dialektik. Dialekt gerne im zufälligen Ausnahmefall. Ja, es sei schon auch irgendwo ironischer Besserwisser-Schmunzelrock, stimmen Andi und Nik zu, auch wenn sich das erst einmal kränkend anhöre. Aber es passe zum Ironischen. Gutmensch treffe es aber noch besser. Das dann auch gerne als Statement. Komödiantisch seien sie dabei, auch vergnüglich, dann mal abstrakt und eben vor allem ironisch und der Satire verpflichtet. Ganz egal, ob auf der Straße oder auf Club- und Festivalbühnen. Musizieren ist die Passion und steht vorneweg. Erst darin machen ihre leisen und lauten Gedanken Sinn, deren Klarheit in ihrer Offenheit zu suchen und zu finden ist. Und am Ende muss es niemand zu ernst nehmen. Denn es ist vor allem das Tanzen, das befreit.

 

Information:

13. Oktober: Dr. Umwuchts Tanzpalast beim Nürnberg.Pop-Festival (Showcase Lokale Leidenschaften + Konzert)

Schallplattenveröffentlichungsveranstaltung:

(support: Majofran, Aftershow: Rumpelkopf)

Wann? Freitag, 19. Oktober 2018, Einlass 20 Uhr
Wo? Haas-Säle Bamberg

Eintritt: 8,– € im Vorverkauf
Tickets: Kaffeehaus Krumm&Schief / Kiosk Kunni / Liveclub Bamberg / und online: www.drumwucht.de
 

 

Fotocredits:

Pressebild © Olga Seehafer

Motiv © Andreas Klenk


 

Oliver Will
04.10.2018

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